Frankfurter Gemeine Zeitung

Wo die bösen Onkels wohnten-Der Frankfurter Berg

Julius-Brechtstrasse

M lebte ihr Leben lang am Frankfurter Berg. Mehr als 20 Jahre lang in der Julius Brechtstrasse bei ihren Eltern, dann für ein paar Monate in

einer der Wohnungen , die dort gebaut worden, wo ehemals die Kasernen und Wohngebäude der US-Army gestanden haben. Nur hundert Meter von der Julius-Brechtstrasse entfernt und doch eine andere Welt. In der Julius Brechtstrasse stehen 20-stöckige Hochhäuser, die neuen Häuser haben nur vier Stockwerke und sind neu.

Die Julius Brechtstrasse wurde nach Julius Brecht benannt. Julius Brecht war ein SPD-Abgeordneter, er wurde 1951 Direktor des Gesamtverbandes gemeinnütziger Wohnungsunternehmen. Er war stellvertretender Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Wohnungswesen, Bau- und Bodenrecht. Nach Brecht sind in vielen Städten Straßen und Wege benannt, meistens in Gebieten, die von gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften bebaut wurden.

Der neu geschaffene Margeritenweg hingegen ist nicht nach einem stellvertretenden Vorsitzenden eines Bundestagsausschusses für Wohnungswesen benannt, sondern nach einer Blume, der Margerite. Der Name dieser Strasse knüpft damit an eine älterer Tradition an, nämlich an die 1937 am Frankfurter Berg entstandenen Arbeiterkolonie, den Hagebutten- und Holunderweg. In den 60er Jahren sollten die Bewohnen in Frankfurt und anderen Städten immer mit positiven Gefühlen an den SPD-Abgeordneten denken, dem sie es verdanken, dass sie dort so gemeinnützig wohnen dürfen. Die Bewohner im Margeritenweg hingegen sollen nicht mehr an SPD-Abgeordnete denken, auch nicht an die Nutzpflanzen Hagebutten oder Holunder wie die beglückten Arbeiter im Nationalsozialismus, sondern an schöne, aber für alle erschwingliche Blumen. Nur so lässt sich die Aufwertung eines Wohngebietes erreichen. Sie sollen zu sich und ihrer neuen Wohnung sagen können: Du bist wie eine Blume. Wie es im Kopf von Julius Brecht aussah, wissen wir nicht. Anders im Fall der Margerite:

“In der Mitte des Köpfchens einer Margerite befinden sich bis zu 400 winzig kleine, gelbe Röhrenblüten. Sie sind von 7 bis 43 weißen Zungenblüten umrahmt. Die Zungenblüten sehen außen wie eine Zunge aus. Die Margerite wird auch Orakelblume genannt, weil man glaubte, durch Abzupfen der weißen Blütenblätter Antwort auf eine geheime Frage zu bekommen. Zum Beispiel: Sie liebt mich, von Herzen – mit Schmerzen – ein bisschen – ein wenig, oder gar nicht, bis das letzte Blatt die Antwort bringt.“

Über den Frankfurter Berg findet man eine Beschreibung in der Biographie der bekannten Frankfurter Band „Böhze Onkels“. Ein Mitglied der Frankfurter Band Böhze Onkelz ist in der Julius Brechtstrasse aufgewachsen.

