Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurt oder! Reportagen aus dem anderen Frankfurt. Teil 2

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Frankfurt/Oder kenne ich aus einem alten Kinderlied. Als die Mauer fiel (wie man in Amerika zur Wende sagt), wohnte ich in Frankfurt/Main und beschloss, irgendwann einmal das andere Frankfurt zu besuchen. Jetzt wohne ich seit zwanzig Jahren in Berlin und war immer noch nicht da.

Manchmal, wenn ich in meinem Alltag versacke, wenn die Decke über mir zusammenbricht, wenn sich die Große Gleichgültigkeit über mich senkt, wenn mein Herz einsam gegen hohle Kammern pocht, nehme ich mir vor, nach Frankfurt/Oder zu fahren. Diese Stadt, stelle ich mir vor, wird mich als eine der ihren erkennen. In dieser Stadt, stelle ich mir vor, findet mein ungetröstetes Herz einen trostlosen Resonanzkörper.

Das Frankfurt/Oder meines Herzens hat eine Fußgängerzone mit Blumenkübeln und viel, viel Beton. Es ist zugig hier, vielleicht weht von der Oder her ein Wind. Die Straßen sind leer; die Leute hier gehen arbeiten und einkaufen und dann wieder nach Hause. Manche Häuser sind in fröhlichen Farben bemalt. Der Oderwind, der Beton und die Tristesse der Stadt geben diesen Farben jedoch keine Chance. Diese Stadt hat nie an einem Städte-Wettbewerb teilgenommen. Dieses Dorf wollte nie schöner werden.

Ich gehe durch die Fußgängerzone, treppauf, treppab in Richtung Oder. Die Treppen entlehne ich der Treppenstraße in der Fußgängerzone von Kassel (Hessen), wo ich als Teenager wohnte; und dem Film „Halbe Treppe“ von Michael Dresen, der bekanntlich in Frankfurt/Oder spielt. Ob es in der Frankfurter Fußgängerzone Treppen gibt, weiß ich nicht. Ich weiß nicht einmal, ob Frankfurt eine Fußgängerzone hat. Eine von Lastern befahrene Landstraße trennt mich vom Fluss. Ich nehme den Umweg über eine Ampel, überquere die Straße, und blicke über das Wasser nach Polen. Polen blickt ausdruckslos zurück. Hinter mir brausen die Laster vorbei. Mich fröstelt, ich kehre in die Stadt zurück. Ich gehe in ein Café, trinke irgendetwas Warmes und habe ein nettes Gespräch mit der Bedienung. Dann nehme ich mir ein Zimmer in einem Hotel, das mir die Bedienung empfohlen hat. Ich sitze auf dem Bett und blicke nach draußen, wo es allmählich dunkel wird. Eine wunderbare Ruhe umgibt mich. In diesen vier Wänden in Frankfurt/Oder fällt alle Last der Welt von mir ab. Alles ist möglich.

Frankfurt/Oder, diese Stadt ohne Buddy-Bären und Bankentürme, nimmt mich gleichgültig unter ihre Fittiche. Sie macht mir keine Vorwürfe darüber, dass ich das Leben nicht beim Schopfe packe, sie tut es auch nicht. Hier herumzusitzen und zu –stromern ist definitiv besser, als in meinen eigenen vier Wänden zu versauern. Leider bin ich in Momenten solcher Tristesse so entschlussunfähig, dass ich einen Plan, nach Frankfurt zu fahren, nie in die Tat umsetzen würde.

Fortsetzung folgt


Ein Kommentar zu “Frankfurt oder! Reportagen aus dem anderen Frankfurt. Teil 2”

  1. fritz

    Frankfurt am Main hat eine Fußgängerzone, sogar mehrere – das kennst du sicher alles. An der wichtigsten (?) gibt es Treppen, und zwar breite nach unten. Sie zu planieren macht man sich seit Jahrzehnten Gedanken.
    Es gibt ja auch einen Fluß mit Treppen, die will man nicht planieren. Auch nicht die Tristesse der Bankentürme.

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