Frankfurter Gemeine Zeitung

Missbrauchsmüdigkeit

 seestern

Ja. Andere leiden nur unter Frühjahrsmüdigkeit. Ich hingegen unter Frühjahrsmüdigkeit mit zusätzlicher Mißbrauchsmüdigkeit. Ich leide mithin unter einer Art von Doppelbelastung, von der selbst moderne junge Frauen nur träumen können.

Die zweifache Müdigkeit befiel mich schlagartig, als ich hörte, dass der sex & violence Spezialist für die Besserverdienenden Bodo Kirchhoff sich nun ebenfalls als kirchliches Missbrauchsopfer geoutet hatte. Auch Gesang ist wieder im Spiel, denn: Es war der Kantor (“Ein großartiger Kantor und ein verdammter Päderast”) Wo hat der Kantor das damals getan? Natürlich “im Internat”. Wo tut es Kirchhoff heute? Natürlich im “Spiegel”. Wie roch der Kantor? Nach “Rauch und Odol”. Was für ein Auto fuhr der Kantor? “Ein Cabrio”. Was trug Kirchhoff? “Einen gepunkteten Schlafanzug”. Wie stand es um Kirchhoffs Ding? “Es wurde groß und hart” Wo steht das alles? In Kirchhoffs Artikel. Will ich das alles wissen? Nein.

Kirchhoff hat gegenüber dem gewöhnlichen Missbrauchsopfer zwei Vorteile: 1. was er schreibt, erscheint im “Spiegel”. 2. Er schreibt gut, bzw. schreibt so, wie man sich gewöhnlich gutes schreiben vorstellt. Wie lautet die Head des anerkannten Sprachvirtuosen? “Sprachloses Kind” Die erste Überschrift: “Was damals im Internat wirklich geschah.” Die zweite als, hey,  Eigen-Zitat: “Keinem der Betroffenen sieht man an, wie viel in ihm kaputt ist.”

 Zumindest für Kirchhoff trifft das auf jeden Fall zu, denn auf dem Spiegelfoto zum Artikel sieht er aus wie ein Weizsäckerlookalike, also ein weiterer wohlgeratener Sproß jener Sippe, die das aktuelle Titelblatt ziert als “Revolutionäre, Nazis, Staatsmänner: Eine deutsche Familie.”

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Neben ihm glimmt die übliche Stehlampe der gebildeten Stände, aber die Bildunterschrift verheißt: “Ein loderndes Rätsel zwischen den Beinen”. Nun interessiere ich mich selbst ja eher für die lodernde Rätselseite der “Apothekerundschau”, als für die Rätsel zwischen Bodo Kirchhoffs Beinen. Aber ich frage mich auch : Haben die Besserverdienenden DAS verdient?

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Wenigstens hat sich bislang noch nicht Günter Grass als Betroffner geoutet. Aber immerhin nach den Regensburger Domspatzen die Wiener Sängerknaben. Wie viele Knabenchöre gibt es eigentlich noch im Deutschsprachigen Raum?

Nur zur Klarstellung: Die hiesigen Medien vermitteln gegenwärtig den Eindruck, Missbauch von Kindern sei vor allem special interest spezieller Gruppen:

A. verklemmter Priester (wg. Zöllibat + “Oh, mein Gott, ich bin schwul, ich bin schwul!!”)

B. überunverklemmten, schmieriger Reformpädagogen, die aufgrund Alt68er Ideologieverblendung, “nichts dabei finden”.

C. Pädophiler, die unheilbar auf den kindlichen Körper fixiert sind.

Die Opfer sind vorwiegend:

A. Chorknaben.

B. Internatsschüler.

Die Wahrheit, die die Wissenschaft und Betroffenenorganisationen formulieren, sieht indessen so aus:

75-80 Prozent der Mißbrauchsfälle ereignen sich nicht hinter Internats- oder Kirchenmauern, sondern in der Familie. Dies sagt Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. Und Mädchen werden mehr als doppelt so oft mißbraucht wie Jungen. http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/tatort-familie/.

 Die vielleicht erstaunlichste Aussage: Die überwältigende Anzahl der Täter, nämlich zwei Drittel sind KEINE Pädophilen, sagt Sexualtherapeut Christoph Josef Ahlers. http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/paedophile-werden-gerne-paedagogen/.

Es sind “normale Männer”, die sich nebenbei in der Familie bedienen, plus 10 % “normale Frauen”.

Warum also immer über Pädophile, Internate und katholische Priester sprechen? Sprechen wir lieber über Onkel und Tanten, Mama und Papa. Die Moderne wußte noch darum, dass die Familie eine kleine Hölle sein kann.Der Postmoderne war´s eh egal- und die postpostmoderne neokonservative “Neue Bürgerlichkeit” hat die Familie als Hort der Geborgenheit und persönlicher Wahrheit gegen die kapitalistische Entfesselung wiederentdeckt. (Ebenso übrigens das Internat, das sich grade so grandios blamiert).

Noch in George Clooneys “Up in the Air” schwärmen echte Entlassene mit Tränen in den Augen, wie ihnen “die Familie” Kraft zum “Weitermachen” gegeben hat, nachdem sie ihren Job verloren haben. Aber das, dear friends, ist eben nur die eine Seite.

Und wir brauchen keine Kraft zum Weitermachen, sondern zum Andersmachen.

Kiss Daddy and Mommy Good Bye.

Ich würde es selbst machen.

