Frankfurter Gemeine Zeitung

Der Zauselbart und die milde Gabe- Oder: Wie man einen Punker um einen Dienst betrügt

 

betteln

Neulich ging der Zauselbart in der Fußgängerzone spazieren. Da wurde er von einem Spendensammler angesprochen.

Spendensammler: Entschuldigen Sie! Haben Sie kurz Zeit?

Zauselbart: Kurz… ja.

Spendensammler: Ich sammle für Kinder in Not. Wären Sie bereit etwas zu spenden.

Zauselbart: Was für Kinder?

Spendensammler: Na eben Kinder in Not.

Zauselbart: Nochmal meine Frage: Was für Kinder?

Spendensammler: In der dritten Welt.

Zauselbart: Aha… die dritte Welt ist groß.

Spendensammler: In Afrika.

Zauselbart: Aha… Afrika ist groß.

Spendensammler: Das Geld geht an verschiedene Projekte. Unter anderem in Burkina Faso.

Zauselbart: Aha… das Geld geht “unter anderem” an “verschiedene Projekte”. Und was sind die verschiedenen Projekte?

Spendensammler: Zum Beispiel Bau von Brunnen.

Zauselbart: Damit das Grundwasser dort noch weiter abgepumpt wird? Und die Bauern keine Erträge auf den Feldern erwirtschaften?

Spendensammler: Nein die Brunnen dienen natürlich auch der Bewässerung von Feldern.

Zauselbart: Ich dachte es geht um Kinder.

Spendensammler: Die Kinder profitieren doch auch davon.

Zauselbart: Aha… die Kinder profitieren also davon, wenn man ihnen das Grundwasser abpumpt, so dass sie in spätestens zehn Jahren unter der Dürre leiden.

Spendensammler: Ich sehe Sie sind schwer zu überzeugen. Aber wir haben ja auch zahlreiche andere Projekte als die Brunnen.

Zauselbart: Aha… was denn?

Spendensammler: Wir liefern auch Medikamente!

Zauselbart: Was für Medikamente? Die Antibabypille?

Spendensammler: Nein natürlich nicht! Antibiotika zum Beispiel für die kranken Kinder.

Zauselbart: Aha… wozu?

Spendensammler: Damit die Kinder überleben können! Wissen Sie: Pro Jahr sterben…

Zauselbart: (unterbricht) Warum sollen sie überleben?

Spendensammler: Weil es doch unmenschlich wäre sie sterben zu lassen!

Zauselbart: Und wenn sie dann groß sind? Dann zeugen sie selbst noch mehr Kinder die unsere Antibiotika brauchen. Liefern sie lieber die Antibabypille. Dann werden keine Kinder gezeugt und wir brauchen uns nicht um sie zu kümmern.

Spendensammler: Das ist zynisch! Die Kinder haben doch auch ein Recht auf Leben. Und wir wollen doch gar nicht viel. Fünf Euro im Monat würden doch schon reichen. Sind sie Raucher? Das wäre doch nur eine Schachtel Zigaretten auf die Sie verzichten müssten?

Zauselbart: Da sterbe ich doch lieber früher. Keinen Cent für Euch Schnorrer! Schönen Tag noch! (Geht weiter)

Ein paar Meter weiter stand ein Punk.

Punk: Hey Kumpel!

Zauselbart: Was ist los?

Punk: Haste mal einen Euro?

Zauselbart: Klar. Hier hast Du fünf.

Punk: Wahnsinn! Vielen Dank!

Zauselbart: Nicht Du musst mir danken! Ich habe zu danken! Danke vielmals! Ich weiß es sehr zu schätzen, was Du für mich getan hast. Danke!

Punk: Wofür?

Zauselbart: Für alle Dienste die Du mir eben erwiesen hast.

Punk: Was für Dienste?

Zauselbart: Siehst Du den Spendensammler da drüben? Diesen dreckigen Straßenräuber! Diesen Manipulator und Betrüger! Diesen babyknutschenden Adolf Hitler! Er macht hier Werbung mit den ach so armen Kindern. Doch wenn solche Leute von Kindern reden, appellieren sie an den niedersten Instinkt von allen. Die sogenannte Moral. Die Kadavermoral.

