Frankfurter Gemeine Zeitung

Nie mehr business as usual: Das Attac-”Bankentribunal” in Berlin

Bankentribunal

Im Herbst 2008 wurde die private Immobilienbank Hypo Real Estate mit STAATLICHEN Bürgschaften und Kreditzusagen in Höhe von 102 Milliarden Euro vor der Insolvenz gerettet. Im Frühjahr 2009 wurde die Bank verstaatlicht und wird seither mit ständig wachsenden Eigenkapitalzuschüssen des Bundes in Milliardenhöhe am Leben erhalten, bisher ca. 10 Mrd. €. Weiterer Kapitalbedarf? Ungewiss. Gewiss war aber die Empörung der Aktionäre, dass sie nicht genug Geld vom Staat für ihre völlig wertlosen Aktien dieses Ladens bekamen.

Ebenfalls im Herbst 2008 verabschiedete der Bundestag im Schnellverfahren das Finanzmarktstabilisierungsgesetz – entworfen von der privaten Anwaltskanzlei  Freshfield Bruckhaus Deringer. Ein Sonderfond  für Bankenrettungen (SoFFin) wurde mit einem Budget von 480 Milliarden Euro ausgestattet.. Dieses Budget – fast das Doppelte des Bundeshaushaltes – ist der Kontrolle des Parlaments und der Öffentlichkeit de facto vollständig entzogen.

Welche Risiken stecken in den Bilanzen der geretteten Banken? Ungewiss.

Wurden die Finanzpraktiken verboten, die in diese Krise geführt haben ? Gewiss nicht.

Dies alles ist  in der Geschichte der Bundesrepublik ohne Beispiel.

Aus diesem Grund veranstaltet Attac in Berlin vom 9.-11. April das “Bankentribunal”. Dessen Ergebnisse sollten auch jeden in der Bankenstadt Frankfurt interessieren.Weitere Infos stehen hier.


Frankfurter Slowfood für den Sieg über England: Die Kochkiste 2

KOCHKISTE ALT
Was aber war das Geheimnis der Kochkiste, wie funktionierte sie?

Lotte Mohr:
„Häufig begegnete man noch bei vielen Frauen einem ungläubigen Lächeln, wenn man von der Kiste spricht, und es will ihr nicht in den Kopf, dass man ohne Feuer kochen kann. Die Sache ist jedoch sehr einfach und beruht darauf, dass die durch das Ankochen erzeugte Hitze in der Koch-Kiste durch schlechte Wärmeleiter wie sie Papier und Holzwolle darstellen, zusammen gehalten wird. Was wir auf dem Herd nur durch fortwährende Unterhaltung des Feuers erzielen, leistet uns die Kochkiste umsonst und ohne Mühe.“

Man sieht ganz ohne konventionellen Herd funktionierte auch die Kochkiste nicht; man benötigte ihn noch zum kurzen Ankochen der Speisen. Ansonsten war das Kochen mit der Kochkiste vornehmlich ein Kochen in der vierten Dimension. Die Zeit selbst kochte sozusagen die Gerichte in den Töpfen fertig.
Wenn Lenin wenig später das Diktum prägte, Revolution sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung, so ließe sich das Kochen mit der Kochkiste formelhaft definieren als Wärmeisolierung plus Zeit. Für Nudeln sollte man schon mal 1-1 1/2 Stunden veranschlagen.
Das hat den Vorteil, dass die Köchin nicht unbedingt selbst dabei sein muss. Hier zeigt sich in Liselotte Mohrs Schrift schon Vorausdeutungen auf Zukünftiges, nämlich die Berufstätigkeit der Frau. Die Kochkiste ermöglicht den Ausstieg aus der Rolle des „Heimchens am Herd“.
„Der Frau, die nichts zuverdient hat, ermöglicht die Kochkiste, eine Monatsstelle anzunehmen. Sie kocht morgends früh an und kann dann 3-4 Stunden fortgehen. Die Stunde zu 25 Pfennige gerechnet bedeutet das einen Verdienst von 75 Pfennige bis 1 Mark täglich.“

Auch die Schilderung der physiologischen Vorteile des Kochens mit der Kochkiste gemahnt an zukünftige Entwicklungen, nämlich das sanfte Kochen ohne Fett der ökologisch bewussten Küche:„Hülsenfrüchte, Gemüse und Fleisch, in der Kochkiste gedämpft, behalten all ihre Nährwerte. Da nichts anbrennen kann, nicht überkochen kann, da alles langsam, fest verschlossen gar wird, werden die Nährstoffe in den Speisen besser aufgeschlossen und zusammengehalten und deshalb dem Körper in leicht verdaulicher Form zugeführt.“