Wenn ich nicht so schrecklich müde wäre.


15 Kommentare zu “Missbrauchsmüdigkeit”

  1. Landloper

    Hallo Bert Bresgen, der ressentimentbestückten Diffamierung Bobo Kirchhoffs hätte es nicht bedurft, um den verengten Blickwinkel auf Kindesmissbrauch und -misshandlung zu öffnen.
    Ab der “Klarstellung” werden wichtigere Einsichten geboten. Und der interne Terror in Familie und nächstem Umfeld wird von den Medien schon auch noch aufgegriffen werden.

  2. Landloper

    UPPS, da habe ich ja einen herrlichen Schreibfehler untergebracht, der mir den ganzen Wind aus den Segeln nimmt! ;-)

  3. gaukler

    Na, da gab es doch sicher schon 50 Tatort-Folgen drüber.
    Wenn nun aber der Spiegel das literarisch wertvolle, ja einzigartige Tagebuch eines Neunjährigen aus einer großen, bildungszentrierten deutschen Familie entdecken würde….

  4. Bert Bresgen

    Ich habe einen Kommentar gelöscht, der kein Kommentar, sondern ein eigener -literarischer- Artikel zum Thema “kindliche Doktorspiele” war. Damit ist nichts über die Qualität gesagt. Generell ist die Kommentarfunktion nicht dazu gedacht, eigene Artikel zu posten, sondern wie der Name sagt, Artikel der FGZ zu kommentieren. Es gibt im Netz tausende Foren etc, in denen jeder nach Belieben Artikel posten kann. Die FGZ funktioniert aber anders.

  5. Bert Bresgen

    @ Gaukler: ich will natürlich keine weitere Tatortfolge zum Thema, sondern das Gegenteil: Die Medien sollen sich davon zurückziehen und es den Betroffenen und den Experten überlassen,
    @ Landloper: Der Artikel beschäftigt sich mit der Missbrauchsdarstellung in den Medien.Kirchhoff hat sich dabei als Prominenter in besonderer Weise exponiert und steht stellvertretend für die voyeuristische Bearbeitung des Themas ebendort. Wenn ich ihn diffamiere, dann tue ich das einfach dadurch, dass ich aus seinem Artikel zitiere u. seine Selbstinszenierung untersuche. Insofern diffamiert er sich unfreiwillig selbst.

  6. Landloper

    @Bert Bresgen
    Ich bin sehr damit einverstanden, dass mein langer Text heraus genommen worden ist, fand ihn im Nachhinein auch unpassend und werde mich an die genannten Ziele und Vorgaben halten. Das habe ich tatsächlich falsch eingeschätzt.
    Ansonsten:
    auch wenn ich Kirchhoffs Artikel für unglücklich halte und seine Romane bei mir nicht gerade einschlagen, verstehe ich nicht so recht, warum er zusammen mit den “Besserverdienenden” in den Orkus hinab muss. Gibt es Untersuchungen zur Zusammensetzung seiner Leser? Würde ich gerne mal lesen.

  7. Bert Bresgen

    @ Schön, dass sie die Entscheidung gut heißen.
    Was Kirchhoff angeht: Keine Ahnung, ob es Untersuchungen über seine Leser gibt. Das spielt auch keine Rolle, denn der Text stellt keine soziologische Abhandlung über die Person des Autors dar. Kirchhoffs Romane spielen aussschließlich in einer Welt von Managern, Tennispielern, Bodybuildern, Erfolgsautorinnen, Porschefahrern, Bankern, Literaturkritikerinnen usw. In der Realität besitzt er zwei Wohnungen in Frankfurt, ein Haus am Gardasee und eine große Neigung zu Auftritten in Talkshows. Warum kommt er als 61jähriger vielfach schreibender Autor, dessen Spezialität seit Jahrzehnten deutlich ausgemalte Sex-und Gewaltszenen sind, grade JETZT mit dieser Enthüllung? Weil er momentan mit der größtmöglichen Medienaufmerksamkeit rechnen kann.
    Im übrigen müssen die Besserverdienenden in diesem Text gar nicht mit in den Orkus, denn ich sage ja: dass sie etwas besseres verdient haben als das.

  8. Landloper

    Nachdem ich nun in Kirchhoffs “Parlando” reingelesen habe und mir einen Vortrag dazu bei http://www.bodokirchhoff.de/orths_vortrag.html angetan habe, verstehe ich, dass man Kirchhoffs Spiegelartikel als gut platzierte Werbemaßnahme werten kann. Wahrscheinlich erlaubt sich Kirchoff dabei auch eine eitle Selbsttäuschung und -überhöhung. Aber sicher bin ich mir da keineswegs.

  9. gaukler

    Na, hat doch Klasse geklappt. Heute hat Kirchhoff gleich einen Beitrag in SAT3 Kulturzeit zum Kindesmißbrauch.
    Die Art, wie hysterische Hypes programmiert werden ist einfach nur abstoßend. Schema: BSE, Schweinegrippe, etc – mein Gott das geht immer so schnell, dass man es sich gar nicht mehr merken kann. Auffallend und interessant sind eigentlich nur die Schemata der “Qualitätsmedien”. Kurze Geschichten, die auf möglichst einfache Zustimmung über Aufmerksamkeit durch möglichst viele bauen. Wenns ins Feuilleton kommt und sich dort ein bißchen hält heisst es dann “Öffentlichkeit”. Oh je.

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