Frankfurter Gemeine Zeitung

Kein Humburg in Hamburg. Sondern Bewohner, die ein Recht auf ihre Stadt fordern

“RECHT AUF STADT.

Wir sind wütend – und das aus den unterschiedlichsten Gründen. Wir beobachten, wie Gebäude leer stehen, während Parks und Grünflächen für neue Bürokomplexe zubetoniert werden. Wir kennen die Tücken des Wohnungsmarktes und erfahren, dass es immer weniger Sozialwohnungen in Hamburg gibt. Wir sehen, dass teure Prestigeobjekte am Hafenrand wachsen und luxuriöse Eigentumswohnungen in den als besonders attraktiv geltenden Vierteln gebaut werden. Wir sind Zeugen steigender Mieten und verfolgen, wie lang ansässige Familien und Gewerbe verdrängt, Kettengastronomien aufgezogen, Miet- in Eigentumswohnungen umgewandelt und öffentliche und kulturelle Räume beschnitten werden. Schon jetzt müssen viele Menschen ihren Stadtteil verlassen, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können.

Deshalb gehen wir auf die Barrikaden gegen die Privatisierung von Stadt und gegen eine Politik, die allein auf die Rendite schielt und unbeirrt weitere prestigeträchtige Großprojekte an Land ziehen will. Wir wollen keine Stadt, die als Unternehmen profitabel am Markt positioniert wird.

Hamburgs Leitbilder der unternehmerischen und wachsenden Stadt – egal ob mit oder ohne Weitsicht – sind nicht die unsrigen. Wir nehmen nicht länger hin, dass der Senat unsere Bedürfnisse und Lebensqualität dem Standortmarketing und dem Wirtschaftswachstum kategorisch unterordnet. Die Unsummen, die die Stadt derzeit z.B. in die HSH-Nordbank, die Elbphilharmonie und die U4 pumpt, holt sie sich über Kürzungen im sozialen und kulturellen Bereich wieder. Auf der Strecke bleiben alle, die nicht ins Bild eines prestigepolierten Hamburgs passen. Wir stellen die soziale Frage und sagen: Die Stadt gehört allen, und die Stadt muss für alle bezahlbar sein!”

Dies sagt ein Netzwerk Hamburger Initiativen, die von Autonomen bis ins “bürgerliche Lager” reichen. Nähere Infos stehen hier http://centrosociale.breitaufgestellt.de/gentrifizierung/rechtaufstadt


Wo die bösen Onkels wohnten-Der Frankfurter Berg

Julius-Brechtstrasse

M lebte ihr Leben lang am Frankfurter Berg. Mehr als 20 Jahre lang in der Julius Brechtstrasse bei ihren Eltern, dann für ein paar Monate in

einer der Wohnungen , die dort gebaut worden, wo ehemals die Kasernen und Wohngebäude der US-Army gestanden haben. Nur hundert Meter von der Julius-Brechtstrasse entfernt und doch eine andere Welt. In der Julius Brechtstrasse stehen 20-stöckige Hochhäuser, die neuen Häuser haben nur vier Stockwerke und sind neu.

Die Julius Brechtstrasse wurde nach Julius Brecht benannt. Julius Brecht war ein SPD-Abgeordneter, er wurde 1951 Direktor des Gesamtverbandes gemeinnütziger Wohnungsunternehmen. Er war stellvertretender Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Wohnungswesen, Bau- und Bodenrecht. Nach Brecht sind in vielen Städten Straßen und Wege benannt, meistens in Gebieten, die von gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften bebaut wurden.

Der neu geschaffene Margeritenweg hingegen ist nicht nach einem stellvertretenden Vorsitzenden eines Bundestagsausschusses für Wohnungswesen benannt, sondern nach einer Blume, der Margerite. Der Name dieser Strasse knüpft damit an eine älterer Tradition an, nämlich an die 1937 am Frankfurter Berg entstandenen Arbeiterkolonie, den Hagebutten- und Holunderweg. In den 60er Jahren sollten die Bewohnen in Frankfurt und anderen Städten immer mit positiven Gefühlen an den SPD-Abgeordneten denken, dem sie es verdanken, dass sie dort so gemeinnützig wohnen dürfen. Die Bewohner im Margeritenweg hingegen sollen nicht mehr an SPD-Abgeordnete denken, auch nicht an die Nutzpflanzen Hagebutten oder Holunder wie die beglückten Arbeiter im Nationalsozialismus, sondern an schöne, aber für alle erschwingliche Blumen. Nur so lässt sich die Aufwertung eines Wohngebietes erreichen. Sie sollen zu sich und ihrer neuen Wohnung sagen können: Du bist wie eine Blume. Wie es im Kopf von Julius Brecht aussah, wissen wir nicht. Anders im Fall der Margerite:

“In der Mitte des Köpfchens einer Margerite befinden sich bis zu 400 winzig kleine, gelbe Röhrenblüten. Sie sind von 7 bis 43 weißen Zungenblüten umrahmt. Die Zungenblüten sehen außen wie eine Zunge aus. Die Margerite wird auch Orakelblume genannt, weil man glaubte, durch Abzupfen der weißen Blütenblätter Antwort auf eine geheime Frage zu bekommen. Zum Beispiel: Sie liebt mich, von Herzen – mit Schmerzen – ein bisschen – ein wenig, oder gar nicht, bis das letzte Blatt die Antwort bringt.“

Über den Frankfurter Berg findet man eine Beschreibung in der Biographie der bekannten Frankfurter Band „Böhze Onkels“. Ein Mitglied der Frankfurter Band Böhze Onkelz ist in der Julius Brechtstrasse aufgewachsen.