Im folgenden die Orginalbauanleitung für eine Kochkiste Frankfurter System von 1916 zum Nachbauen:
„Wie stelle ich nun eine Kochkiste nach dem Frankfurter System her? Jede vorhandene Kiste, aus guten festen Brettern, die einen gutpassenden Deckel hat, jeder vorhandenen Koffer, jeder fest geflochtene Reisekorb, die in der Grösse für die Zahl unserer Töpfe passen, welche für unser Mittagessen nötig sind, eignen sich zu einer Kochkiste. An die eine Längsseite kommt ein Haken mit Oese als Verschlag. An der anderen Längsseite befestigt man zwei Scharniere, die den Deckel mit der Kiste verbinden. Die beiden Schmalseiten versieht man mit Griffen. (…) Man verfertige für jeden der Seitenwände, den Boden und den Deckel Papierpolster, die aus 15fachem Zeitungspapier, das in einen Bogen starkes Packpapier eingeschlagen wird, bestehen. Die Polster befestigt man mittels kleiner Stifte. Man versäume nicht, durch ein Stück breites Band oder dicke Kordel Deckel und Kiste innen zu verbinden, damit der Umschlag des Deckels nach hinten und das Ausschlagen der Scharniere verhindert wird. Den Boden der Kiste bedecke man noch mit einer Lage Strohflaschenhülsen, die in jedem Krämerladen erhältlich sind, und fülle dann die Kiste mit Holzwolle bis 10 cm zum oberen Rande aus. Dann noch ein Kissen 20 cm länger und breiter als die Kiste, und mit Holzwolle gefüllt.“

In die Holzwolle setzt man die zuvor angekochten Töpfe, schließt die Kiste und öffnet sie erst nach Ende der Garzeit.

Wie jedermann weiss, haben die zu Kochkisten umgebauten geflochtenen Körbe und Koffer der Deutschen den Sieg Englands ebensowenig aufhalten können wie der „unbegrenzte U-Boot-Krieg“. Dennoch ist das Konzept der Kochkiste wie wir gesehen haben in vieler Hinsicht seiner Zeit voraus gewesen. Bezeichnenderweise war auch in der legendären „Frankfurter Küche“ von Margarete Schütte-Lihotzky aus den 20er Jahren, von der noch zu reden sein wird, eine Kochkiste als fest integriertes Einbauteil vorgesehen.


Verstädterung als Problem ? World Urban Forum 5 !

world urban forum 1 “Städte”, besser “Metropolen” haben gute Konjunktur. Bereits vor ein paar Wochen berichtete die FGZ  über den kleinen deutschen Kongress  “Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt“. Nun die große Variante, sie verspricht mehr Analysen, mehr Einbindung der “Exkludierten”, sie will Perspektiven aufzeigen, und das in Rio. Letzte Woche fand das “World Urban Forum 5″ in Rahmen von UN Habitat statt, in Rio, mit 15.000 Teilnehmern aus der ganzen Welt! (Den fixen Launch Video kann man hier sehen) Zum 5. Mal gabs diesen Typ von UN-Spektakel, und wie manche andere dieser Art ist der Kontext bedrückend: mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung wohnt in Städten, in ein paar Jahrzehnten sind es zwei Drittel. Wenn man das vielleicht noch gut findet, und es spricht manches dafür, dann nicht der Befund, der vor einigen Jahren schon von dem Urbanisten Mike Davis ausgesprochen wurde: die Welt verkommt zu einem “Planet der Slums”.Der programmatische und sehr lesenswerte Aufsatz von Davis findet sich hier. Die Bezeichnung ist nicht weit hergeholt, denn wir sind momentan schon bei mindestens 800 Millionen Leuten, die in Slums leben,  also jeder 8. Mensch auf dieser Welt. Deshalb war das Thema der weltweiten Slums bei Urban 5 herausragend. Wer den Golf von Guinea selbst kennt, die tausende Kilometer von Conacry über Abidjan und Accra bis Lagos und Douala kann die Dringlichkeit und Wut nachvollziehen, mit der die Habitat- Direktorin Tibaijuka die afrikanischen Regierungen mit für die elenden Lebensumstände  verantwortlich machte. Sie blieb nicht beim Befund stehen, sondern forderte Jounalisten überall auf, sich den Lebensmöglichkeiten der Stadt zuzuwenden und Verbesserungen zu erkämpfen. Die Lebensmöglichkeiten umreissen viele Themen, denen sich auch die FGZ verpflichtet fühlt. Gentrifizierung steht an einer oberen Stelle, besonders mit Zugänglichkeit des öffentlichen Raums. Der “Urban Divide” ist heißes Thema gerade in Rio, wo seit Jahren darum gekämpft wird, Favelas mit Mauern abzugrenzen, Mauern der Art Berlin oder Palästina. In Rio sollen sie helfen, die ärmlichen Banditen von den sauberen Orten fernzuhalten, dauerhaft. Zum Teil wurde es verhindert, die großen Maßnahmen kommen aber vielleicht noch vor Olympia in Rio 2016. Frankfurt, das man ja gerade noch als Stadt bezeichnen kann, spielt zwar nicht in der oberen Liga der echten Städte mit, kennt aber auch ein paar der Probleme und Aufgaben, manchmal sogar Konflikte. Das beginnt mit Public Private Partnership (PPP - Verdealen öffentlichen Tafelsilbers an Investoren), geht über Bedingungen des kommunalen Verkehrs und der Stadtbegrünung, natürlich auch den Urban Divide, der sich bei uns noch nicht in Slums niederschlägt, aber auch Fragen der Stadtvernetzung und des “Umlands”. Viele der Themen wurden angerissen in Rio, das Programm war  vielfältig, mit Messe und Events. Natürlich gehört das kommerzielle Gefühl der Stadt auch dazu, die Sicherheit, die Sustainability, das Branding, Der Tourismus und die Ansiedlungen. Solche kommerziellen Gefühle kommen zuerst auf, wenn die Gedanken bei Frankfurt sind. Das sollte uns aber nicht reichen, das ist beileibe nicht ganz Frankfurt. Auch wenn der Sinn solcher Mega-Konferenzen bezweifelt werden kann, etwa weil die lokale Vermittlung des Lokalen oft fehlt oder nicht sehr innovativ ist, scheint es mir wichtig, die Themen und ihre Konstellationen als permanenten Hintergrund unseres städtischen Alltags in der Öffenlichkeit zu halten., kulturell wie politisch.

