Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurt, oder! Reportagen aus dem anderen Frankfurt

I.

Weil Frankfurt so groß ist, da teilt man es ein / in Frankfurt an der Oder und Frankfurt am Main!“ sangen wir Kinder in den Sechziger Jahren mit einer ganzen Reihe weiterer Gassenhauer  aus der Vorkriegszeit, die unsere Eltern schon gesungen hatten – darunter ein Lied über eine alte Tante in „Groß-Grünau“, die es mit der Sparsamkeit „ganz fürchterlich genau“ nahm. Über diese Lieder schlichen sich Ortsbezeichnungen in unsere – in diesem Fall – Münchener Topographie ein, die – zumindest im Falle von Frankfurt – in ihrer Rätselhaftigkeit hingenommen werden mussten.

Wie konnte eine Stadt in zwei Orte aufgeteilt werden, die jeweils an zwei verschiedenen Flüssen lagen! Obwohl ich nicht genau wusste, wo Frankfurt lag, ahnte ich, dass der Dichter einen Scherz mit uns trieb, und dass Frankfurt unmöglich sowohl an der Oder als auch am Main liegen konnte. Frankfurt am Main hatte eine vage Bedeutung für mich: Vor meiner Geburt hatten meine Eltern da gelebt. Frankfurt an der Oder, so erfuhr ich auf Nachfragen, lag in der DDR, jenem rätselhaften Land, das wie eine amputierte Körperhälfte Phantomschmerzen zu bereiteten schien, das es gab und gleichzeitig irgendwie nicht gab. Man sagt, dass Kinder Fragen stellen und wissbegierig sind. Damit verschweigt man, mit wie viel Nichtwissen Kinder sich zufrieden geben. Mir reichte es völlig, dass irgendein Erwachsener sich da einen lustigen Reim auf etwas gemacht hatte, was ich nicht verstand, eine Situation, die in die Welt der Erwachsenen gehörte. Ich war bereit, die Existenz beider Frankfurts in Frage zu stellen, nachdem mir klar war, dass das in zwei Hälften eingeteilte Frankfurt aus dem Lied nicht existieren konnte. Nur die Tatsache, dass mein Vater nach Frankfurt/Main zu etwas fuhr, das „Buchmesse“ hieß, ließ mich dumpf in Betracht ziehen, dass es auch ein Frankfurt/Oder geben könnte.

Insoweit ist es von Bedeutung, dass ich, als die Mauer zwischen den beiden Deutschlands fiel, in Frankfurt (Main) wohnte. Bald war das geteilte Land ein Ganzes, und der Witz mit den beiden Frankfurts rückte einen Schritt weiter in die Vergangenheit. Das geteilte Frankfurt war jetzt nur noch ein Sprachwitz und konnte nicht mehr in eine wie auch immer kindlich-fantasievolle Verbindung mit dem geteilten Deutschland gebracht werden. Frankfurt am Main existierte nachweislich, und auch Frankfurt an der Oder würde es in der einen oder anderen Form geben. Irgendwann einmal, beschloss ich, als ich die Berliner Vereinigungsfeiern im Fernsehen beobachtete, würde ich dahin fahren.

Seit bald zwanzig Jahren lebe ich nun in Berlin. Frankfurt/Oder ist von mir nicht weiter entfernt als Offenbach von Frankfurt/Main . Dennoch war ich immer noch nicht dort. Aber ich habe es immer noch vor.


6 Kommentare zu “Frankfurt, oder! Reportagen aus dem anderen Frankfurt”

  1. Christian Dombrowski

    “Man sagt, dass Kinder Fragen stellen und wissbegierig sind. Damit verschweigt man, mit wie viel Nichtwissen Kinder sich zufrieden geben.” Ein Glanzstück selbstbeobachtender Erinnerung! So war es ja wirklich … Takeawalk, Du hast meinen Tag versüßt!

  2. Landloper

    … und vom heimeligen Frankfurt an der Steinach ist mal wieder überhaupt nicht die Rede …

    http://www.geodaten.bayern.de/BayernViewer2.0/index.cgi?rw=4393900&hw=5505850&layer=TK&step=2

    Treffen wir uns dort mal zum Karpfenessen?

  3. Christian Dombrowski

    Gern! Wann? (Vorausgesetzt natürlich, dass Du mir dem “wir” nicht ausschließlich Dich und Takeawalk gemeint hast.)

  4. Landloper

    Hast du dir denn angesehen, wo dieses Frankfurt liegt?
    Von mir aus ist’s nur ein Katzensprung!

    Karpfen gibt es in allen Monaten mit “r”, es müsste also vor dem 1. Mai stattfinden oder nach dem 31. August.

    Beste Grüße

    http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Gasthof+Zur+frohen+EINKEHR+++Frankfurt+30+91480+Markt+Taschendorf+&sll=52.48278,10.415039&sspn=13.025706,28.256836&ie=UTF8&hq=Gasthof+Zur+frohen+EINKEHR&hnear=Frankfurt+30,+Markt+Taschendorf&ll=49.683888,10.527241&spn=0.0064,0.013797&t=h&z=16&iwloc=A

  5. Christian Dombrowski

    Ich werde in diesem Jahr bestimmt noch in Schweinfurt sein, da könnte ich einen Abstecher machen. Der Monat steht aber noch nicht fest.

  6. Landloper

    Die 60 km von der einen zu der anderen Furt werden sich überwinden lassen.

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