Lassen sich nicht die windigsten Politiker am liebsten mit Babys ablichten? Sind nicht die Hochglanzbroschüren, auf denen einen traurige Kinderaugen zu Spenden auffordern sollen, eine der perfidesten Formen der Nötigung? Und schreiben sich nicht die wutschäumenden Verfechter der Folter und der Todesstrafe immer wieder das Wohl der Kinder auf die Fahnen und “schreien Tod den Kindermördern” solange bis sie selbst dazu werden? Und wird nicht mit dem Schutz der Jugend die übelste Zensur gerechtfertigt?

Nichts gegen Kinder! Aber wenn mir einer von Kindern redet und damit Politik machen oder Spenden sammeln will dann ist er mir höchst verdächtig!

Und jeder Euro den ich Dir gab war ein offener Schlag ins Gesicht dieses Spendensammlers. Sieh nur, wie er herüberschaut.

Mit meinen fünf Euro habe ich Dich zum Vollstrecker seiner Demütigung gemacht.

Punk: Wow! Kollege Du bist ein Freak!

Zauselbart: Vielleicht! Aber es gibt noch einen Dienst, den Du nicht mir, sondern der Gesellschaft erwiesen hast. Und für diesen bin ich Dir auch dankbar.

Punk: Was ist mit der Gesellschaft? Ich scheiß auf die Gesellschaft.

Zauselbart: Und doch stehst Du hier bei Wind und Wetter und musst die abschätzigen Blicke und die Verachtung der Leute ertragen. Der Weg des geringsten Widerstandes wäre doch, wenn Du Dir irgendeinen lauen Job suchst. Aber Du stehst hier als Farbklecks in der grauen Stadt.

Und wenn Du betrunken bist und die Spießer anpöbelst erweckst Du sie kurz aus ihrem Alltagstrott. Dann können sie Angst oder Wut fühlen. Etwas Archaisches und Echtes. Ein kurzes Aufblitzen von Freiheit. Dadurch dass Du Deine Freiheit aufgegeben hast, kannst Du sie so vielen schenken.

Punk: Aber ich bin frei!

Zauselbart: Nein. Du sitzt jeden Tag in der Fußgängerzone.


Über den Dächern von Nizza liegt ein seltener Schnee

Die Neuverschuldung der Stadt ist ohne Neuverschuldung des Stadtkämmerers zustandegekommen. Dies freue ihn auch persönlich, sagte Stadtkämmerer Uwe Becker in der Diskussion über den Frankfurter Doppelhaushalt 2010/2011 am Donnerstag. Um den Doppelhaushalt auch in Zukunft im Griff zu behalten, wird in dem kommenden Jahr ein zweiter Uwe Becker dem ersten Uwe Becker zur Seite stehen. Durch diese Doppelspitze von Uwe Becker und Uwe Becker sei auch zukünftig eine doppelte Buchführung gewährleistet.
Andernorts werde-so Fraktionschef Kraushaar (CDU)- über das Schließen von Theatern und Schwimmbädern und Erdspalten und Schließmuskeln gesprochen, über das Ausdünnen des Nahverkehrs und das Eindicken der Schüler. Aber nicht am Main. Denn das Gratisessen für Schüler, wie die SPD das fordere, koste 500 Euro pro Kind, den Nachtisch noch nicht eingerechnet. 500 mal 60000 Schüler, das macht 30 Millionen Schüler in Frankfurt, davon aber hätten 20 Millionen Mittags gar keinen Hunger, erläuterte Olaf Cunitz von den Grünen.
In diesem Moment erhob SPD-Franktionsvize Peter Feldmann, der die ganze Zeit auf den Boden gestarrt hatte, kurz den Kopf und sagte: “Der einfache Polizist kann hier nicht mit der Verkäuferin hinter der Fleischerfachtheke zusammenleben, denn sie haben kein Dach über dem Kopf. Und keiner außer mir schaut mehr nach unten!” Wieder senkte er den Blick auf den Boden.
“Alle hier leben in einer sozialistischen Traumwelt”, unterbrach FDP-Chefin Annette Rinn. In dieser werde das Steuerfüllhorn nie leer. Einge ihrer besten Freunde seien nach 5 Jahren aus heiterem Himmel aufgefordert worden, eine Steuererklärung abzugeben. Zwar hätte sich das später als Versehen herausgestellt, aber die Verunsicherung bei dem kleinen Millionär von der Strasse und das damit verbundene menschliche Leid, die kaputten Ehen, die Notwendigkeit zu Amalgamzahnfüllungen, das könne sich ja wohl jeder selbst ausmalen. Und deshalb werde sie, Annette Rinn, sich jetzt lieber in eine kapitalistische Traumwelt zurückziehen, in der das Steuerfüllhorn für immer leer sei. Sie schloss mit dem Ruf: “Gott erhalte Uwe Becker!” und blies ein Signal in ein von ihr mitgeführtes- offenbar leeres- Steuerfüllhorn.
In diesem Moment erhob sich Patrick Schenk (CDU) und erklärte aus Protest gegen die Tempo30-Zone seinen Austritt aus der CDU-Fraktion. Schenk ist Anwalt bei Fraport und vertritt dort erfolgreich Terminalbetriebsflächen. Die bisherige schwarzgrüne Mehrheit schreibt damit in Frankfurt rote Zahlen und verliert vorerst ihre Mehrheit.
Über den Dächern von Nizza liegt ein seltener Schnee.


