Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurter Slowfood für den Sieg über England – „Die Kochkiste Frankfurter System“

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Die Erfindung eines Perpetuum mobile ist ein uralter Menschheitstraum. Auf das Gebiet des Kochens angewendet wäre ein Perpetuum mobile ein Herd, der ohne Gas, Strom oder Feuerung, also ohne äußere Energiezufuhr, bis in alle Ewigkeit vor sich hin kocht – führwahr eine ehrfurchtsgebietende Vorstellung.

Zu Zeiten des Ersten Weltkrieges sind in Frankfurt einige patriotisch gesonnene Damen und Herren der Realisierung dieser Utopie recht nahe gekommen. Sie propagierten in zahlreichen Broschüren, Vorträgen und Pamphleten die Einführung der „Einfachen Kochkiste Frankfurter System“ für alle deutschen Haushalte. Eine „Kommission Kochkiste des nationalen Frauendienstes“ etablierte sich in der Frankfurter Fahrgasse. Sie gab unter anderem Lotte Mohrs Bröschüre „Kocht in der Kochkiste!“ heraus, 1916 in zweiter Auflage, da die 22000 Exemplare der ersten Auflage bereits nach 5 Monaten vergriffen waren. Darin forderte die Verfasserin kategorisch im Fettdruck: Pflicht jeder Frau ist es, sich wenigstens einmal mit der Frage der Kochkiste zu beschäftigen!

Das Cover zeigte die Zukunft des Kochens in einer idyllischen Zeichnung. Eine Frau ist abgebildet, nicht etwa schwitzend über die Kochtöpfe gebeugt, sondern gemütlich auf einem Stuhl sitzend und strickend, vor sich auf einem Stuhl eine unscheinbare Kiste, darüber ragt ein Vogelbauer mit tirilierendem Vögelchen ins Bild. Welch geheimnisvolle Dinge sich im Inneren dieser Bocuseschen black box abspielen mögen, zeigt das Bild nicht, ja es scheint kaum so, dass da überhaupt etwas gekocht wird.

Die Kochkiste sollte das Kochen auf dem Herd ersetzen nicht nur, weil so kriegswichtige Energie gespart werden konnte, sondern auch weil für das Kochen in der Kochkiste weniger Lebensmittel verbraucht wurden, als bei der herkömmlichen Zubereitungsmethode, ein wichtiges Argument angesichts der Blockadepolitik Englands.

Lotte Mohr:

Man kommt in der Kochkiste mit ein paar Hülsenfrüchten, Reis, Gerste, Haferflocken, Nudeln und Dörobst so weit wie auf dem Herd mit einem Pfund. Nun denkt, wenn jede Frau im deutschen Reiche täglich nur halb so viel spart, wieviel länger wir dann dem Feind standhalten können. Sie (die Kochkiste) ist in dieser Zeit der Grossen Not unser treuster Freund, ohne sie ist eine „Kriegskost“ unmöglich und mit ihr im Bunde haben wir eine gute Wehr und Waffen gegen Englands scheußlichen Aushungerungsplan.“

Verlassen von den meisten Bundesgenossen, sollte Deutschland die hölzerne Kochkiste an die abgemagerte, nach Brot und Freunden hungernde Brust drücken. Dies empfahl sich insbesondere in Frankfurt, einer zur damaligen Zeit unglücklicherweise preußischen Stadt mit hessischem und bayrischem Hinterland. Da den beiden Reichsländer verständlicherweise zunächst an der Versorgung ihrer jeweiligen eigenen Bevölkerung gelegen war, verlief die gewohnte Versorgung Frankfurts aus dem Umland weit weniger gut als in Friedenszeiten. Der harte Winter 1916/1917 ging als „Kohlrübenwinter“ in die Stadtgeschichte ein.

Was aber war das Geheimnis der Kochkiste, wie funktionierte sie? Das erfahren Sie nächsten Freitag hier in der FGZ


Ein Kommentar zu “Frankfurter Slowfood für den Sieg über England – „Die Kochkiste Frankfurter System“”

  1. takeawalk

    let me guess — ein freund von mir kochte reis so: er brachte den reis (auf einem traditionellem herd) einmal zum kochen und wickelte dann den verschlossenen topf fest in seinen bettdecken ein (das war damals, als ungemachte betten en vogue waren). nachdem wir seine plattensammlung durchgehört hatten, war allmählich auch der reis gar.

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