Frankfurter Gemeine Zeitung

Politische Bemühungen zwischen Web und Stadt (2)

Nachdem ich ein paar Vorschläge über die Akteure gemacht habe, lehne ich mich ganz weit raus und biete Formulierungen zur Diagnose unserer Situation als Leute im globalen Kontext an. Das ist nicht alles neu und eher die Collage der Schauplätze soll das lesende Publikum anregen. Bin auf Kommentare gespannt.

Beginnen wir mit der Besichtigung unserer aktuellen Situierung in der kollektiven Geschichte. Damit heben wir einen Abschnitt großräumiger Abhängigkeiten und Umwälzungen hervor, die unter dem Schlagwort „Globalisierung“ populär gemacht wurden.

Das zunehmend weltumspannende Netz ihrer vorherrschenden Muster und Strategien transportiert eine Fülle von jeweils unterschiedlichen lokalen Ansprüche und Realisierungen in den Weltregionen. Hinter deren Rahmengebung können wir einen Backlash hin zur systematischen Wiederherstellung großer gesellschaftlicher Konstellationen in der Art des 19. Jahrhunderts ausmachen. Dies allein greift aber natürlich zu kurz, denn zur Politik und Ökonomie treten die ambivalenten Elemente einer geistigen und sozialen Kehre mit Hilfe ausgefeilterer Techniken und effektiver Technologien.

Im folgenden wird diese Diagnose für unterschiedliche Sphären der Gesellschaften deutlicher gemacht. Für jeden Cluster beschränken wir uns dabei auf drei zugespitzte Thesen, um vor ihrem Hintergrund versteckte Potentiale für unser Projekt zu gewinnen.

Ein Spektrum befremdender Diagnosen

Beginnen wir mit den politischen Befunden. Aus der Perspektive der Regierten ergibt sich das Bild einer weitreichenden politischen Fremdsteuerung. Sie drückt sich weltweit in Surrogat-Demokratien einerseits und Lieferanten-Regimen andererseits aus.

Die Surrogat-Demokratien westlicher Provenienz haben einen eigenen Typ von Feudalisierung der Politik entwickelt. Das ganze politische Feld okkupieren Akteursgruppen eines bestimmten Habitus. Rituale der Administration, die Selbstabsicherungen opportunistischer Eliten garnieren die offizielle parlamentarische Präsentation. Die Regulations-Nomenklatura ist rücktrittsresistent und mit einem beachtlichen Versorgungs-Portefeuille ausgestattet. Sie wirkt im Gleichlauf zu den ökonomischen, sozialen und technologischen Bedingungen, bestätigt und ergänzt sich wohlwollend zu ihnen. Umgreifenden (Selbst-)Beschränkungen des Publikums gegenüber anspruchsvolleren politischen Artikulationen ergänzen dieses Szenario.

Im Weltmaßstab baut sich dies zu einem systematisch zueinander konvergierenden und komplettierenden politischen Beherrschungsgefüge aus: ein „notfalls“ gewaltbereiter, überwachungstechnologisch hochgerüsteter Westen auf einer Seite trifft auf autoritäre Apparateregierungen in Schwellenländern und despotische Herrschafts-Gruppen im abgehängten Rest.

Wenden wir uns den globalen wirtschaftlichen Bedingungen zu. Hier zeigt sich ein markantes Hintergrundschema für jedwedes herrschende politische Handeln. Es tritt auf in der Gestalt indifferenter, selbsterzeugender Investitionsprozeduren einschließlich ihrer Dynamik und ihren Abfederungen im jeweiligen Kontext.

Obwohl die unablässige Suche nach Lokalitäten für Investitionen, Ressourcen und Märkte deren jeweilige Verfasstheit besonders beansprucht, geben sich die Lotsen dieser Prozeduren gegenüber den lokalen Kontexten, den Kompositionsbedingungen und Folgen letztlich völlig gleichgültig. Das erzeugt einen enormen Druck auf lokale Besonderheiten und knebelt die Organisationen durch die Aktivitätsvorgaben korrelierender Märkte. Vielen werden ökonomische Handlungsmöglichkeiten entzogen, wenigen gegeben: ein wirtschaftliches Beherrschungsgefüge.

Die Serie setzt sich in einigen Tagen mit einer kleinen Diagnose kultureller und sozialer Stimmungen fort.


2 Kommentare zu “Politische Bemühungen zwischen Web und Stadt (2)”

  1. fritz

    Was genau meint denn “Surrogat-Demokratien” und “Lieferanten-Regime” ?
    Ist Italien eine Surrogat-Demokratie im Unterschied zu Deutschland ?
    Ist China ein Lieferanten-Regime oder eher Saudi-Arabien ?
    Ist das weltweite Beherrschungsgefüge sowas wie das “Empire” ?

  2. Agnes B.

    So “befremdend” sind diese “Diagnosen” nicht. Klingt nach kritischer Theorie, oder? Aber: Wie wär´s mit ein paar Beispielen für die Diagnosen; dann kann man sich eher was darunter vorstellen.
    Neu finde ich heute gegenüber früheren Zeiten, dass versucht wird einen innerdemokratischen Konsens darüber herzustellen, dass die Abgehängten eben die Abgehängten sind und gefälligst bleiben sollen…”die Ungebildeten”, “die Unterschicht” etc. und sie von den Medien als Feindbild aufgebaut werden. Früher versuchte man das noch so darzustellen, dass jeder “ins Boot geholt werden kann” oder geholt werden sollte, so gemäß dem Ethos der Aufklärung oder whatever…

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