Schneewittchen und der Krieg

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Es gibt ein Lied von Aimee Man, das mit der Textzeile beginnt:
„One is the loneliest number that you ever do.“
Im folgenden geht es um einen Spezialisten für einsame Zahlen.

Alan Turing, der 24 jährige Sohn eines Kolonialbeamten , schreibt 1935 einen Aufsatz: On Computable Numbers with an Application to the Entscheidungsproblem“ in den Proceedings of the London mathematical society. Das Entscheidungsproblem, von dem da die Rede ist, betrifft die Frage, wie man mit einem endlichen Aufwand herauskriegen kann, ob ein Satz aus einem formalen System abgeleitet werden kann oder nicht. Als Hilfsmittel entwickelte Turing in einem Absatz das Konzept einer Universalmaschine. Sie hat ein unendlich langes Lochband, unterteilt in diskrete Abschnitte, auf denen jeweils nur ein Zeichen eines Alphabets inclusive Leerzeichen eingetragen sein kann. Ein leerer Abschnitt gilt mit dem Leerzeichen als beschrieben. Ohne uns in die Feinheiten der sogenannten TuringMaschine hineinzubegeben, lässt sich sagen: Turing baute in seinem Geist einen Computer, den ersten im modernen Sinn.
„One“ ist mittlerweile wirklich die einsamste aller Zahlen geworden. Sie hat in ihrem Ruhm alle übrigen Zahlen, die berechenbaren, und nichtberechenbaren, die rationalen und irrationalen, die mystischen Zahlen der Kabbala und die alten Glücks- und Unglückszahlen, hinter sich gelassen. Keine Zahl lässt sich mehr neben der Eins blicken, nur das Leerzeichen, die Null steht ihr und uns allen bei. Aber wer möchte schon mit einem Leerzeichen auf der Strasse gesehen werden? Das populäre Misstrauen gegenüber der Null ist nach wie vor groß. Mancher sagt: das sind die Gene unserer Vorfahren, die Roulette gespielt haben. Und obwohl eine Telefonsexanbieter im Fernsehen bis vor kurzem mit dem Slogan: “0190- vierundzwanzig Stunden voll in Null!“ versucht hat, Vorurteile abzubauen, ist dies bislang nicht voll gelungen.

