Frankfurter Gemeine Zeitung

Verstädterung als Problem ? World Urban Forum 5 !

world urban forum 1 “Städte”, besser “Metropolen” haben gute Konjunktur. Bereits vor ein paar Wochen berichtete die FGZ  über den kleinen deutschen Kongress  “Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt“. Nun die große Variante, sie verspricht mehr Analysen, mehr Einbindung der “Exkludierten”, sie will Perspektiven aufzeigen, und das in Rio. Letzte Woche fand das “World Urban Forum 5″ in Rahmen von UN Habitat statt, in Rio, mit 15.000 Teilnehmern aus der ganzen Welt! (Den fixen Launch Video kann man hier sehen) Zum 5. Mal gabs diesen Typ von UN-Spektakel, und wie manche andere dieser Art ist der Kontext bedrückend: mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung wohnt in Städten, in ein paar Jahrzehnten sind es zwei Drittel. Wenn man das vielleicht noch gut findet, und es spricht manches dafür, dann nicht der Befund, der vor einigen Jahren schon von dem Urbanisten Mike Davis ausgesprochen wurde: die Welt verkommt zu einem “Planet der Slums”.Der programmatische und sehr lesenswerte Aufsatz von Davis findet sich hier. Die Bezeichnung ist nicht weit hergeholt, denn wir sind momentan schon bei mindestens 800 Millionen Leuten, die in Slums leben,  also jeder 8. Mensch auf dieser Welt. Deshalb war das Thema der weltweiten Slums bei Urban 5 herausragend. Wer den Golf von Guinea selbst kennt, die tausende Kilometer von Conacry über Abidjan und Accra bis Lagos und Douala kann die Dringlichkeit und Wut nachvollziehen, mit der die Habitat- Direktorin Tibaijuka die afrikanischen Regierungen mit für die elenden Lebensumstände  verantwortlich machte. Sie blieb nicht beim Befund stehen, sondern forderte Jounalisten überall auf, sich den Lebensmöglichkeiten der Stadt zuzuwenden und Verbesserungen zu erkämpfen. Die Lebensmöglichkeiten umreissen viele Themen, denen sich auch die FGZ verpflichtet fühlt. Gentrifizierung steht an einer oberen Stelle, besonders mit Zugänglichkeit des öffentlichen Raums. Der “Urban Divide” ist heißes Thema gerade in Rio, wo seit Jahren darum gekämpft wird, Favelas mit Mauern abzugrenzen, Mauern der Art Berlin oder Palästina. In Rio sollen sie helfen, die ärmlichen Banditen von den sauberen Orten fernzuhalten, dauerhaft. Zum Teil wurde es verhindert, die großen Maßnahmen kommen aber vielleicht noch vor Olympia in Rio 2016. Frankfurt, das man ja gerade noch als Stadt bezeichnen kann, spielt zwar nicht in der oberen Liga der echten Städte mit, kennt aber auch ein paar der Probleme und Aufgaben, manchmal sogar Konflikte. Das beginnt mit Public Private Partnership (PPP - Verdealen öffentlichen Tafelsilbers an Investoren), geht über Bedingungen des kommunalen Verkehrs und der Stadtbegrünung, natürlich auch den Urban Divide, der sich bei uns noch nicht in Slums niederschlägt, aber auch Fragen der Stadtvernetzung und des “Umlands”. Viele der Themen wurden angerissen in Rio, das Programm war  vielfältig, mit Messe und Events. Natürlich gehört das kommerzielle Gefühl der Stadt auch dazu, die Sicherheit, die Sustainability, das Branding, Der Tourismus und die Ansiedlungen. Solche kommerziellen Gefühle kommen zuerst auf, wenn die Gedanken bei Frankfurt sind. Das sollte uns aber nicht reichen, das ist beileibe nicht ganz Frankfurt. Auch wenn der Sinn solcher Mega-Konferenzen bezweifelt werden kann, etwa weil die lokale Vermittlung des Lokalen oft fehlt oder nicht sehr innovativ ist, scheint es mir wichtig, die Themen und ihre Konstellationen als permanenten Hintergrund unseres städtischen Alltags in der Öffenlichkeit zu halten., kulturell wie politisch.

Wie schon Mike Davis sagt: Wir brauchen Städte, keine Vorstädte !

Für weitere Informationen über die gegenwärtigen Entwicklungen der Welt-Städte eine kleine Liste.

Über die (Mega-)Städte Lateinamerikas aus dem Geist der USA gibt es das neue, interessante Podcast (mp3) vom Deutschlandfunk hier. Es kommt dabei auch das Prunkstück der Gentrifizierung in Rio zur Sprache, Alphaville. Hier leben die wohlbetuchten Beschützten, ohne Öffentlichkeit im eigentlichen Sinn, gesichert durch fast 1000 Bewaffnete – damit niemand an ihre Kochtöpfe  kommt. “Alphaville” – unsprünglich die Film-Monsterstadt aus den 60er Jahren mit Eddy Constantin – ist in Lateinamerika zum angesehenen Brand für Gated Communities geworden.

Eine umfangreiche Einzel-Analyse in Buchform ist diejenige zu Sao Paulo. Sie ist hier zu finden.

Die noch weitaus düstere Lage der Megastädte in Asien, besonders Indien und China stellt dieser gute Radio-Beitrag dar. Während es in Südamerika gewisse Gegentendenzen Richtung “demokratische Stadt” gibt, ist in Asien der Trend zur gnadenlosen Gentrifizierung in einem Meer von Slums z. B. um die hypen Technopole Indiens eher zunehmend denn abnehmend.

Noch viel mehr gibt der “State of the Cities” 2009 der UN für die ganze Thematik her. Er liefert einen weltweiten Überblick über die Disparitäten und Konflikte in Städten, 280 Seiten lang mit vielen eindrucksvollen Bildern, 23 MB groß und ist hier zum Download.


Ein Kommentar zu “Verstädterung als Problem ? World Urban Forum 5 !”

  1. 3aplus63chino

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