Frankfurter Gemeine Zeitung

Franz Kafka besucht die Botticelli-Ausstellung

Vor dem Städel steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in die Botticelliausstellung. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne, er solle sich in der Schlange einreihen. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. «Es ist möglich», sagt der Türhüter, «jetzt aber nicht.»

Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Städel soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem gut sitzenden Anzug genauer ansieht, entschließt er sich, doch lieber zu warten. Der Türhüter gibt ihm keinen Schemel und lässt ihn seitwärts von der Tür im Schneeregen stehen.

Dort steht er Tag um Tag, und die Schlange an Menschen, die in die Botticelliausstellung wollen, scheint nicht kleiner zu werden. Neben dem Städel entdeckt der Mann plötzlich ein anderes, prächtiges Haus und es scheint ihm, als würde er darin Botticelli-Bilder sehen. „Dann gehe ich eben dort hinein!“, sagt er zu dem Türhüter. Der Türhüter lacht:: „Das ist die Parfümerie Douglas! Botticelli hat im 15. Jahrhundert die grazile Frauenschönheit zu seinem Markenzeichen gemacht. Und deshalb wird die Ausstellung begleitet von einer groß angelegten Werbekampagne, die sich an die moderne Bildsprache der Beauty-, Lifestyle- und Modewelt anlehnt und das Stil prägende Auftreten Sandro Botticellis in ein zeitgemäßes Erscheinungsbild überträgt. Aber echte Botticelli gibt es nur bei uns!“ Er reibt sich das Kinn mit wohlriechenden Rasierschaum ein, obwohl er bereits glatt rasiert ist. „Aber dort!“, sagt der Mann und weist auf ein anderes hell erleuchtetes Haus, aus dem eine Frau tritt, die einen rechts drehenden Joghurt isst, „sehe ich Botticelli!“ „Das ist Alnatura.“, antwortet der Türhüter, „ Botticelli, wenn er heute leben würde, würde Bioprodukte essen. Aber auch die haben keinen echten Botticelli, den gibt es nur bei uns!“

Also wartet der Mann zusammen mit der Menschenschlange weiter vor dem Städel. Überall werden riesige Leinwände aufgestellt, die die Wartenden auffordern, in die Botticelliaustellung zu gehen. Sämtliche Straßenschilder sind schon vor langer Zeit abmontiert worden und durch Hinweisschilder auf die Botticelliausstellung ersetzt worden. Um die Wartezeit zu verkürzen, werden kostenlos die Frankfurter Runschau, die FAZ und die FNP verteilt. Der Mann schlägt eine Zeitung auf und stellt fest, dass sie nur aus Artikeln besteht, die die Schönheit der Botticelliausstellung anpreisen.. Am trüben Himmel kreuzt ein Flugzeug und schreibt in Wolkenschrift: „AUCH SANDRO BOTICELLI WÜRDE IN DIE BOTICELLIAUSTELLUNG GEHEN!“

Der Mann vom Lande ist kaum von der Stelle gekommen und fühlt wie seine Kräfte schwinden. Schließlich wird sein Augenlicht schwach. Er befürchtet, wenn er jetzt noch in die Botticelliausstellung käme, könnte er die Bilder vielleicht nicht mehr richtig erkennen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe der Botticelliausstellung bricht . In einem Kopf sammeln sich alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage: „Was wollen all diese Leute hier?“

Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Sie wollen das Gleiche wie Du: Hineinkommen.“ Er schaut auf seine Uhr: „Es ist der 28. Februar. Ich gehe jetzt und schließe die Ausstellung.“

