Frankfurter Gemeine Zeitung

Macht die Botticelliausstellung wieder auf! Schmeißt die Stiefel weg!

Staedel_Banner_160x160An dieser Stelle stand vor einer Woche eine dichterische Phantasie: ein Mann aus der Provinz wartet eine unbestimmte Zeit vor der dem Städel, ohne in die Botticelliausstellung hineinzukommen. Kurz vor seinem Tod bescheidet ihm ein ominöser Türwächter, es sei der 28. Februar und die Ausstellung würde nun geschlossen. Nun erreicht uns eine erschreckende Nachricht: Die Ausstellung ist tatsächlich am 28. Februar geschlossen worden! Frankfurt ist Botticellilos. No more femme fragiles nirgendwo. Und damit nicht genug: Max Hollein will jetzt gleich das ganze Städel neu bauen lassen, bzw. er will, das Frankfurt das Städel neu baut! Um diesen Wahnsinnsplan zu finanzieren, zwingt er Kinder, grauenhafte, knallgelbe Benefizstiefel zu tragen. (nachzulesen auf: http://www.das-neue-staedel.de/)Das Museumsufer wurde darob einerseits von Gefühlen, andererseits vom Main überschwemmt.

Zwar ist seit Oskar Wilde bekannt, dass das Leben die Kunst imitiert, aber niemand konnte ahnen, dass unser Artikel zu solchen Konsequenzen führen würde.

Ich möchte im Namen der Redaktion sagen: Das haben wir nicht gewollt. Wir entschuldigen uns bei allen Liebhabern Botticellis. Und bitten: Lasst das Städel stehen! Macht die Botticelliaustellung wieder auf! Schmeißt die Stiefel weg!


Warum ich als Mathegenie sterben möchte (Im Bett mit Bill Gates 2)

gates 6

Meine persönlichen Erinnerungen an Mathematik und Liebe speisen sich zu 78% aus einem Film, den ich im Vorabendfernsehen gesehen habe. Er behandelte auf fiktive Weise einen realen Mathematiker des grob geschätzten frühen 19. Jahrhunderts. „Wegen einer Frauengeschichte“ wie man das im grob geschätzten frühen 19. Jahrhundert nannte, war der Mathematiker zu einem Duell vorgeladen worden. Er wusste, dass er kaum eine Chance hatte, das Duell zu überleben. Doch statt sich in der Nacht zuvor ordentlich auszuschlafen, damit man am Morgen beim Duell fit ist, oder sich vielleicht mit der Frau, um die es ging, ein letztes Mal zu äh, vereinigen, tat er etwas gänzlich unvernünftiges: er arbeitete fieberhaft weiter an einem mathematischen Problem, um es vor seinem wahrscheinlichen Tod zu lösen.

Nachdem ihm das Papier ausgegangen war, beschrieb er fieberhaft die Wände seiner erbärmlichen, weißgetünchten Klause, denn die Papiergeschäfte hatten früher noch nicht so früh auf. Er vollendete die Gleichung, die Sekundanten holten ihn ab, er wurde im Duell getötet. Danach betraten die Sekundanten sein Zimmer um seine Habseligkeiten einzusammeln. Natürlich waren sie ebenfalls Mathematiker, ein Mathematiker würde niemals einen Spielwarenhändler oder einen Friseur als Sekundanten nehmen, obwohl letztere als Sekundanten sehr gut sein sollen. Der Blick der Mathematikersekundanten fiel auf die beschriebenen Zimmerwände, die beschriebenen Papiere und sie erkannten: „Mon Dieu! Er war ein Genie! Er hat DAS Problem gelöst!“ Und heute steht der Name dieses Mathematikers in allen Geschichten der Mathematik. Leider habe ich ihn vergessen.

Aber auch wenn ich den Namen vergessen habe, und das von ihm gelöste Problem ohnehin niemals verstehen werde, diesen Film habe ich niemals vergessen. Ich weiß nicht wie SIE sterben möchten, aber genau so will ich sterben. Zunächst werde ich im Duell für eine geliebte Frau erschossen, und dann stellen meine Hinterbliebenen zu ihrem großen Erstaunen fest, dass es sich bei mir um ein Mathematikgenie gehandelt hat. Ich habe das bereits für den Falle meines Todes in meiner Patientenverfügung folgendermaßen festgelegt:  Der leitende Stationsarzt, übernächtigt und bleich, zündet sich eine Zigarette an und sagt: „Gnädige Frau, da ist nichts zumachen. 15 Steckschüsse, alle in die gleiche Wunde, da kommt die ärztliche Kunst an ihre Grenzen!“