„Der Frankfurter Berg in Frankfurt-Bonames, und die Julius-Brecht-Straße im besonderen, waren ein nördlicher Stadtteil, in dem man freiwillig niemals wohnen würde. 20-stöckige Hochhäuser versperrten hier den Blick auf einen dunkelgrauen Himmel. Mächtige Bunker mit ramponierten Fahrstühlen, in denen mehrmals pro Jahr eine Frau vergewaltigt wurde, mit düsteren Treppenaufgängen, mit vollgesprühten Garagentoren und mit kryptischen Parolen an den Wänden. Die Briefkästen waren aufgebrochen oder ausgebrannt, die Türen zum Dach eingetreten. Der Frankfurter Berg war so Scheiße, man musste nur dort wohnen und man wurde automatisch krank. Wirklich interessant wurde es nur, wenn die Bullen kamen oder ein Selbstmörder vom Dach sprang.. Bizarre hessische Wohnkultur. Im Zentrum lag die Trinkhalle, oasengleich neben einer Bushaltestelle. Treffpunkt von Erwachsenen, die sich wieder und wieder darüber klar wurden, dass sie alle im selben Boot saßen. Frauen mit Lockenwicklern, die, nachlässig in verschwitzte Haushaltskittel gekleidet, nach der Neuen Revue schnappten. Männer mit dicken Bäuchen, Hefebusen und ausgebeulten Trainingshosen. Dahinter Trafohäuschen und Überlandleitungen, Balkone, die sich bis zum Himmel stapelten, Fahrradreste und geparkte Autos, manche ohne Reifen.“

Diese poetischen Impressionen treffen eine Realität, aber sie verzerren sie. Das hängt damit zusammen, dass sie nicht einfach eine Erfahrung wiedergeben, sondern gleichzeitig begründen sollen, warum die Böhzen Onkelz mit gutem Recht die Böhzen Onkelz wurden, bevor sie sich eines weniger bösen besonnen haben.

Auf der Homepage der Stadt Frankfurt findet man folgende Beschreibung des Frankfurter Berges

„Die ehemals Bonameser Siedlung ist erst seit dem 1. Juli 1996 ein «waschechter» Stadtteil – aber schon seit der Errichtung der ersten Häuser der Arbeiterkolonie in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bewies der Frankfurter Berg seine Eigenständigkeit. Mitte der 60er Jahre wuchs der Stadtteil über diese Kolonie hinaus, die Hochhäuser an der Brechtstraße kamen hinzu. Seit Mitte der Neunziger Jahre sind auch die amerikanischen «Edwards-Housings» Teil des Frankfurter Bergs. Die klimatischen Bedingungen sind ausgezeichnet; der Lärm der City ist weit weg, und der Blick zum Taunus oder zur Skyline der Innenstadt ist – vor allem aus den obersten Stockwerken der sanierten Hochhäuser – einmalig. Und schließlich: Was dem Frankfurter Berg an Gastronomie und Kulturbetrieb fehlt, machen die Vereine mehr als wett. Wer sich hier einmal niedergelassen hat, der geht nicht mehr weg, sagen die Bewohner dieses Stadtteils.“

Man kann den Frankfurter Berg als trüben Spiegel des nach Kriegsende künstlich wiederaufgeschütteten Römerberg sehen. Hier kommt Frankfurt zu einem anderen Selbst. Zu einem verborgenen Ort. Die Fotos der 1937 errichteten Arbeiterkolonie erinnern an ein Dorf der Verdammten aus einem alten Film.

Frankfurter Berg 1938

Meine Mutter, die am Rhein und in Freiburg wohnte, meinte immer, meine Schwester sollte dort wegziehen, aber ich sagte: „Warum? Müssen alle in Altbauwohnungen wohnen? Wenn die Kids aus dem Haus treten, sehen sie sofort jemand, den sie kennen. Jemand, der zu ihnen sagt: ich bins. Und es ist günstig dort. Und die Nidda, da bist Du wie Nichts, die Nidda, da bist Du wie nichts im Nichts. Da kann man hervorragend Hunde spazieren führen, und die Brombeerhecken neben den S-Bahn-Gleisen sehen aus, als verrotten Mädchenschlüpfer in ihnen.“ Als ich noch nicht in Frankfurt wohnte und meine Schwester dort besuchte, kannte ich die Innenstadt nicht. Auch nicht Bornheim, Bockenheim, das Westend, das Mainufer. Meine Schwester fuhr mit mir niemals in die Stadt. Wozu auch. Frankfurt war für sie und für mich, den seltenen Besucher, dort. Dort .Dort.


Bisher keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.