Ausstellungsplakat: Schirn

Ausstellungsplakat: Schirn


Veranstaltung über Alternativen für den Campus Bockenheim

Bekanntlich hat sich in Frankfurt die Universität in das gut umzäunte Areal des Pölzig-Baus zurückgezogen. Bis 2014 soll der Umzug endgültig abgeschlossen sein, 17 Ha Fläche zwischen Sophienstraße und Georg-Voigtstr.aße können neu bebaut werden. Raten Sie, mit was der Frankfurter Magistrat diese Immobilie bebauen will?
A) Büro- und Gewerbeflächen. B) Büro- und Gewerbeflächen C)Büro-und Gewerbeflächen
Richtig sind die Antworten A), B) und C) . Ein paar Hotelhochhäuser werden auch noch dazu kommen. 70% der Fläche soll so genutzt werden.
Ödon von Horward hat einmal geschrieben: „Nichts gibt einem so das Gefühl der Unendlichkeit wie die Dummheit.“ Ein ähnliches Gefühl ergreift einen angesichts der unendlichen Beharrlichkeit, mit der die Stadt Büros bauen läßt, obwohl hier bereits 2 Millionen Qaudratmeter Büroraum leerstehen. Da hätte also noch der ein oder andere Aktenschrank Platz… Dezernent Schwarz bemerkte dazu kürzlich: “In manchen Fällen wird eine Nutzungsänderung oder gar ein Abriss die wirtschaftlichste Lösung sein.” Wohl war, aber wäre es nicht noch viel wirtschaftlicher und überhaupt angebrachter mal etwas anderes zu bauen?.
Dafür setzt sich die Initiative Ratschlag Campus Bockenheim ein. Sie fordert für das freiwerdende Areal den Bau bezahlbarer Wohnungen, den Erhalt des Studierendenhauses, die Entwicklung eines kulturellen Zentrums im Bockenheimer Depot usw. Warum kommt eigentlich nie der Magistrat auf so naheliegenden Ideen? Am Donnerstag, den 25 Februar lädt die Initiative ein zu einer Veranstaltungen über „Alternativen für den Campus Bockenheim“. Es sprechen Prof. Dr. Heeg (J.W. Goethe-Uni)über die Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf den Immobilienmarkt in Frankfurt, Willi Müller (Amt für Wohnungswesen): über Wohnungssituation in Frankfurt, Jessy Castro de Merino (AStA der Goethe-Uni) über dieWohnraumnot bei Studierenden und Prof. DW. Dreysse (Architekt, Städtebaubeirat) über die  Möglichkeiten der Umnutzung vom Kramerbau „Philosophicum“.
Beginn: 19.30 Uhr im alten Uni-Hauptgebäude, Raum HH, Mertonstraße


Politische Bemühungen zwischen Web und Stadt (3)

In den ersten beiden Artikeln habe ich kurz eine Perspektive auf verschiedene Akteure und ihre politisch-wirtschaftliche Umwelt vorgestellt, die unsere Bedingungen in Westeuropa und deren Kontexte einzufangen versucht. Um für eine Diskussion möglicher Utopien der Frankfurter Gemeine Zeitung mehr Stoff zu liefern kommt nun die kulturelle und soziale Perspektive ins Bild. Utopien ? Welch ein abgelegter Begriff. Meint aber in diesem Blatt, in welchen Kanälen, welchen Tricks und Vernetzungen Stadtwelt, Netzwelt, und Spannungen der Alltagswelten zusammenkommen, oder das vielleicht in Zukunft tun. Das wird im ganzen Blatt realisiert und durch gelegentliche „Kommentierungs-Serien“ wie dieser zugerüstet. Sie wollen schlicht ein paar handfeste Bedingungen von Utopien diskutieren. Mit zugespitzten Diagnosen ohne besonderes Vokabular.