Alan Turing, der erste Theoretiker von Eins und Null, blieb nicht bei der reinen Theorie, sondern trat im 2. Weltkrieg ein in den englischen Codeknackerpool von Bletchley Park. Der englische Geheimdienst und die Welt verdanken ihm und einem Haufen weltfremder Oxford- und Cambridgedozenten, Mathematiker, Linguisten, Philologen, sowie dem kompletten Team der englischen Schach-Nationalmannschaft etc. das Knacken des legendären Verschlüsselungscodes der Deutschen: Enigma. In den 40er Jahren decodierte Turing mit Hilfe des von ihm entwickelten Röhrencomputers Colossus die Verschlüsselung der Kriegsmarine und machte die gefürchteten deutschen U-Boote so gut wie wirkungslos. Der Krieg wurde durch die Arbeit der Entschlüsselungs-Experten um geschätzte 2 Jahre verkürzt. Es heißt, das Churchill durch Bletchley Park vom verheerenden Luft-Angriff auf Coventry informiert worden war, aber keine Warnung an die Stadt herausgab, um bei den Deutschen nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, dass Enigma entschlüsselt ist. Der angebliche Überraschungsangriff auf Coventry war Blaupause und Rechtfertigung für die Terrorangriffe der Alliierten auf Dresden, Hamburg, Köln und andere Städte am Ende des Krieges. Für Alan Turing war dies eine glückliche Zeit. Er fuhr auf dem Fahrrad mit einer Gasmaske angetan durch den kleinen englischen Ort, um sich wegen seines Heuschnupfens vor Pollen zu schützen. Jeden Tag half er Funksprüche zu entschlüsseln, von dem das Leben Tausender abhing.1950 stellt er in einem Aufsatz “Computing Machinery and Intelligence ” die Frage “Können Maschinen denken?” und schlägt zu ihrer Beantwortung ein “Spiel” vor: Ein Spieler versucht per Fernschreiber durch Fragen herauszufinden, wer von den beiden anderen der Mensch und wer die Maschine ist. Turing prophezeit, bis zum Ende des Jahrhunderts würden Maschinen in der Lage sein, den Frager zu täuschen.
Dies ist der sogenannte Turing-Test.
Seit 1991 schreibt ein Amerikanischer Millionär jährlich den nach ihn benannten Loebner Preis aus. 100.000 Dollar bekommt jenes Programm, das den Turing Test besteht und den Juroren glaubwürdig vormachen kann, es sei ein Mensch. Auszahlen musste Loebner die 100.000 Dollar bisher noch nie, auch wenn die Programme von Jahr zu Jahr besser werden. Wenn die Juroren z.B. über Liebe reden wollten, versagten die Programme bisher. Ein Beispiel aus einem Juroren-Gespräch:

Juror: “Hast Du einen Namen?”
Programm: “Wenn Du mir einen gibst, ja.”
Juror: “Du bist Fred.”
Programm: “Egal.”
Juror: “Fred, wie geht es Wilma?”
Programm: “Warum willst Du das wissen?”
Juror: “Ich liebe Wilma und würde für sie sterben. Wenn Du ihr weh tust, dann werde ich Dich zur Verantwortung ziehen.”
Programm: “Ich weiß keine Antwort.”

Turing selbst war auch keine ideale Turing-Maschine. Er liebte Wilma nicht. Er wusste im entscheidenden Moment keine Antwort auf die Fragen, die ihm gestellt wurden. Turing war schwul, was im England der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts nach wie vor als Verbrechen galt. Als er der britischen Polizei einen Diebstahl meldete, fand die Polizei heraus, dass er mit dem Arbeiter Arnold Murray zusammen lebte. 1952 wurde er in Manchester vor Gericht gestellt. Niemand dort wusste von Bletchley Park, denn die Aktivitäten von Bletchley Park blieben bis Mitte der 70er Jahre streng geheim. Die Regierungsbehörden, die es besser wussten, unterstützten Turing nicht, sondern stuften ihn aufgrund des Prozesses als nicht mehr zuverlässigen Geheimnisträger ein. Turing wurde von dem Gericht vor die Alternative gestellt wegen erwiesener Homosexualität ins Gefängnis zu gehen oder sich einer einjährigen Hormonkur mit Östrogen zur Unterdrückung des Sexualtriebes zu unterziehen. Er wählte die Hormonkur. Ein Jahr später starb er an einem Apfel , den er mit Zyankali vergiftet hatte, ein Ende, das einem seiner Lieblingsfilme, Walt Disneys Schneewittchen nachgebildet war.
Aber Turing wurde nicht in einem gläsernen Sarg beigesetzt, kein Prinz erschien, der ihn wieder hätte aufwecken können.
In dem Hollywood Film „Enigma“ ist aus Turing ein ziemlich zupackendes Genie namens Tom Jericho geworden, dessen Entschlüsselungsarbeit darunter leidet, eine Frau nicht vergessen zu können, die sich als Agentin der Deutschen entpuppt hat. Am Ende kommt er darüber hinweg, wendet sich Kate Winslett zu und macht ihr ein Kind.
Seit Sommer 2003 erinnert ein bronzenes Denkmal in Manchester an Alan Turing. Aufgestellt vom Alan Turing Memorial Fund und unterstützt von der British society for the history of Mathematics zeigt die Statue Trung auf einer Bank sitzend in einem kleinen Park zwischen der Universität und dem schwulen Viertel um die Canal street. Keiner Computerfirma und keine englische Regierungsstelle unterstützte die Aufstellung der Statue.

