Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurt, oder! Reportagen aus dem anderen Frankfurt. Teil 3

3

Die Berliner Korrespondentin, die zur Zeit des Mauerfalls in Frankfurt am Main wohnte, hat es noch immer nicht geschafft, Frankfurt an der Oder zu besuchen, obwohl diese Stadt so eindringlich zu ihrem Herzen spricht.

Ich muss den Reim noch einmal wiederholen, durch den ich zuerst von Frankfurt/Oder hörte: „Weil Frankfurt so groß ist, da teilt man es ein / In Frankfurt an der Oder und Frankfurt am Main.“ Diese rätselhafte Teilung war mir immer unheimlich gewesen. Wie schon erwähnt, stand sie in meiner kindlichen Imagination in einem unnennbaren  Zusammenhang mit der Deutschen Teilung. Aber da war noch etwas, worüber man im Westen genauso schamhaft sprach wie über die DDR: die Teilung von Frankfurt/Oder selbst. Wenn Frankfurt/Main ein verdrängtes Anderes in Frankfurt/Oder hatte, so hatte Frankfurt/Oder ein verdrängtes Anderes in Słubice, das seit dem Potsdamer Abkommen zu Polen gehörte. Mein Frankfurt/Oder of the Mind ist somit eine doppelter dunkler Fleck; ein dunkler Fleck mit einem eigenen dunklen Fleck. Das Bildnis von Dorian Gray im Bildnis von Dorian Gray.

Mein Freund Simon sagt: Frankfurt ist total krass. Über die Oderbrücke schleppen sie sich hin und her, beide Seiten voller Scham. In den Osten schleppen sich die Leute aus dem Westen, Zigaretten kaufen. In den Westen schleppen sich die Leute aus dem Osten, einkaufen gehen im Zentrum. Beide Seiten schämen sich für ihre Not und für die der anderen. Die Arbeitslosigkeit, der Leerstand, das Schrumpfen: das verbindet Frankfurt mit Słubice, aber das stärkt auch den Widerwillen der beiden Städte aneinander. Keine Seite will, dass die alte Straßenbahnlinie über die Oderbrücke wiederaufgebaut wird, besonders nicht die Taxifahrer. (Diese letzte Information streue ich in unser Gespräch ein).

Simon war auch einmal in Frankfurt am Main. Er sagt: das war vielleicht komisch da. Er saß alleine in der Straßenbahn und hörte die Haltestellenansage in drei Sprachen: „Keiner da außer mir, und die labern mich voll auf Deutsch, Englisch und Französisch.“ Die Globalisierung hat den beiden Messestädten eindeutig unterschiedlich zugesetzt. Hier ein skeptisches Sich-Abmühen aneinander zwischen Polen und Deutschen, die sich gegenseitig nicht verstehen und noch nicht einmal ein gemeinsames Verkehrsnetz hinbekommen; dort der stolze Ausdruck der polyglotten Multinationalisierung in den Straßenbahnansagen.

Simon sagt: Wenn du nach Frankfurt fährst, bring mir aber Zigaretten mit!

(Fortsetzung folgt)


Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.