Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurt oder! Reportagen aus dem anderen Frankfurt. Teil 4

04.

In der letzten Folge unserer Korrespondenz hatten wir Frankfurt/Oder mehr oder weniger als das verdrängte Andere von Frankfurt/Main etabliert. Die Brücke vom Doppelgänger zum Zwilling ist kurz. Dass nicht Frankfurt und Frankfurt, sondern Frankfurt und Słubice Zwillingsstädte sind, ist in diesem Zusammenhang geradezu empörend.

Jetzt wird es lustig, denn ich werde über die literarischen Söhne der geteilten Zwillingsstadt Frankfurt sprechen: über die Zwillingssöhne Kleist und Goethe. Das wird deswegen lustig, weil ich keine Ahnung von Kleist und Goethe habe. Kafka verehrte die Prosa von Kleist, aber er verehrte, wie allgemein bekannt ist, auch die Tochter des Hausmeisters des Weimarer Gartenhäuschens. Das bringt für jeden einen Punkt: Goethe – Kleist 1:1. Goethe liegt, im auch von dieser Stadtnetzzeitung mit Aufmerksamkeit bedachten Frankfurter Städel, wie hingegossen in der römischen Campagna. Kleist steht als Statue unweit von meiner letzten Berliner Wohnung im Viktoriapark und kontempliert ganz offenbar den Freitod. Goethe – Kleist 2:1? In Sachen Lässigkeit geht der Punkt klar an Goethe. Aber natürlich schlägt unser Deproherz für Kleist, und nicht nur, weil er das Erdbeben von Chile vorausgesehen hat.

goethe - tischbein

kleist im viktoriapark

Was aber kaum jemand weiß: Goethe und Kleist waren Zwillinge, die bei ihrer Geburt getrennt wurden. Bis heute haben sie nicht zusammengefunden. Dass ihr Verhältnis ein sehr kompliziertes war, ist allgemein bekannt. Aber niemand hat sich bis jetzt ernsthaft um den Verdienst Goethes an Kleists Selbstmord gekümmert. Ging es in der Konkurrenz nicht unbewusst auch darum, den Zwillingsbruder nachträglich abzutreiben? So wie später die BRD die DDR am liebsten abgetrieben hätte, heh? Hat nicht Goethe Kleist auf dem literarischen Parkett dadurch unmöglich gemacht, dass er seinen Zerbrochenen Krug in einer unerträglichen Fassung aufführte? Zerbrochener Krug: Mehr brauche ich wohl nicht zu sagen. Das Bruderopfer war getan; nun musste nur noch die Stadt gegründet werden, und das war natürlich Frankfurt, das so groß war, dass man es in zwei Teile einteilen musste, in Frankfurt an der Oder und Frankfurt am Main.

Der Krug ist wohl endgültig zerbrochen. Und Kleist und Goethe schon viel zu lange tot. Denn sonst könnten sie Hand in Hand vor den Deutschen Städtetag treten und fordern: Wir wollen, dass der Zerbrochene Krug geleimt wird! Oder dass wenigstens unsere Zwillingsstädte Partnerstädte werden! Dann wäre Frankfurt die Partnerstadt von Frankfurt! Und Frankfurt die Partnerstadt von Frankfurt! Aber die innerdeutschen Partnerstädte sind bereits vergeben. Frankfurt/Main hat sich Leipzig geschnappt (immerhin steht da Auerbachs Keller, seufzt Goethe). Frankfurt/Oder erkor sich Heilbronn (die Käthchenstadt! freut sich Kleist. Die Leser _innen der Frankfurter Gemeinen Zeitung werden interessiert sein zu erfahren, dass in Heilbronn seit 1993 jährlich die „Nacht der deutschen GemEinheit“ stattfindet, eine Gemeinschaftsveranstaltung der Heilbronner „GAUwahnen“ und der Frankfurter „Oderhähne“, zweier politischer Kabaretts. Schöner wäre es aber sicher, wenn die Frankfurter Oderhähne mit dem Frankfurter Kellertheater kooperieren würden).

Städtepartnerschaften sind überhaupt ein spannendes Thema, aber dazu später mehr. Zurück zu Kleist und Goethe. An denen klebt ja noch mehr. Universitäten zum Beispiel. Denn unsere Zwillingsstädte sind natürlich beides Universitätsstädte. Während Goethe aber gar nicht an der JohannWolfgangvonGoetheUni studiert hat, die nach ihm benannt wurde (sondern eben unweit von Auerbachs Keller, jenem Weinausschank, der im Übrigen nach dem oberpfälzischen Geburtsort seines ersten Besitzers benannt ist), gab sich die Frankfurter Uni, an der Kleist studiert hat, völlig unbeeindruckt von seiner Anwesenheit und änderte ihren Namen, Viadrina („die an der Oder gelegene“), nicht. Es mag allerdings keine Koinzidenz sein, dass die Viadrina gerade in Kleists Todesjahr (1811) zumachte und sich mit der Universität von Wrocław (an der Oder) vereinigte. Wir wissen nicht, was aus der Universität Wrocław wurde, nachdem sich die Viadrina im Jahr 1991, im neu vereinigten Deutschland, neu gründete. Aber wir haben so unsere Vermutungen. Trotzdem sind wir froh über die Neugründung der Viadrina, beschert sie uns doch Bilder wie dieses, welches beweist, dass die Nachfahren Kleists es inzwischen gelernt haben, mindestens so lässig wie Goethe einst in der Campagna, hingegossen in der Oder-Landschaft herumzulümmeln.

Frankfurt_oder_insel_ziegenwerder


2 Kommentare zu “Frankfurt oder! Reportagen aus dem anderen Frankfurt. Teil 4”

  1. gaukler

    So wird man zur Metropole: vielleicht sollte Frankfurt die Partnerstadt von Frankfurt werden, sich dann vereinigen (wie Libyen und Syrien es mal vorhatten). Das wäre dann in gewissem Sinne die (flächen-)größte Stadt der Welt. Und die West-Ost-Synergie. Heih.

  2. takeawalk

    die geschichte der beinahe-vereinigung von libyen und syrien (die wahrscheinlich daran scheiterte, dass man sich nicht darauf einigen konnte, auf welcher silbe des neuen landesnamens das “y” fallen würde) muss auch noch geschrieben werden. gaukler, übernehmen Sie!

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