Wie schon Mike Davis sagt: Wir brauchen Städte, keine Vorstädte !

Für weitere Informationen über die gegenwärtigen Entwicklungen der Welt-Städte eine kleine Liste.

Über die (Mega-)Städte Lateinamerikas aus dem Geist der USA gibt es das neue, interessante Podcast (mp3) vom Deutschlandfunk hier. Es kommt dabei auch das Prunkstück der Gentrifizierung in Rio zur Sprache, Alphaville. Hier leben die wohlbetuchten Beschützten, ohne Öffentlichkeit im eigentlichen Sinn, gesichert durch fast 1000 Bewaffnete – damit niemand an ihre Kochtöpfe  kommt. “Alphaville” – unsprünglich die Film-Monsterstadt aus den 60er Jahren mit Eddy Constantin – ist in Lateinamerika zum angesehenen Brand für Gated Communities geworden.

Eine umfangreiche Einzel-Analyse in Buchform ist diejenige zu Sao Paulo. Sie ist hier zu finden.

Die noch weitaus düstere Lage der Megastädte in Asien, besonders Indien und China stellt dieser gute Radio-Beitrag dar. Während es in Südamerika gewisse Gegentendenzen Richtung “demokratische Stadt” gibt, ist in Asien der Trend zur gnadenlosen Gentrifizierung in einem Meer von Slums z. B. um die hypen Technopole Indiens eher zunehmend denn abnehmend.

Noch viel mehr gibt der “State of the Cities” 2009 der UN für die ganze Thematik her. Er liefert einen weltweiten Überblick über die Disparitäten und Konflikte in Städten, 280 Seiten lang mit vielen eindrucksvollen Bildern, 23 MB groß und ist hier zum Download.


Das Callcenter am Ende der Gleitzeit

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Am Gründonnerstag steht vor der Frankfurter Universitätsbibliothek eine schöne, junge, gepflegte  Frau auf Jobsuche. Sie hat vor kurzem ein Einserexamen gemacht und versucht zur Zeit, ein Promotionsstipendium zu ergattern. Da sie im Leben von etwas leben muss, hat sie sich bei der “Agentur für Arbeit” arbeitssuchend gemeldet. Während sie mit mir spricht, empört sie sich darüber, dass die einzige Stelle, den die Agentur für Arbeit in einem halben Jahr für sie gefunden hat, eine Arbeit in einem Callcenter im Hintertaunus ist.  Und auch das nur, weil sie über türkische Sprachkentnisse verfügt. Auf ihre berufliche Qualifikation käme es überhaupt nicht an. Während ich mit ihr spreche, frage ich mich, ob sie nicht weiss, dass die “Agentur für Arbeit” noch nie seit ihrer Gründung irgendjemand irgendeine vernünftige Arbeit vermittelt hat. Oder kennen Sie jemand?