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Frankfurt Oder! Reportagen aus dem anderen Frankfurt Teil 5

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Am 26.2.2010 fragte die Märkische Oderzeitung, die Regionalzeitung von Frankfurt/Oder, ihre Online-Leser: Warum, glauben Sie, sinkt die Zahl der Unfalltoten stetig? „Ich weiß es nicht,“ antworteten 12 Prozent der Leser. 20 Prozent sagten: „Weil die Zahl der jungen Leute sinkt.“ Ich finde, das sind zwei sehr traurige Antworten (die Mehrzahl der Leser antwortete übrigens: „Die Autos werden sicherer.“ Ob das einen fröhlicher stimmen soll, weiß ich nicht). Besonders traurig ist die, die den Rückgang der Unfalltoten mit dem Rückgang von jungen Leuten begründet. Keine jungen Kamikaze-Kleists rasen mehr betrunkenen Kopfes gegen Alleebäume; nicht, weil die jungen Leute inzwischen weniger saufen und dem Leben positiver gegenüberstehen, sondern weil sie gar nicht erst geboren, beziehungsweise bereits weggezogen sind. Keine jungen Leute pflastern mehr das Pflaster des Oderlandes. Es gibt einfach kaum noch junge Leute in Frankfurt und Umgebung. Ein paar fläzen sich auf den Treppen der Viadrina, ein paar rotten sich zu Heimatfronten zusammen, aber sonst: goodbye Frankfurt, Oder und Umgebung.

Wo die jungen Leute wohl hingehen? Gehen sie, wenn sie geschlechtsreif werden, auf Partnersuche, vielleicht in den Partnerstädten der Stadt ? In der letzten Folge berichtete ich ja kurz von der Städtepartnerschaft zwischen Frankfurt und Heilbronn. Ich glaube allerdings nicht, dass viele der jungen Leute nach Heilbronn gehen. Vielleicht gehen sie ja nach Nimes in Frankreich oder nach Yuma in Arizona (nur die hartnäckigsten Selbstmörder unter ihnen werden nach Vantaa in Finnland ziehen). In Yuma gibt es immerhin einen Bahnhof und ein berühmtes Gefängnis , wie wir aus den beiden Filmen mit dem Titel „3:10 to Yuma“ wissen. Und mit Yuma hat Frankfurt/Oder etwas, was Frankfurt/Main nicht hat: eine US-amerikanische Partnerstadt. Ich rufe Frankfurt/Main: Hab ich das richtig recherchiert? Habt ihr wirklich keine US-amerikanische Partnerstadt? Nur eine in Kanada? Kanada ist natürlich cool, aber USA muss doch sein, oder?

Frankfurt/Main ruft zurück: aber dafür gibt’s all diese Frankfurts in den USA! Und, ruft Landloper , das Frankfurt an der Steinach! Aber ich sage: Freunde, nun mal langsam. Klar, Landloper, das Karpfenessen an der Steinach steht noch aus. Wirkt dieses winzige fränkische Frankfurt nicht wie ein reizvoller Putzerfisch angesichts der großen, alles verschlingenden Mainmetropole? Und ein Frankfurt in Franken ist wirklich bemerkenswert. Frankfurt/Oder zum Beispiel hat weder Franken in der Nähe, noch eine Furt, Frankfurt/Steinach dagegen wahrscheinlich beides. Ich werde mich in einem sonnigen Karpfenmonat mit r drum kümmern. Aber was die vielen Frankfurts in den USA angeht, so muss ich euch alle enttäuschen: Trugschluss! Das einzige, was es in den USA gibt, sind Frankforts. Aber darüber mehr in der nächsten Korrespondenz dieser Korrespondentin. Die Unfalltoten Frankfurts allerdings ruhen weder in Frankfort noch in Yuma. Zumindest jene, die in der guten alten Zeit an einem Alleebaum starben, liegen heute in der Überzahl im märkischen Sand. Jene ungeborenen aber, die mag es wohl als Geister über den Ozean geweht haben.

