Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurter Slowfood für den Sieg über England: Die Kochkiste 2

KOCHKISTE ALT
Was aber war das Geheimnis der Kochkiste, wie funktionierte sie?

Lotte Mohr:
„Häufig begegnete man noch bei vielen Frauen einem ungläubigen Lächeln, wenn man von der Kiste spricht, und es will ihr nicht in den Kopf, dass man ohne Feuer kochen kann. Die Sache ist jedoch sehr einfach und beruht darauf, dass die durch das Ankochen erzeugte Hitze in der Koch-Kiste durch schlechte Wärmeleiter wie sie Papier und Holzwolle darstellen, zusammen gehalten wird. Was wir auf dem Herd nur durch fortwährende Unterhaltung des Feuers erzielen, leistet uns die Kochkiste umsonst und ohne Mühe.“

Man sieht ganz ohne konventionellen Herd funktionierte auch die Kochkiste nicht; man benötigte ihn noch zum kurzen Ankochen der Speisen. Ansonsten war das Kochen mit der Kochkiste vornehmlich ein Kochen in der vierten Dimension. Die Zeit selbst kochte sozusagen die Gerichte in den Töpfen fertig.
Wenn Lenin wenig später das Diktum prägte, Revolution sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung, so ließe sich das Kochen mit der Kochkiste formelhaft definieren als Wärmeisolierung plus Zeit. Für Nudeln sollte man schon mal 1-1 1/2 Stunden veranschlagen.
Das hat den Vorteil, dass die Köchin nicht unbedingt selbst dabei sein muss. Hier zeigt sich in Liselotte Mohrs Schrift schon Vorausdeutungen auf Zukünftiges, nämlich die Berufstätigkeit der Frau. Die Kochkiste ermöglicht den Ausstieg aus der Rolle des „Heimchens am Herd“.
„Der Frau, die nichts zuverdient hat, ermöglicht die Kochkiste, eine Monatsstelle anzunehmen. Sie kocht morgends früh an und kann dann 3-4 Stunden fortgehen. Die Stunde zu 25 Pfennige gerechnet bedeutet das einen Verdienst von 75 Pfennige bis 1 Mark täglich.“

Auch die Schilderung der physiologischen Vorteile des Kochens mit der Kochkiste gemahnt an zukünftige Entwicklungen, nämlich das sanfte Kochen ohne Fett der ökologisch bewussten Küche:„Hülsenfrüchte, Gemüse und Fleisch, in der Kochkiste gedämpft, behalten all ihre Nährwerte. Da nichts anbrennen kann, nicht überkochen kann, da alles langsam, fest verschlossen gar wird, werden die Nährstoffe in den Speisen besser aufgeschlossen und zusammengehalten und deshalb dem Körper in leicht verdaulicher Form zugeführt.“

Im folgenden die Orginalbauanleitung für eine Kochkiste Frankfurter System von 1916 zum Nachbauen:
„Wie stelle ich nun eine Kochkiste nach dem Frankfurter System her? Jede vorhandene Kiste, aus guten festen Brettern, die einen gutpassenden Deckel hat, jeder vorhandenen Koffer, jeder fest geflochtene Reisekorb, die in der Grösse für die Zahl unserer Töpfe passen, welche für unser Mittagessen nötig sind, eignen sich zu einer Kochkiste. An die eine Längsseite kommt ein Haken mit Oese als Verschlag. An der anderen Längsseite befestigt man zwei Scharniere, die den Deckel mit der Kiste verbinden. Die beiden Schmalseiten versieht man mit Griffen. (…) Man verfertige für jeden der Seitenwände, den Boden und den Deckel Papierpolster, die aus 15fachem Zeitungspapier, das in einen Bogen starkes Packpapier eingeschlagen wird, bestehen. Die Polster befestigt man mittels kleiner Stifte. Man versäume nicht, durch ein Stück breites Band oder dicke Kordel Deckel und Kiste innen zu verbinden, damit der Umschlag des Deckels nach hinten und das Ausschlagen der Scharniere verhindert wird. Den Boden der Kiste bedecke man noch mit einer Lage Strohflaschenhülsen, die in jedem Krämerladen erhältlich sind, und fülle dann die Kiste mit Holzwolle bis 10 cm zum oberen Rande aus. Dann noch ein Kissen 20 cm länger und breiter als die Kiste, und mit Holzwolle gefüllt.“

In die Holzwolle setzt man die zuvor angekochten Töpfe, schließt die Kiste und öffnet sie erst nach Ende der Garzeit.

Wie jedermann weiss, haben die zu Kochkisten umgebauten geflochtenen Körbe und Koffer der Deutschen den Sieg Englands ebensowenig aufhalten können wie der „unbegrenzte U-Boot-Krieg“. Dennoch ist das Konzept der Kochkiste wie wir gesehen haben in vieler Hinsicht seiner Zeit voraus gewesen. Bezeichnenderweise war auch in der legendären „Frankfurter Küche“ von Margarete Schütte-Lihotzky aus den 20er Jahren, von der noch zu reden sein wird, eine Kochkiste als fest integriertes Einbauteil vorgesehen.


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