Frankfurter Gemeine Zeitung

Im Bett mit Bill Gates (1)

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Ich war immer schlecht in Mathematik, abgekürzt: M-A-T-H-E.

MATHE: ein Wort, scharf wie eine preußische Offiziersreitgerte, muffig wie das wegen einer Amoklaufwarnung versiegelte Lehrerzimmer einer Gesamtschule in Olpe.

MATHE: eine klangmalerische Reminiszenz an all die traurigen Turn- und Fußmatten, mit denen die Strasse des gewöhnlichen Leben gepflastert ist.

Ich war immer schlecht in Mathe bedeutet: Irgendwann kommt für einen mathematikfernen Mann der Moment, da muss er sich eingestehen: Mein mathematisches Wissen liegt voraussichtlich Zeit meines Lebens unter dem eines Inka-Wanderarbeiters aus dem 11. Jahrhundert. Mit Leuten wie mir wären niemals Pyramiden erbaut worden, es wären keine Raketen zum Mond geflogen und es gäbe keine Windowsprobleme.

Die mathematische Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass ich nicht alleine bin. Zeigt Euch, zahllose Zahlen-Looser! Erhebt stolz das leere Haupt! Wozu all die Algebra? Was ist schon eine korrekt berechnete Brücke gegen das Lied“ Ein Lied kann eine Brücke sein“ von Mary Roos?

Zu Schulzeiten waren die Jungs, die in Mathe gut waren, immer die, die „kein Mädchen abgekriegt haben“. Habt ihr das vergessen? Okay, andere kriegten auch keine erwähnenswerte Anzahl von Mädchen ab UND waren schlecht in M-A-T-H-E. Oder sie waren nicht NUR schlecht in Mathe. Ich zum Beispiel war darüber hinaus schlecht in Englisch, Physik, Turnen, Latein, Chemie und Altgriechisch, also in Fächern, die ganz offensichtlich sehr verschiedene Gehirnzentren beanspruchen.

Eine Kernerinnerung meiner Schulzeit besteht darin, dass ich während des gemischten Mathematikphysikenglischlateinchemiealtgriechischunterrichtes zum Fenster rausschaue. Ich habe ca. 9 Jahre zum Fenster rausgeschaut. Wenn sie irgendetwas über zum-Fenster-rausschauen wissen wollen, fragen sie mich. Warum ich zum Fenster rausschaute? Wahrscheinlich ahnte ich damals wie die Ermittler in Akte X: Die Wahrheit ist irgendwo da draußen! Inzwischen weiß ich natürlich, dass die Wahrheit ebenso wenig irgendwo da draußen wie irgendwo da drinnen ist.

Als erstes grundlegendes Gesetz haben wir erkannt –und ich bitte alle das aufzuschreiben-: Die Jungs, die gut in Mathematik waren, kriegten kein Mädchen ab. Mathematiker waren bis 1977 um ein mittlerweile kommunikationsdesigntes Wort zu benutzen: „unsexy“. Was wussten sie vom Leben, von der Liebe? Nichts. Seitdem hat sich das geändert. Irgendwann überlegten sich die Mathematikophilen: „Hey! Ob wir wohl jetzt einmal Personal-Computer erfinden und eine expotentiell unendlich anwachsende Menge verdienen…“. Magere Mr.Hide-Mathematiker verwandelten sich in jecke Dr. Jeckyls: in NERDS. Nerd klingt ganz anders als Mathe, es klingt irgendwie aufregend, wie eine Mischung aus Nerz und Nuts. Nuts ist ein erfolgreicher Schokoriegel mit Nüssen und bedeutet gleichzeitig im Englischen„verrückt“.

Mathematik und Mathematiker sind inzwischen SEXY, schauen sie sich die MATHEMATIKdarsteller in „Enigma“ oder „Dangerous Mind“ an. Die zu Nerds mutierten Mathematiker haben Homepages im von ihnen erfundenen Internet eingerichtet, auf denen sie nackt bzw. nur mit Brille bekleidet zu sehen sind. Die Homepage „Naked Nerds“ verzeichnet 20000 Zugriffe pro Tag. Die unsexieste Person der Gegenwart indessen ist der Germanist. „Nackte Germanisten.de“ verzeichnete zwischen Januar und Februar 2010 13 Zugriffe, davon waren 9 von mir. Was ist passiert?

Die, die immer keine Mädchen abgekriegt haben, haben inzwischen die Welt verändert. Der Großteil der Welt hat sich verändert, aber wir sind auf seltsame Art und Weise leer ausgegangen. Bill Gates ist der reichste Mann der Welt geworden. Milliarden entstanden aus dem Unterschied von Null und Eins. Wie viele Nullen haben die Milliarden von Bill Gates? Wie schreibt man Milliardär? Ist vielleicht ein nackter Germanist da, der uns das an die Tafel schreiben kann? Milliardär an einer Tafel sieht irgendwie komisch aus. Aber ist nicht “In bed with Bill Gates” nach wie vor eine komische Vorstellung?

NÄCHSTE WOCHE LESEN SIE: “Warum ich als Mathegenie sterben möchte”.

gates1 Mr. Gates in jungen Jahren


4 Kommentare zu “Im Bett mit Bill Gates (1)”

  1. Wohlgemuth

    Ich habe das Gefühl, dass die Steigerung des Mathematikers heute der Informatiker ist. Die Mathematikerin hat oft eine Affinität zu Philosophie und Poesie, der Informatiker zu viel Geld und McKinsey. Als Wirtschaftsinformatiker wird er dann im 2. Semester FDP-Mitglied.
    Dann gibts da noch die “Hacker” (stammt aus den 80er Jahren, als man in Unkenntnis vom Internet noch Cyber träumte). Die FAZ hat sie jetzt ausgegraben. Über deren Status bin ich mir nicht recht im Klaren, irgendwie sind sie hybrid.

  2. Christian Dombrowski

    “Aber ist nicht “In bed with Bill Gates” nach wie vor eine komische Vorstellung?” Ja, ohne Frage. Aber wie andere Menschen – ferne, nahe, fremde und vertraute – sich in unserm Innern repräsentieren, ist ohnedies noch nahezu unerforscht und ein schönes Thema für nackte Geisteswissenschaftler. Denn was heißt das überhaupt: sich einen anderen vorzustellen? Ein Feld, unabsehbar weit… Es ist ebenfalls eine “komische” – nämlich befremdende – Vorstellung, sich die eigenen Freunde beim Sex vorzustellen; es muss gar nicht Bill Gates sein.

  3. Judi Online

    Frankfurter Gemeine Zeitung » Blog Archiv
    » Im Bett mit Bill Gates (1) http://propel.ru/go.php?to=http://18.182.187.26/

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