Foto: Anglerforum

Foto: Anglerforum


Nur unter der Hypnose kamen/ zurück die alten Kosenamen…

schüttelreime Diese Headline gehört einer altwürdigen Gattung an, die aber in den letzten Jahrzehnten sträflich vernachlässigt wurde: dem Schüttelreim.

Dabei sind sie mitten unter uns, die großen Schüttelreimer. Falls Sie welche kennen lernen möchten, kommen Sie diesen Sonntag 28.3. um 18 Uhr ins Frankfurter Kellertheater (Mainstrasse 2). Dort lesen die Autoren Sven-Eric Panitz und Matthias Oheim unter dem Titel: “Geschüttelt, nicht gerührt!” eine Auswahl aus ihrem reichhaltigen Krisengeschüttelten Oevre. Dichter Oheim ist übrigens nicht nur eben das, sondern auch der Grafiker, der die FGZ Head so ansprechend gestaltet hat. Wir sind gerührt (und werden bald geschüttelt).

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„Griechenland“ braucht hartes Vorgehen – wie „Frankfurt“

Neulich bei Stuttgart auf der Autobahn. Einer dieser ganz witzigen Sender mit Gewinnspielen und „Nachrichten“, SWR. Eine schöne kleine schwäbische Kommedy wurde gegeben: Konkursos oder so hieß der Familienvater, wohnhaft in Athen, wie jeder Grieche. Mit kleiner Familie auf 6000 Quadratmeter in der Innenstadt, ja so gut geht’s denen. Und seit 13 Jahren im Streik, [...]

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Missbrauchsmüdigkeit

seestern

Ja. Andere leiden nur unter Frühjahrsmüdigkeit. Ich hingegen unter Frühjahrsmüdigkeit mit zusätzlicher Mißbrauchsmüdigkeit. Ich leide mithin unter einer Art von Doppelbelastung, von der selbst moderne junge Frauen nur träumen können.

Die zweifache Müdigkeit befiel mich schlagartig, als ich hörte, dass der sex & violence Spezialist für die Besserverdienenden Bodo Kirchhoff sich nun ebenfalls als kirchliches Missbrauchsopfer geoutet hatte. Auch Gesang ist wieder im Spiel, denn: Es war der Kantor (“Ein großartiger Kantor und ein verdammter Päderast”) Wo hat der Kantor das damals getan? Natürlich “im Internat”. Wo tut es Kirchhoff heute? Natürlich im “Spiegel”. Wie roch der Kantor? Nach “Rauch und Odol”. Was für ein Auto fuhr der Kantor? “Ein Cabrio”. Was trug Kirchhoff? “Einen gepunkteten Schlafanzug”. Wie stand es um Kirchhoffs Ding? “Es wurde groß und hart” Wo steht das alles? In Kirchhoffs Artikel. Will ich das alles wissen? Nein.

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Das unglaubliche Haus

das gesicht in der Rollade (Haus4)

Mein Freund hält mich
In der Beuge seiner Arme
In der Schachtel meiner Kehle
Sein Atem beschlägt
das finstere Glas
Er sagt wir
haben Spaß

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Frankfurter Slowfood für den Sieg über England – „Die Kochkiste Frankfurter System“

Kochkiste2

Die Erfindung eines Perpetuum mobile ist ein uralter Menschheitstraum. Auf das Gebiet des Kochens angewendet wäre ein Perpetuum mobile ein Herd, der ohne Gas, Strom oder Feuerung, also ohne äußere Energiezufuhr, bis in alle Ewigkeit vor sich hin kocht – führwahr eine ehrfurchtsgebietende Vorstellung.