Die Frau, für die ich alles gewagt habe, steht an meinem Sterbelager. Mit den Tränen kämpfend sagt sie: „Hättet ihr Euch denn nicht irgendwie…einigen können, Du und Maurice?“ Mühsam antworte ich: „Maurice ist ein Schwein. Er hat gesagt, er würde alles vergessen, wenn ich….“ ein schwerer Husten erschüttert meinen Körper“…wenn ich…eine Nacht mit Bill Gates verbringe, aber….ich konnte nicht.“ Unterdessen haben meine beiden Sekundanten, Sigmund Sinus und Karl von Kosinus, bereits meine Wohnung und ihre Lippen versiegelt, denn ich habe ein unerhörtes kompliziertes mathematisches System buchstäblich in letzter Sekunde entwickelt. „Hättest Du ihm das zugetraut, Karl?“ sagt Sigmund Sinus. „Nee, ich dachte immer der schreibt an so ner Art von Roman“.

Leider entspricht es einem weiteren Gesetz, dass Leute, die sich wie ich mit Texten befassen, selten einen heroischen Tod erleben. Ich erinnere stellvertretend für alle an den österreichischen Schriftsteller Ödon von Horvath. Horvath hat es geschafft, noch vor dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Paris während eines kurzen Gewitters auf den Champs-Elysees von einem herabfallenden Ast erschlagen zu werden.

Obwohl ich also in meiner Patientenverfügung ausdrücklich um einen Tod als verkanntes Mathematikgenie gebeten habe, wird es wahrscheinlich so kommen: Kurz bevor Roland Koch zum achten Mal in Folge zum hessischen Ministerpräsident gewählt wird, werde ich in einem Frankfurter  Thairestaurant überraschend von einem umfallenden Sack Reis erschlagen. Der Obduktionsbericht kommt zu dem Ergebnis, dass der Vorfall sich zur Zeit des günstigen Mittagmenues ereignet hat, also irgendwann zwischen 12 Uhr und 14.30 Uhr. Meine Nachlassverwalter finden bei der Durchsuchung meines Arbeitszimmer zahllose CDs vor, die nicht in die Hüllen eingeordnet sind. Als sie meinen PC sichten, stellen sie fest, dass ich 7432 Bilder von der Seite „Nackte Germanisten.de“ heruntergeladen habe. „Hättest Du ihm das zugetraut, Karl?“ fragt Sigmund Sinus. „Nee, ich dachte immer der schreibt an so ner Art von Roman“. Außerdem finden sie noch 2 geheimnisvolle Zettel. Auf dem einen steht in großen Lettern: „Mulch.“, auf dem anderen: „Ludwig Erhardt war ein künstlicher Mensch“. Den ersten Zettel schicken sie an das Literaturarchiv in Marbach, den zweiten an die KonradAdenauerstiftung zur Prüfung.

Die Frau, für die ich all das gewagt habe, reist mit einem sensibel wirkenden Systemadministrator nach Paris und spaziert mit ihm über die Champs-Elysees, um „mal ein bisschen Abstand von all dem zu bekommen“. Das wird aller Wahrscheinlichkeit nach passieren. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 1: 7432.

galois1
Original- Handschrift v. Galois: Mathematische Formeln u. “Liberte, Egalite, Fraternite ou la mort”

Freiheitskampf der Apfelweinlogen

apfelwein4

Die Bierbrauer beobachteten ebenso argwöhnisch wie letztendlich machtlos den Aufstieg der Heckenwirtschaften. Sie kämpften darum, ebenfalls Apfelwein ausschenken zu dürfen, was Ihnen 1750 gestattet wurde.

Die Heckenwirtschaften hat man sich als „ausgeräumte Wohnstuben“ vorzustellen, später kam ein „Schankraum hinzu. Die Standardeinrichtung einer Heckenwirtschaft hat man sich folgendermassen vorzustellen:

Ein Schanktisch, dahinter die „Spühlbrenk“ mit Trocken- und Ablaufbrett. Auf dem Schanktisch der Faulenzer als Einschenkhilfsgerät, in dem der Bembel (auch heute noch) steht. An der Wand befand sich ein Regal mit Gläsern , Kartenspielen, Kreide und Zigarrenkisten. (…) An den Fenstern zeigten rote Vorhänge an, dass gezapft wurde. Unter dem Schanktisch befanden sich: Das Käsedibbe, Pfeffer und Salz, Essig sowie Kümmel für die Handkäs. Dazu Brot, einige Teller und Bestecke Im Raum stand ein Ofen mit langem Rohr. Auf die Ofenplatte legte die Wirtin morgens rohe, ungeschälte Kartoffeln.“ (H.P. Müller)

Spendeten zunächst Talg- und Öllampen das spärliche Licht, so waren es später Gaslampen und schließlich Glühbirnen. Ansonsten veränderte sich das Ambiente dieser Apfelweinstuben von der fühen Neuzeit bis Anfang des 20. Jahrhunderts kaum.