 Die Vermittlungs-Tätigkeit der “Agentur für Arbeit”  besteht vielmehr darin, den Callcentern, insbesondere denen im Hintertaunus, wo sonst wenig sprachfähige Leute hinkommen, Personal zuzuführen. Meistens verbunden mit der Drohung, den Arbeitssuchenden, wenn sie diesen Callcenterjob nicht annehmen, Arbeitslosengeldbezüge, Bettbezüge und ähnliches zu kürzen.  Man kann der Agentur und ihren tüchtigen Mitarbeitern aber keinen Vorwurf machen, denn inzwischen gibt es ohnehin keine “berufliche Tätigkeit” oder “Berufe” mehr, sondern nur noch “Jobs”. Das war früher anders.
Wurde man früher gefragt, „Und was machen Sie denn so?“, sagte man „Ich bin Astronaut“ oder „Ich arbeite bei Opel“ oder „ Also genau genommen: Gynäkologe“ oder „Ich bin nach einer dreijährigen Ausbildung Tierstimmenimitator geworden, zur Zeit synchronisiere ich den Löwen „Clarence“ in der Serie “Daktari”, wenn der Löwe krank ist, das ist eine echte Herausforderung!“
Noch in den 70ern lernte jeder einen Beruf und hatte dann diesen Beruf bis er irgendwann tot umfiel; wobei genau genommen die Berufe selbst damals schon ausstarben wie die Fliegen. Wurde man damals gefragt, „Und was machen Sie denn so?“, hätte man ehrlicherweise sagen müssen: „Ich bin nach einer dreijährigen Ausbildung Tierstimmenimitator geworden und imitiere jetzt die Stimme einer sterbenden Fliege. Aber danach sattle ich um auf Damenimitator. Das ist eine echte Herausforderung“.

Im Fernsehen lief einmal wöchentlich die Trauerfeier: Robert Lembkes heiteres Beruferraten „Was bin ich?“  Maskierte Männer und Frauen befragten den Vertreter eines aussterbenden Berufes. Der Betreffende durfte nur mit ja und nein antworten. Noch eine letzte typische Handbewegung – und TSCHÜSS! Alles was dem armen Schwein blieb, war ein Porzellanschwein mit einer Handvoll inflationierender D-Mark.
Trotzdem: eine wunderbare Zeit.
Zum Beispiel stand man je nach Beruf zu einer bestimmten Zeit auf. Damals war klar, dass zum Beispiel ein Astronaut früher aufsteht als ein Tierstimmenimitator, damit er rechtzeitig auf dem Mond ankommt. Für den Tierstimmenimitator war das frühe Aufstehen nicht so wichtig, obwohl ja Tiere ebenfalls früh aufstehen. Bis auf die Nachtaktiven.
Auf jeden Fall haben Tiere in der Regel immer noch eine geregelte Arbeitszeit so wie die Menschen damals. Das war vor der Gleitzeit, die übrigens gleichzeitig mit der Gleitcreme herauskam. Mein Vater kannte noch keine Gleitzeit, nur seine feste Arbeitszeit. Beginn pünktlich morgens um 7 Uhr 30 nach einem entnervenden einstündigen Kampf durchs deutsche Autobahnenchaos. Ich höre ihn noch sagen: „Petra, ich hab Dir schon tausendmal gesagt, Du sollst die Tube mit der Gleitzeitcreme wieder fest zuschrauben, SONST komme ich zu spät.“
Aber leider: Petra hat es vergessen.
Und deshalb müssen wir jetzt alle in der Gleitzeit leben.

Wenn mich maskierte Männer und Frauen befragten: “Was bin ich?”, was sollte ich antworten?
Bald ist auch der letzte Beruf ausgestorben. Und alle Menschen haben mit Gleitzeitcreme eingecremte Gesichter und Jobs in diesem tollen neuen riesengroßen Callcenter in Endlichhofen und verfügen über wirklich beeindruckende Sprachkenntnisse.
Das Problem ist nur: Alle Telefone stehen still.
Es ruft keiner an.


9/10

Es ist der Abend vor dem Jahreswechsel und mir erscheint eine Reihe von Dingen ungeklärt…Vor allem diese Monumente, die sich über zwei Dekaden in meinem Kopf angehäuft haben, in die ich selber unzählige Scharten und Erker reingezimmert habe… Wer wandert, wechselt ständig seinen Ort! In meiner Küche kann ich nachts den Bus atmen hören…Ein sattes,  [...]

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