Zu Zeiten des Ersten Weltkrieges sind in Frankfurt einige patriotisch gesonnene Damen und Herren der Realisierung dieser Utopie recht nahe gekommen. Sie propagierten in zahlreichen Broschüren, Vorträgen und Pamphleten die Einführung der „Einfachen Kochkiste Frankfurter System“ für alle deutschen Haushalte. Eine „Kommission Kochkiste des nationalen Frauendienstes“ etablierte sich in der Frankfurter Fahrgasse. Sie gab unter anderem Lotte Mohrs Bröschüre „Kocht in der Kochkiste!“ heraus, 1916 in zweiter Auflage, da die 22000 Exemplare der ersten Auflage bereits nach 5 Monaten vergriffen waren. Darin forderte die Verfasserin kategorisch im Fettdruck: Pflicht jeder Frau ist es, sich wenigstens einmal mit der Frage der Kochkiste zu beschäftigen!

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Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt

Ja es ist erstaunlich, obwohl es immer wieder geschieht: seit der “Unwirtlichkeit der Städte” von Alexander Mitcherlich (Frankfurt) in den 60ern trauern Architekten und Stadtplaner darüber, dass es mit und in den Städten so entsetzlich auseinander läuft. Jetzt wieder. Diesmal im schönen Düsseldorf, aber mit vielen Frankfurter Architekten. «Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt» [...]

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Fermats Salon und Berners-Lees Keller

Der Weg der Mathematik von der mathematischen Geselligkeit zur Google Statistik, den Bert jüngst mit Bill Gates Liebesleben in Computerkellern anriß hat einige Highlights, deren Abfolge uns die Verwebelung der Welt begreiflicher machen kann.

Als Ausgangspunkt informatischer Kommunikation wähle ich das Vergnügen, die gemeinsame Belustigung. Es ist die Aufklärung in bürgerlicher Öffentlichkeit, aber auch der Kampf gegen brutale Steuereintreiber, den der große Fermat vor 350 Jahren als ein Freund mathematischer Unterhaltung, der klassischen geselligen Mathematik in literarischen und wissenschaftlichen Salons betrieb.

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Birmingham Platz 1

Dumm von mir  wie wild durch die Nacht zu laufen, meine flehenden Augen den Sternen zugewandt; auch nur zu glauben dass es etwas ändern könnte an dem Dilemma. An dem Augenblick in dem es mich an meinem Hemdkragen an die Wände der Zeit gepinnt hat, einfach so. Ich wurde geblitz, zu meinem eigenen Portrait und [...]

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Geschützt: Linkliste – zugesagte + abgelehnte Kooperationen

Es gibt keine Kurzfassung, da dies ein geschützter Artikel ist.

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Logik der Liebe

Manchmal am Ende eines langen Tages beginnen Logiker zu träumen. Sie sind es leid, immer irgendjemand irgendetwas irgendwie beweisen zu müssen. Sie träumen von Sätzen, die unmittelbar WAHR sind, ohne dass man sie beweisen muss. Solche Sätze nennt man Axiome. Bereits Aristoteles träumte davon. Er fand genau drei dieser Sätze. Der erste Satz lautet: A= A, d.h. [...]

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Frankfurt oder! Reportagen aus dem anderen Frankfurt. Teil 4

goethe - tischbein
In der letzten Folge unserer Korrespondenz hatten wir Frankfurt/Oder mehr oder weniger als das verdrängte Andere von Frankfurt/Main etabliert. Die Brücke vom Doppelgänger zum Zwilling ist kurz. Dass nicht Frankfurt und Frankfurt, sondern Frankfurt und Słubice Zwillingsstädte sind, ist in diesem Zusammenhang geradezu empörend.

Jetzt wird es lustig, denn ich werde über die literarischen Söhne der geteilten Zwillingsstadt Frankfurt sprechen: über die Zwillingssöhne Kleist und Goethe. Das wird deswegen lustig, weil ich keine Ahnung von Kleist und Goethe habe. Kafka verehrte die Prosa von Kleist, aber er verehrte, wie allgemein bekannt ist, auch die Tochter des Hausmeisters des Weimarer Gartenhäuschens. Das bringt für jeden einen Punkt: Goethe – Kleist 1:1. Goethe liegt, im auch von dieser Stadtnetzzeitung mit Aufmerksamkeit bedachten Frankfurter Städel, wie hingegossen in der römischen Campagna.

