Frankfurter Gemeine Zeitung

Ein Beitrag mit dem abstoßenden Titel: Geld im Alter

GELD IM ALTER! Ich weiss: das geht an die Grenze des Erträglichen, fast so schlimm wie “Sex im Alter” oder ein Film von Lars von Trier. Wer also jetzt lieber aufhören will zu lesen und sich einen Lars von Trier-Film ansehen möchte, hat jetzt Gelegenheit dazu. Ich verstehe das.

Geld im Alter. Man ist ja immer IN EINEM Alter. Ich zum Beispiel bin in dem Alter, in dem das Alter irgendwann vor der Tür steht. Wie sieht wohl das Alter aus, wenn es vor der Tür steht?  Wenn wir gemeinsam diese Türe öffnen würden, würden wir sehen: Das Alter sieht so aus wie der alte Franz Müntefering an einem Regentag in Bochum. Also öffnen wir die Türe jetzt besser nicht.

Man könnte sagen: Meine biologische Uhr tickt. Kein Grund zur Schadenfreude, denn Ihre biologische Uhr tickt ebenfalls. Die biologischen Frauenuhren zum Beispiel ticken bekanntermaßen noch ein wenig schneller wegen der Gebäroption und Gebäroptionen sind noch schneller weg als Aktien-Optionen.

Das nervt, aber der Vorteil der biologischen Uhr gegenüber einer Digitaluhr ist, die tickt noch richtig LAUT, so laut wie diese Uhren in einem Actionfilm der 80er Jahre, die mit irgendeiner Art von Sprengsatz verbunden sind. Aber Arnold Schwarzenegger wird nicht kommen, um mich oder Sie zu retten, denn er mittlerweile Gouverneur in Kalifornien. Auch Franz Müntefering wird nicht kommen, denn er ist ins Reich der politisch Untoten abgesunken. Münte gehört zum sogenannten sozialdemokratischen Urgestein, das inzwischen ganz schön erodiert ist, aber er war auch mal jung. Als er noch etwas zu sagen hatte, sprach er über diese Zeit mit der der Wochen-Zeitschrift, die sich „Die Zeit“ nennt. Er sagte zu dieser Zeitschrift „Die Zeit“: „Ja, damals meinten wir, auch diejenigen, die ihr Leben lang Balalaika „Unter den Linden“ spielen, haben anschließend noch das Recht auf eine anständige Rente.» Vermutlich war dies zunächst ein Warnschuss an unsere russischen Freunde. Moskau ist mittlerweile die teuerste Stadt der Welt. Also haben Nobelpreisanwärter, Ex-Mitglieder der Leningrader Philharmoniker, ExU-Bootkommandanten der roten Armee und andere Gestrandete Mütterchen Russland verlassen und sich auf die russischen “Primärtugenden” (Helmut Schmidt): Singen und Balalaikaspielen besonnen. Sie stehen in hiesigen Fußgängerzonen und treten dort in den Verdrängungswettbewerb mit anderen ebenso untergegangenen wie singenden Kulturen ein: Peruanern, Afrikanern und sonstigen. Die Russen wirken inmitten der Profis der Straßenmusik augenblicklich noch ein wenig verloren, weil ihre Kultur noch nicht so lange untergegangen ist wie die der anderen. Warum sind sie hergekommen? Die Nobelpreisanwärter, die Orchestermitglieder und Ex-U-Bootkommandanten, die bei uns sind, waren im Unterschied zu anderen ihrer Landsleute , nicht smart genug, sich ihre Atombombengeheimnisse richtig zu merken. Das war Pech und hat zur Folge, dass es jetzt kein russischer Ex-Ubootkommandant ist, der einen Warnschuss abgibt, sondern der greise Münte.Und nach dem Warnschuß kam die „Rente mit 67“.

Denn der Warnschuss galt vor allem denen, deren biologische Uhr bereits tickt. Gut, Müntefering haben sie hinter sich, aber dasAlter, das aussieht wie Müntefering, liegt vor ihnen. Ich habe daraus die Konsequenzen gezogen.

Boris fragte mich neulich: „Bert, Brüderchen, willst Du nicht zu uns “Unter den Linden” kommen? Du kannst lernen, wie man Balalaika spielt.Die Weiber sind verrückt danach!“. Ich lehnte ab. „Njet, Boris, … der Gedanke IST verführerisch. Aber ich muss an meine Zukunft denken. Ich kann immer noch etwas werden, was Du niemals wirst werden können, Boris.“

„Aber was?“ fragte mich Boris und betrachtete nachdenklich seine blankgeputzten Orden und die versteinerten Wolken, die sich plötzlich über der Leipziger Strasse zusammenzogen.

„Was weiß ich. Ein sympathischer Osteopath in Oberursel. Oder etwas in der Art.“

Boris nickte, weil er wußte, das ich recht hatte. Ich habe ihm damals nicht alles gesagt. Ich habe nämlich bereits privat vorgesorgt und mir ein paar Atombombengeheimnisse gemerkt. Es sind keine großen Geheimnisse, es ist ja auch eigentlich unwichtig, denn meine Lippen sind fest verschlossen . Aber vielleicht nicht für immer. Nicht für immer.


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