Frankfurter Gemeine Zeitung

Abenteuer einer Frankfurter Sylvesternacht

Mir träumte, ich wäre zu Sylvester gar nicht nach Darmstadt gefahren wie ursprünglich geplant, sondern aus verschiedenen Gründen in Frankfurt geblieben. Aus verschiedenen Gründen hätte ich mich entschlossen, nicht auszugehen, sondern wäre in meinem Zimmer sitzen geblieben bis Mitternacht. Dann aber, als die Silvesterknaller, die den endgültigen Übergang von 2009 zu 2010 kündeten, in immer dichteren Abständen explodierten, hätte ich mich entschlossen, noch in das wertgeschätzte Frankfurter Kellertheater zu fahren, mit der Aussicht, dort mir lieben Menschen zu begegnen und an den Resten der Silvesterparty zu partizipieren. Die Silvesterparty stand unter dem Motto „Märchen“. Dummerweise hatte ich keine passende Kleidung zur Hand, weder in der linken, noch in der rechten. Also zog ich ein dunkles Kleid an und fasste den Vorsatz, jedem, der mich nach der Art meiner Kostümierung fragte, zu erwidern: „Ich bin der dunkle Fleck in der Vergangenheit von Jakob Grimm.“ Dies schien mir für die Zeit nach Mitternacht ausreichend originell. Aber wie ins Kellertheater gelangen? Straßenbahnen, Busse und U-Bahnen fahren um diese Zeit in unangenehmen Abständen; an eine Fahrt mit dem Wagen war nicht zu denken, schließlich war ich bereits angetrunken in meinem Traum und gedachte, noch mehr zu trinken. Also beschloss ich mit dem Fahrrad dorthin zu fahren, ungeachtet der Tatsache, dass von den sieben Gängen dieses Fahrrades nur noch einer funktionstüchtig war, und zwar ausgerechnet der kleinste, der erste Gang. Dies war bei einer Reparatur des Fahrrades in der mir nahe gelegenen Fahrradwerkstadt festgestellt worden. Ich hatte das Fahrrad dort abgegeben, um einen Platten im Hinterrad reparieren zu lassen. „Ist vom Baumarkt, oder?“ murmelte der Reperateur missmutig, als ich es wieder abholte, denn er repariert als Betreiber eines alternativen Fahrradladens eigentlich nur von ihm selbst mundgeblasenen Fahrräder. „Haben Sie schon gemerkt, dass auch die Gangschaltung kaputt ist?“ „Nein“, erwiderte ich, denn als ich das Fahrrad in seine Obhut gegeben hatte, schien mir die Gangschaltung durchaus funktionstüchtig, nur der Platte im Hinterreifen beeinträchtigte das Fahrvergnügen in offenkundiger Weise. „Das haben wir jetzt nicht repariert, denn sie haben ja NICHTS davon gesagt!“ rief er mir hinterher. Also trat ich jetzt tretenderweise meinen Weg ins Kellertheater an Silvester an mit einem Rad mit nur einem Gang. Man tritt und tritt in scheinbar zügiger Geschwindigkeit und kommt doch auf ebener Strecke kaum voran. Mir war, als würde ich auf einem Heimtrainer durch Frankfurt fahren, während in jeder Straße Raketen in die Luft schossen und Leuchtfontänen ihre Glut zuckend versprühten. Am Theodor- W-Adorno-Platz rief mir ein junger Mann, vermutlich mit Migrationshintergrund, hinterher: „Hey! Du musst schalten!“ „Schaltung ist kaputt“, keuchte ich verärgert darüber, dass er mich für so blöd hielt und dachte: „Ist diese existentielle Situation nicht ein Sinnbild der Linken? Wir fahren auf angeblichen Heimtrainern durch die dunklen Städte, während links und rechts von uns alles in die Luft geht!“ Aber nachdem der Platz hinter mir verschwand, verschwand auch dieser Gedanke und irgendwann, als ich schon nicht mehr damit rechnete, erreichte ich das Kellertheater…Gegen Morgengrauen fuhr ich zurück, immer noch eifrig strampelnd. Auf dem Opernplatz bemerkte ich, dass mein Fahrrad wieder einen Platten im Hinterrad hatte, wahrscheinlich, weil ich unbedacht durch die Scherben der zerschmetterten Sektflaschen gefahren war, die dort in großen Mengen herum lagen. Ich schloss mein nunmehr nahezu wertloses, aber mir immer noch nahestehendes Fahrrad an einen Laternenpfahl an und ging nach Hause.Am darauf folgenden Tag brachte ich es wieder zu dem Fahrradreperateur. „Ist vom Baumarkt, oder?“, fragte er und spitzte die Lippen, als würde er selbst den Reifen aufblasen wollen, aber merken, dass hier alle Mühe vergebens ist.“ Gangschaltung auch kaputt, hmm, da muss man sich natürlich fragen….“ Ich kaufte mir von ihm ein neues, mundgeblasenes Fahrrad. Es ist dunkel wie der Fleck in Jakob Grimms Vergangenheit.


Ein Kommentar zu “Abenteuer einer Frankfurter Sylvesternacht”

  1. otoman tulip

    Zum Sinnbild der Linken fällt mir ein -Mann muss nicht auf einem Fahrrad mit plattem Hinterrad gen Kellertheater radeln , währenddessen rechts sowie links Raketen durch die Luft fliegen -es kann auch anders gehen wie z.B. zu den dreien skurrilen Gestalten ,mit Migrationshintergrund , die das Kellertheater an diesem Abend noch nicht mal per Auto erreicht hatten- genau in dieser besagten Silvesternacht haben Sie allesamt entschieden nach jahrelanger Silvesterpartypause Ihre Kinder im Nirgendwo zu lassen und bei einer *so called* geschlossenen Gesellschaft am Sachsenhäuser Schweizer Platz die Sau rauszulassen-Fazit -Ah wär ich doch im Joggingdress auf meiner wundervollen Ikea Kramforscouch liegen geblieben und hätte mir Dinner for one angeschaut !! Ich habe festgestellt dass sich mit den Jahren und das sind schon so ein paar Jahre so vieles nicht verändert hat -Jungs die nun mittlerweile Erwachsen sind , entwickeln sich zu Pubertierenden , kaufen sich päckchenweise Böller und finden das Super –Ich bin mir nicht so sicher wieviele es von Ihnen es geschafft haben an dem Abend die Hexen zu vertreiben.Um genau 2335 fing der Mainstream an -alle in Richtung Eiserner Steg -klar da ist die Sicht auch besser ! Auf alle Fälle hatten viele Spass -wenn Sie sich noch dessen bewußt waren . Die geschlossene Gesellschaft hat sich ziemlich schnell aufgelöst da der Hausherr schon sehr lange auf seinen müden Beinen stand…ja weniger ist manchmal mehr .. Ein Prosit auf 2010 und die weiteren heiteren Jahre !

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