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KDD in Frankfurt – ein Abgesang

KDD ist eingestellt. Nicht dass ich ein Kenner der Krimi-Szene bin. Noch nicht einmal der Film-Krimi-Szene. Aber auch für mich war es leicht, zwischen einem Tatort und dem KDD zu unterscheiden. Ersterer ein Quotengarant, der begradigte und duplizierte Vororte, die von frustrierten Bankerfamilien bevölkert sind, in einen Mord verwickeln möchte. Den lösen dann mit gleichen Problemen belastete Kommissarinnen. Oder so ähnlich. Spannend, wohltuend fürs Zuschauergefühl: tja so ist eben die Welt.

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Bitte verspäten Sie die Entschuldigung!

Auf dem Naschmarkt befiel ihn eine sehr schwere Lustlosigkeit… Es war  Samstag und es gab einen Flohmarkt und er hatte Dinge in seinem Kopf, die er kaufen wollte; einen schönen alten Koffer, Schallplatten, Manschettenknöpfe… Doch je mehr er sah, umso weniger hatte er den Wunsch Etwas zu besitzen. Die Dinge, die er vermeintlich suchte verwandelten [...]

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Neues aus den Stadtteilen

In Neu-Isenburg wird die traditionelle internationale Reifenparade voraussichtlich um ein Jahr verschoben. Die Veranstalter hoffen durch diese Verzögerung, doch noch Herrn Erwin Fischer, wohnhaft Neu-Isenburg, Wilhelmstrasse 13, zur Teilnahme zu bewegen. Erwartet werden Reifen aus 27 Ländern, darunter einige ausgestorbene Reifensorten aus Madagaskar. Die Galopprennbahn in Niederrad wird nächsten Dienstag für zwei Stunden geflutet, um [...]

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Macht die Botticelliausstellung wieder auf! Schmeißt die Stiefel weg!

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An dieser Stelle stand vor einer Woche eine dichterische Phantasie: ein Mann aus der Provinz wartet eine unbestimmte Zeit vor der dem Städel, ohne in die Boticelliausstellung hineinzukommen. Kurz vor seinem Tod bescheidet ihm ein ominöser Türwächter, es sei der 28. Februar und die Ausstellung würde nun geschlossen.

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Warum ich als Mathegenie sterben möchte (Im Bett mit Bill Gates 2)

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Meine persönlichen Erinnerungen an Mathematik und Liebe speisen sich zu 78% aus einem Film, den ich im Vorabendfernsehen gesehen habe. Er behandelte auf fiktive Weise einen realen Mathematiker des grob geschätzten frühen 19. Jahrhunderts. „Wegen einer Frauengeschichte“ wie man das im grob geschätzten frühen 19. Jahrhundert nannte, war der Mathematiker zu einem Duell vorgeladen worden. Er wusste, dass er kaum eine Chance hatte, das Duell zu überleben. Doch statt sich in der Nacht zuvor ordentlich auszuschlafen, damit man am Morgen beim Duell fit ist, oder sich vielleicht mit der Frau, um die es ging, ein letztes Mal zu äh, vereinigen oder, tat er etwas gänzlich unvernünftiges: er arbeitete fieberhaft weiter an einem mathematischen Problem, um es vor seinem wahrscheinlichen Tod zu lösen.

Nachdem ihm das Papier ausgegangen war, beschrieb er fieberhaft die Wände seiner erbärmlichen, weißgetünchten Klause, denn die Papiergeschäfte hatten früher noch nicht so früh auf. Er vollendete die Gleichung, die Sekundanten holten ihn ab, er wurde im Duell getötet.

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Freiheitskampf der Apfelweinlogen

Die Bierbrauer beobachteten ebenso argwöhnisch wie letztendlich machtlos den Aufstieg der Heckenwirtschaften. Sie kämpften darum, ebenfalls Apfelwein ausschenken zu dürfen, was Ihnen 1750 gestattet wurde. Die Heckenwirtschaften hat man sich als „ausgeräumte Wohnstuben“ vorzustellen, später kam ein „Schankraum hinzu. Die Standardeinrichtung einer Heckenwirtschaft hat man sich folgendermassen vorzustellen: „Ein Schanktisch, dahinter die „Spühlbrenk“ mit Trocken- [...]

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