„Der Frankfurter Berg in Frankfurt-Bonames, und die Julius-Brecht-Straße im besonderen, waren ein nördlicher Stadtteil, in dem man freiwillig niemals wohnen würde. 20-stöckige Hochhäuser versperrten hier den Blick auf einen dunkelgrauen Himmel. Mächtige Bunker mit ramponierten Fahrstühlen, in denen mehrmals pro Jahr eine Frau vergewaltigt wurde, mit düsteren Treppenaufgängen, mit vollgesprühten Garagentoren und mit kryptischen Parolen an den Wänden. Die Briefkästen waren aufgebrochen oder ausgebrannt, die Türen zum Dach eingetreten. Der Frankfurter Berg war so Scheiße, man musste nur dort wohnen und man wurde automatisch krank. Wirklich interessant wurde es nur, wenn die Bullen kamen oder ein Selbstmörder vom Dach sprang.. Bizarre hessische Wohnkultur. Im Zentrum lag die Trinkhalle, oasengleich neben einer Bushaltestelle. Treffpunkt von Erwachsenen, die sich wieder und wieder darüber klar wurden, dass sie alle im selben Boot saßen. Frauen mit Lockenwicklern, die, nachlässig in verschwitzte Haushaltskittel gekleidet, nach der Neuen Revue schnappten. Männer mit dicken Bäuchen, Hefebusen und ausgebeulten Trainingshosen. Dahinter Trafohäuschen und Überlandleitungen, Balkone, die sich bis zum Himmel stapelten, Fahrradreste und geparkte Autos, manche ohne Reifen.“

Diese poetischen Impressionen treffen eine Realität, aber sie verzerren sie. Das hängt damit zusammen, dass sie nicht einfach eine Erfahrung wiedergeben, sondern gleichzeitig begründen sollen, warum die Böhzen Onkelz mit gutem Recht die Böhzen Onkelz wurden, bevor sie sich eines weniger bösen besonnen haben.

Auf der Homepage der Stadt Frankfurt findet man folgende Beschreibung des Frankfurter Berges

„Die ehemals Bonameser Siedlung ist erst seit dem 1. Juli 1996 ein «waschechter» Stadtteil – aber schon seit der Errichtung der ersten Häuser der Arbeiterkolonie in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bewies der Frankfurter Berg seine Eigenständigkeit. Mitte der 60er Jahre wuchs der Stadtteil über diese Kolonie hinaus, die Hochhäuser an der Brechtstraße kamen hinzu. Seit Mitte der Neunziger Jahre sind auch die amerikanischen «Edwards-Housings» Teil des Frankfurter Bergs. Die klimatischen Bedingungen sind ausgezeichnet; der Lärm der City ist weit weg, und der Blick zum Taunus oder zur Skyline der Innenstadt ist – vor allem aus den obersten Stockwerken der sanierten Hochhäuser – einmalig. Und schließlich: Was dem Frankfurter Berg an Gastronomie und Kulturbetrieb fehlt, machen die Vereine mehr als wett. Wer sich hier einmal niedergelassen hat, der geht nicht mehr weg, sagen die Bewohner dieses Stadtteils.“

Man kann den Frankfurter Berg als trüben Spiegel des nach Kriegsende künstlich wiederaufgeschütteten Römerberg sehen. Hier kommt Frankfurt zu einem anderen Selbst. Zu einem verborgenen Ort. Die Fotos der 1937 errichteten Arbeiterkolonie erinnern an ein Dorf der Verdammten aus einem alten Film.

Frankfurter Berg 1938

Meine Mutter, die am Rhein und in Freiburg wohnte, meinte immer, meine Schwester sollte dort wegziehen, aber ich sagte: „Warum? Müssen alle in Altbauwohnungen wohnen? Wenn die Kids aus dem Haus treten, sehen sie sofort jemand, den sie kennen. Jemand, der zu ihnen sagt: ich bins. Und es ist günstig dort. Und die Nidda, da bist Du wie Nichts, die Nidda, da bist Du wie nichts im Nichts. Da kann man hervorragend Hunde spazieren führen, und die Brombeerhecken neben den S-Bahn-Gleisen sehen aus, als verrotten Mädchenschlüpfer in ihnen.“ Als ich noch nicht in Frankfurt wohnte und meine Schwester dort besuchte, kannte ich die Innenstadt nicht. Auch nicht Bornheim, Bockenheim, das Westend, das Mainufer. Meine Schwester fuhr mit mir niemals in die Stadt. Wozu auch. Frankfurt war für sie und für mich, den seltenen Besucher, dort. Dort .Dort.