Also: Auf unserer dritten Ebene, den kulturellen Bedingungen, lässt sich die Vorherrschaft expandierender, repetitiver Präsentations- wie Legitimations-Programme beobachten. Dabei stechen einige szenische Muster in westeuropäischen Gesellschaften besonders hervor: Systemtheoretisch geschulte Experten beschreiben unsere Welt als so unbehebbar komplex, dass jeder politische Eingriff „von außen“ als unerhörte Grobheit erscheint, die zerstörerische Folgen zeitigt.
Das Feuilleton bemüht sich, die Signalkraft bestimmter historischer Ereignisse wie „1968“ endgültig zum Erlöschen zu bringen, in dem es mal als Werk der Stasi, mal als Spätfolge der Nazizeit denunziert wird. Forderungen nach einer gerechteren Welt werden als Ausdruck von bedrohlicher Verzagtheit oder Populismus abgetan. All dies kommt nicht ohne die beruhigende Beratung der immer gleichen, theatralisch geübten Experten aus. Der Einsatz geeigneter Infotechnologien und Hurra-Shows komplettiert schließlich eine mediale Rundum-Versorgung, der das Publikum gerne aktiv beipflichten kann.
Darüber hinaus lässt sich eine signifikante Abhängigkeit der Selektion öffentlicher Kultur-Aktivitäten durch aktuelle ökonomische Bedingungen – meist in Gestalt der Investitionsprozeduren – und Pfründensicherungen diagnostizieren. Das Selektions-Verfahren ergänzt sich mit den vorgegebenen Programmatiken und den Versorgungsansprüchen. Der Backlash in das 19. Jahrhundert, den wir bereits angesprochen haben, zeigt sich in den kulturellen Ausdrücken besonders deutlich. Der Mechanismus wirkt auf zwei Ebenen: einerseits als schlichte Übermächtigung des Publikums anstelle der Erzeugung eines produktiven Dissens, z. B. mit der Rezeptur eines „neuen Konservatismus“; und andererseits als die Organisation von Verheißung für einige Auserwählte, z. B. die vielbeschworenen Eliten. Begleitet werden diese simplen Weltenteilungen durch banale Versuche eigener Immunisierung etwa als „Leistungsträger“.
Das Potpouri der Kehre komplettiert sich, indem „gefährliche“, „rückständige“ oder „uneinsichtige“ soziale Gruppierungen markiert werden, an welchen Orten und mit welchen charakteristischen Defiziten auch immer herauspräpariert.

(alemannia-judaica.de)

Das zuletzt präsentierte Schema setzt sich in den sozialen Befunden fort: in zunehmendem Maße zeigt sich ein systematischer sozialpolitischer Rückbau ins 19. Jahrhundert über fast alle Weltregionen und in den Formen derer jeweiliger Tiefenstrukturen, so unterschiedlich sie sozial auch gestrickt seien, etwa betreffend Form und Umfang der Gewinner der Dynamik.
Die zweifellos konstatierbare Vergrößerung von Gestaltungsmöglichkeiten für einige Gruppierungen weltweit sitzt auf einem immer festeren Bodensatz von Entzug auf. Das meint etwa depotenzierende Muster abkoppelnder Individualisierung, Regularien der Ethnisierung und neuer Pauperisierung, um nur einige der signifikanten, aber ungleich verteilten Erscheinungen zu nennen. Einigermaßen gleich über den Globus verteilt zeigen sich Perspektiven- und Aktivitätsverengungen in sterilen sozialen Atollen: Sie wurden errichtet, um sich ohne viel Rücksicht den besten Platz im Konkurrenzkampf beim Erheischen der Krumen zu sichern.

Blicken zuletzt auf eine Tiefenschicht unserer kollektiven Bedingungen, die uns -abseits von Hypes oft entgeht: das ganze Gefüge materialer Texturen, die „Ökologie“. Für diesen Bereich lässt sich eine kontinuierliche Entwicklung, Verbreitung, Verdichtung und Effektivität von Apparate-Technologien konstatieren. Viele weitreichende technologische Apparaturen offenbaren einigermaßen labile Konstruktionen: sie erhalten ihre besondere Statur und effektives Zusammenspiel insbesondere durch die Vernetzung und Sicherung bestimmender politischer, wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Regime. Diese funktionale Verbindung spiegelt sich aber als weitgehende Gleichgültigkeit für andere Facetten ihres Einsatzes; kritische Bewertungen reduzieren sich dabei oft auf Lobby-Rituale.
Intellektuelle wie materielle Ressourcen und ihr Ausbau werden zu oft rücksichtslos auf einem Grat zwischen Bedrohung und Dienlichkeit hin und her bewegt – je nach aktuellen Dispositionen der verwendenden Regime. Die aufgestellten Konstruktionen werden meist allein in Hinsicht auf ihre stützenden Funktionen beurteilt. Die Regime und die Gefüge von Ressourcen bleiben damit fest zusammengeschweisst.

In einem weiteren Artikel möchte ich Ressourcen und Potentiale für die Akteure mit diesen Perspektiven zusammenbringen. Und zwar in Richtung auf die Position einer Web-Stadt-Zeitung, wie sie mit der FGZ betrieben werden soll.


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