1876 existierten in Sachsenhausen etwa 43 Heckenwirtschaften; in Frankfurt-Stadt konzentrierten sie sich in der Alten Gasse und der Breiten Gasse, dem Wohnviertel der Frankfurter Gärtner.

Die Heckenwirte waren hauptberuflich Gärtner, Mainschiffer, Handwerker etc. und gegenüber ihrer Apfelwein-Kundschaft von einer legendären Ruppigkeit.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts professionalisierte sich das Gewerbe. Die Heckenwirtschaften wurden von Apfelweinkneipen abgelöst, die das ganze Jahr hindurch ausschenken; die Wirte sind Wirte, nichts weiter.

Mit dem ersten Weltkrieg begann die kurze heroische Periode des Frankfurter Apfelweinkonsums; eine verspätete Form des im 18. und 19. Jahrhundert beliebten Freimauertums zeigte sich in der Stadt. Der preußisch dominierte Staat betrachtete Äpfel als kriegswichtiges Gut, aber natürlich in seiner rein nahrhaften Form, d.h. in der Konsistenz von Apfelgelee etc. Die Produktion von Apfelwein wurde verboten. Die Frankfurter unterliefen das vaterländische Gebot und gründeten private „Apfelweinlogen“. Unter hochgemuten Namen wie „Stark im Recht“, „Freitagsgesellschaft“, „Schillerloge“ etc. vertraten die Logen in schwieriger Zeit die Sache der Freiheit, sich privat zu treffen und schwarzgekelterten Apfelwein zu trinken. Was die apfelweintrinkenden Logenbrüder nicht wußten: Sie konnten sich dem schwäbischen Dichterfürsten Schiller nicht nur aufgrund seines Freiheitspathos nahe fühlen. Thomas Mann hat berichtet, dass Schiller in seinem Schreibpult einen Apfel verfaulen ließ, um sich durch die Gärungsgase zu inspirieren.

Nach Ende des nächsten Weltkrieges standen die Apfelweinwirtschaften vor gänzlich anderen Problemen. Viele der traditonellen Wirtschaften waren in den Flammen des Bombenkrieges zugrunde gegangen. Oft fanden sich nur schwer Nachfolger. Den Rest besorgten einerseits die Brauereien, die aufgrund ihrer ökonomischen Potenz überall im Gaststättengewerbe die Pachtvergabe monopolisierten und die Apfelweinkneipen verdrängten, andererseits der auf Spekulationen basierende Modernisierungswille der 60er und 70er Jahre, dem insgesamt die kärglichen ?berreste des ehemaligen Frankfurt fast gänzlich zum Opfer fielen. Alt-Sachsenhausen wurde „resopalisiert“ und in einen Kulissen-Stadtteil verwandelt.

Frank Gotta klagte in seinem das Loblied des Apfelweins anstimmenden Buch „Aus einem goldenen Apfel“ 1979:

Häufig tragen die Wirte auch selbst die Schuld am Untergang der Apfelweinkultur. Im vermeintlichen Glauben mit der Zeit gehen zu müssen, haben sie (…) die Räume auf modern umgemodelt, oder üppig erweitert und ausgebaut. Die Ergebnisse in glattem Kunststoff und nachgemachtem Schmiedehandwerk sind bedeutende Beispiele extremer Geschmacksverirrung. Synthetik-Design auf altdeutsch zum Lachen. (…) Natürlich kann man mit der Zeit gehen, aber ist es dazu nötig, die alten Bäume im Hof zu fällen, um in Betonschalen Geranien zu pflanzen? Oder muss man dazu unbedingt die Balken aus der Decke brechen und sie durch Atrappen ersetzen, oder die Holzverkleidung lösen, um die Wand reinlich zu verputzen?“.

Inzwischen ist diese Entwicklung gestoppt. Möglicherweise hatte sogar die artifizielle Ghettoisierung Alt-Sachsenhausens einen paradox-positiven Effekt auf die Erhaltung der Frankfurter Apfelweinkultur. Indem das Viertel den Apfelweintourismus fast gänzlich auf sich konzentrierte, blieben traditionellen Apfelweinlokale an anderer Stelle weitgehend unversehrt. .


Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.