Ein Beitrag mit dem abstoßenden Titel: Geld im Alter

GELD IM ALTER! Ich weiss: das geht an die Grenze des Erträglichen, fast so schlimm wie “Sex im Alter” oder ein Film von Lars von Trier. Wer also jetzt lieber aufhören will zu lesen und sich einen Lars von Trier-Film ansehen möchte, hat jetzt Gelegenheit dazu. Ich verstehe das.

Geld im Alter. Man ist ja immer IN EINEM Alter. Ich zum Beispiel bin in dem Alter, in dem das Alter irgendwann vor der Tür steht. Wie sieht wohl das Alter aus, wenn es vor der Tür steht?  Wenn wir gemeinsam diese Türe öffnen würden, würden wir sehen: Das Alter sieht so aus wie der alte Franz Müntefering an einem Regentag in Bochum. Also öffnen wir die Türe jetzt besser nicht.

Man könnte sagen: Meine biologische Uhr tickt. Kein Grund zur Schadenfreude, denn Ihre biologische Uhr tickt ebenfalls. Die biologischen Frauenuhren zum Beispiel ticken bekanntermaßen noch ein wenig schneller wegen der Gebäroption und Gebäroptionen sind noch schneller weg als Aktien-Optionen.

Das nervt, aber der Vorteil der biologischen Uhr gegenüber einer Digitaluhr ist, die tickt noch richtig LAUT, so laut wie diese Uhren in einem Actionfilm der 80er Jahre, die mit irgendeiner Art von Sprengsatz verbunden sind. Aber Arnold Schwarzenegger wird nicht kommen, um mich oder Sie zu retten, denn er mittlerweile Gouverneur in Kalifornien. Auch Franz Müntefering wird nicht kommen, denn er ist ins Reich der politisch Untoten abgesunken. Münte gehört zum sogenannten sozialdemokratischen Urgestein, das inzwischen ganz schön erodiert ist, aber er war auch mal jung. Als er noch etwas zu sagen hatte, sprach er über diese Zeit mit der der Wochen-Zeitschrift, die sich „Die Zeit“ nennt. Er sagte zu dieser Zeitschrift „Die Zeit“: „Ja, damals meinten wir, auch diejenigen, die ihr Leben lang Balalaika „Unter den Linden“ spielen, haben anschließend noch das Recht auf eine anständige Rente.» Vermutlich war dies zunächst ein Warnschuss an unsere russischen Freunde. Moskau ist mittlerweile die teuerste Stadt der Welt. Also haben Nobelpreisanwärter, Ex-Mitglieder der Leningrader Philharmoniker, ExU-Bootkommandanten der roten Armee und andere Gestrandete Mütterchen Russland verlassen und sich auf die russischen “Primärtugenden” (Helmut Schmidt): Singen und Balalaikaspielen besonnen. Sie stehen in hiesigen Fußgängerzonen und treten dort in den Verdrängungswettbewerb mit anderen ebenso untergegangenen wie singenden Kulturen ein: Peruanern, Afrikanern und sonstigen. Die Russen wirken inmitten der Profis der Straßenmusik augenblicklich noch ein wenig verloren, weil ihre Kultur noch nicht so lange untergegangen ist wie die der anderen. Warum sind sie hergekommen? Die Nobelpreisanwärter, die Orchestermitglieder und Ex-U-Bootkommandanten, die bei uns sind, waren im Unterschied zu anderen ihrer Landsleute , nicht smart genug, sich ihre Atombombengeheimnisse richtig zu merken. Das war Pech und hat zur Folge, dass es jetzt kein russischer Ex-Ubootkommandant ist, der einen Warnschuss abgibt, sondern der greise Münte.Und nach dem Warnschuß kam die „Rente mit 67“.

Denn der Warnschuss galt vor allem denen, deren biologische Uhr bereits tickt. Gut, Müntefering haben sie hinter sich, aber dasAlter, das aussieht wie Müntefering, liegt vor ihnen. Ich habe daraus die Konsequenzen gezogen.

Boris fragte mich neulich: „Bert, Brüderchen, willst Du nicht zu uns “Unter den Linden” kommen? Du kannst lernen, wie man Balalaika spielt.Die Weiber sind verrückt danach!“. Ich lehnte ab. „Njet, Boris, … der Gedanke IST verführerisch. Aber ich muss an meine Zukunft denken. Ich kann immer noch etwas werden, was Du niemals wirst werden können, Boris.“

„Aber was?“ fragte mich Boris und betrachtete nachdenklich seine blankgeputzten Orden und die versteinerten Wolken, die sich plötzlich über der Leipziger Strasse zusammenzogen.

„Was weiß ich. Ein sympathischer Osteopath in Oberursel. Oder etwas in der Art.“

Boris nickte, weil er wußte, das ich recht hatte. Ich habe ihm damals nicht alles gesagt. Ich habe nämlich bereits privat vorgesorgt und mir ein paar Atombombengeheimnisse gemerkt. Es sind keine großen Geheimnisse, es ist ja auch eigentlich unwichtig, denn meine Lippen sind fest verschlossen . Aber vielleicht nicht für immer. Nicht für immer.


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