Frankfurter Gemeine Zeitung

Schneewittchen und der Krieg

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Es gibt ein Lied von Aimee Man, das mit der Textzeile beginnt:
„One is the loneliest number that you ever do.“
Im folgenden geht es um einen Spezialisten für einsame Zahlen.

Alan Turing, der 24 jährige Sohn eines Kolonialbeamten , schreibt 1935 einen Aufsatz: On Computable Numbers with an Application to the Entscheidungsproblem“ in den Proceedings of the London mathematical society. Das Entscheidungsproblem, von dem da die Rede ist, betrifft die Frage, wie man mit einem endlichen Aufwand herauskriegen kann, ob ein Satz aus einem formalen System abgeleitet werden kann oder nicht. Als Hilfsmittel entwickelte Turing in einem Absatz das Konzept einer Universalmaschine. Sie hat ein unendlich langes Lochband, unterteilt in diskrete Abschnitte, auf denen jeweils nur ein Zeichen eines Alphabets inclusive Leerzeichen eingetragen sein kann. Ein leerer Abschnitt gilt mit dem Leerzeichen als beschrieben. Ohne uns in die Feinheiten der sogenannten TuringMaschine hineinzubegeben, lässt sich sagen: Turing baute in seinem Geist einen Computer, den ersten im modernen Sinn.
„One“ ist mittlerweile wirklich die einsamste aller Zahlen geworden. Sie hat in ihrem Ruhm alle übrigen Zahlen, die berechenbaren, und nichtberechenbaren, die rationalen und irrationalen, die mystischen Zahlen der Kabbala und die alten Glücks- und Unglückszahlen, hinter sich gelassen. Keine Zahl lässt sich mehr neben der Eins blicken, nur das Leerzeichen, die Null steht ihr und uns allen bei. Aber wer möchte schon mit einem Leerzeichen auf der Strasse gesehen werden? Das populäre Misstrauen gegenüber der Null ist nach wie vor groß. Mancher sagt: das sind die Gene unserer Vorfahren, die Roulette gespielt haben. Und obwohl eine Telefonsexanbieter im Fernsehen bis vor kurzem mit dem Slogan: “0190- vierundzwanzig Stunden voll in Null!“ versucht hat, Vorurteile abzubauen, ist dies bislang nicht voll gelungen.

Alan Turing, der erste Theoretiker von Eins und Null, blieb nicht bei der reinen Theorie, sondern trat im 2. Weltkrieg ein in den englischen Codeknackerpool von Bletchley Park. Der englische Geheimdienst und die Welt verdanken ihm und einem Haufen weltfremder Oxford- und Cambridgedozenten, Mathematiker, Linguisten, Philologen, sowie dem kompletten Team der englischen Schach-Nationalmannschaft etc. das Knacken des legendären Verschlüsselungscodes der Deutschen: Enigma. In den 40er Jahren decodierte Turing mit Hilfe des von ihm entwickelten Röhrencomputers Colossus die Verschlüsselung der Kriegsmarine und machte die gefürchteten deutschen U-Boote so gut wie wirkungslos. Der Krieg wurde durch die Arbeit der Entschlüsselungs-Experten um geschätzte 2 Jahre verkürzt. Es heißt, das Churchill durch Bletchley Park vom verheerenden Luft-Angriff auf Coventry informiert worden war, aber keine Warnung an die Stadt herausgab, um bei den Deutschen nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, dass Enigma entschlüsselt ist. Der angebliche Überraschungsangriff auf Coventry war Blaupause und Rechtfertigung für die Terrorangriffe der Alliierten auf Dresden, Hamburg, Köln und andere Städte am Ende des Krieges. Für Alan Turing war dies eine glückliche Zeit. Er fuhr auf dem Fahrrad mit einer Gasmaske angetan durch den kleinen englischen Ort, um sich wegen seines Heuschnupfens vor Pollen zu schützen. Jeden Tag half er Funksprüche zu entschlüsseln, von dem das Leben Tausender abhing.1950 stellt er in einem Aufsatz “Computing Machinery and Intelligence ” die Frage “Können Maschinen denken?” und schlägt zu ihrer Beantwortung ein “Spiel” vor: Ein Spieler versucht per Fernschreiber durch Fragen herauszufinden, wer von den beiden anderen der Mensch und wer die Maschine ist. Turing prophezeit, bis zum Ende des Jahrhunderts würden Maschinen in der Lage sein, den Frager zu täuschen.
Dies ist der sogenannte Turing-Test.
Seit 1991 schreibt ein Amerikanischer Millionär jährlich den nach ihn benannten Loebner Preis aus. 100.000 Dollar bekommt jenes Programm, das den Turing Test besteht und den Juroren glaubwürdig vormachen kann, es sei ein Mensch. Auszahlen musste Loebner die 100.000 Dollar bisher noch nie, auch wenn die Programme von Jahr zu Jahr besser werden. Wenn die Juroren z.B. über Liebe reden wollten, versagten die Programme bisher. Ein Beispiel aus einem Juroren-Gespräch:

Juror: “Hast Du einen Namen?”
Programm: “Wenn Du mir einen gibst, ja.”
Juror: “Du bist Fred.”
Programm: “Egal.”
Juror: “Fred, wie geht es Wilma?”
Programm: “Warum willst Du das wissen?”
Juror: “Ich liebe Wilma und würde für sie sterben. Wenn Du ihr weh tust, dann werde ich Dich zur Verantwortung ziehen.”
Programm: “Ich weiß keine Antwort.”

Turing selbst war auch keine ideale Turing-Maschine. Er liebte Wilma nicht. Er wusste im entscheidenden Moment keine Antwort auf die Fragen, die ihm gestellt wurden. Turing war schwul, was im England der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts nach wie vor als Verbrechen galt. Als er der britischen Polizei einen Diebstahl meldete, fand die Polizei heraus, dass er mit dem Arbeiter Arnold Murray zusammen lebte. 1952 wurde er in Manchester vor Gericht gestellt. Niemand dort wusste von Bletchley Park, denn die Aktivitäten von Bletchley Park blieben bis Mitte der 70er Jahre streng geheim. Die Regierungsbehörden, die es besser wussten, unterstützten Turing nicht, sondern stuften ihn aufgrund des Prozesses als nicht mehr zuverlässigen Geheimnisträger ein. Turing wurde von dem Gericht vor die Alternative gestellt wegen erwiesener Homosexualität ins Gefängnis zu gehen oder sich einer einjährigen Hormonkur mit Östrogen zur Unterdrückung des Sexualtriebes zu unterziehen. Er wählte die Hormonkur. Ein Jahr später starb er an einem Apfel , den er mit Zyankali vergiftet hatte, ein Ende, das einem seiner Lieblingsfilme, Walt Disneys Schneewittchen nachgebildet war.
Aber Turing wurde nicht in einem gläsernen Sarg beigesetzt, kein Prinz erschien, der ihn wieder hätte aufwecken können.
In dem Hollywood Film „Enigma“ ist aus Turing ein ziemlich zupackendes Genie namens Tom Jericho geworden, dessen Entschlüsselungsarbeit darunter leidet, eine Frau nicht vergessen zu können, die sich als Agentin der Deutschen entpuppt hat. Am Ende kommt er darüber hinweg, wendet sich Kate Winslett zu und macht ihr ein Kind.
Seit Sommer 2003 erinnert ein bronzenes Denkmal in Manchester an Alan Turing. Aufgestellt vom Alan Turing Memorial Fund und unterstützt von der British society for the history of Mathematics zeigt die Statue Trung auf einer Bank sitzend in einem kleinen Park zwischen der Universität und dem schwulen Viertel um die Canal street. Keiner Computerfirma und keine englische Regierungsstelle unterstützte die Aufstellung der Statue.

turing


8 Kommentare zu “Schneewittchen und der Krieg”

  1. Wohlgemuth

    Ist es nicht gewagt, das Leerzeichen mit der 0 gleichzusetzen? Ein Blick auf die Tastatur, mit der sicher auch dieser schöne Artikel ins Web durfte zeigt, dass die kleine 0 weit weg von dem großen Leerzeichen ist. Auch wissen wir seit Jahrhunderten, dass die 0 nicht die Leere meint, sondern sich trefflich mit ihr operieren lässt.
    Ich gebe zu: in der Literatur lässt sich auch mit dem Leerzeichen operieren. Aber führt hier die Division durchs Leerzeichen in Richtung Unendlichkeit ?

  2. Wohlgemuth

    Ausserdem frage ich mich schon lange, ob die Geschichte Turings ein Omen für die berechnende Geselligkeit war !?

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