Frankfurter Gemeine Zeitung

Alles für ich!

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Bestimmt haben einige von Euch, liebe Leser, schon mal den Film „Findet Nemo“ gesehen.

Also, ich für meinen Teil, fand die Möwen dort am besten, hatten sie doch die Weisheit allen Lebens auf einen einfachen Nenner gebracht: „Meins! Meins! Meins!“

Eine Vereinfachung, die nicht einmal Gollum aus „Herr der Ringe“ fertigbrachte. Gegenstand seiner Obsession war ja immerhin noch: „Mein Schatz!“

Seine Begierde war also noch objektbezogen und nicht auf das Besitzen an sich gerichtet.

An diesem Punkt stellt das Verhalten der Möwen einen gewaltigen evolutionären Fortschritt gegenüber dem armen Gollum dar.

Einen ähnlich bedeutenden Schritt voraus sind auch die Entwickler der Firma „Apple“ gegenüber ihren Konkurrenten und Nachahmern von „MySpace“, „MyCrosoft“ oder „MyZeil“.

„Apple“ nämlich erkannte, dass auch das Besitzen an sich bereits Objekt sein kann und befreiten das Ich vom Objektbezug.

So wurden „IMacs“ , „IPods“ und „ITunes“ geschaffen. Und Recht hatten sie damit!

Wenn das Individuum nun tatsächlich die einzige Konstante für es selbst ist, so ist es nur folgerichtig, dass das Individuum sich selbst zum höchsten Zweck seines Seins erklärt.

Und wie sollte man sich selbst auch etwas anderes beweisen können, als die Tatsache, dass man existiert?

Aber ist diese Position nicht egoistisch, zutiefst verwerflich und überhaupt ganz unerträglich?

Neulich war mir einmal ziemlich langweilig und ich fand tatsächlich Zeit eine ganze Nacht fernzusehen.

Da stieß ich auf ein packendes Stück Realsatire und unfreiwilliger Komik, welches ganz offenbar eine leuchtende Alternative zu diesem Egoismus aufzeigen wollte: Eine Themennacht bei „Spiegel-TV“!

Thema: Geburt

Ich habe mir also ein paar Gläser Chia Fan eingeschenkt und mir eine halbe Nacht lang den Alltag von Großfamilien, Babykleidung und Säuglingsstationen angeschaut.

Natürlich immer gewürzt mit der sublimen Botschaft:

„Deutsche seid nicht so egoistisch! Macht mehr Kinder fürs Vaterland!“

Solche Botschaften gab es schonmal, aber natürlich ist die heutige Zeit nicht mit damals vergleichbar.

Hier ging es jetzt mehr um „Vaterland“ im Sinne so eines kuscheligen „Wir-Gefühls“ mit den „Sporties“ (ein entsetzlicher Euphemismus für „Sportfreunde Stiller“) und unserer Angie als Mutter der Nation.

Da konnte man dann junge Väter mit entrücktem Lächeln Sätze äußern hören wie:

„Seit unsere kleine Leonie-Valentina da ist, bin ich ein ganz anderer Mensch geworden.“

Oder: „Also meinen Alltag ordne ich jetzt ganz dem kleinen Simon-Leander unter.“

Weitere Kotzprobe gefällig?

„Klar muss man auf vieles verzichten, aber die kleine gibt uns ja auch so viel.“

Ich jedenfalls wandte mich mit Grausen ab, bis ich realisierte, dass die jungen Männer von denen diese Sätze stammten, teilweise jünger waren, als ich.

Was für Drogen hatten die genommen? Viel wichtiger noch, wo bekomme ich auch was davon?

Hatten die was falsch gemacht oder ich? Und warum würde ich denen gerne mal so richtig eins aufs Fressbrett hauen, dass die dämliche eckige Nerd-Brille wegfliegt und der Begriff „Gesichtsschädeltrümmerfraktur“ noch eine wüste Untertreibung wäre?

Doch dann wurde mir die Antwort klar.

Natürlich habe ich nichts gegen junge Väter- im Gegenteil. Mich widerte die Art der Darstellungsweise an.Es ging nicht um die Sätze, die gesagt wurden, sondern es ging darum, was für Leute ausgewählt wurden.Es ging darum, dass diese Sätze vor einer Kamera von „Spiegel-TV“ geäußert wurden. Letztlich ging es um den Kontext.

Und um die Tatsache, dass mittlerweile jedes Kind einen bescheuerten Doppelnamen mit Bindestrich in der Mitte braucht.

Hinter diesem Doppelnamen mit Bindestrich versteckt sich nämlich der Egoismus der Eltern. Egoismus mit Objektbezug. Der Egoismus der Möwen aus „Findet Nemo“.

„Meins! Meins! Meins!“

Ein Doppelname mit Bindestrich ist das Upgrade vom stressigen und unbequemen Bengel, der unter Einfluss der antiautoritären Erziehung entstand, hin zum Wohlfühl-Kind 2.0, zum „MyKind“ sozusagen.

Nur den Schritt zu „IEltern“ haben die jungen Eltern in „Spiegel-TV“ nicht gemacht. Zu emanzipierten Persönlichkeiten, die es nicht nötig haben, ihr Kind als Investitionsgut zu betrachten.

Fühlt sich Egoismus 2.0 nicht viel kuscheliger an?

Apropos:

Bald ist ja wieder WM. Ich glaube ich ziehe mich für diese Zeit ganz für mich alleine auf einen Selbsterfahrungstrip in den Himalaya zurück.

Für den Egoismus und gegen das kuschelige „Wir-Gefühl“!


6 Kommentare zu “Alles für ich!”

  1. Christian Dombrowski

    Die Begriffe “Egoismus” und “Altruismus” stellen nicht immer einen Gegensatz dar. Bei den eigenen Kindern werden sie sinnlos. So wie sie auch im Satz “Ich liebe dich” vollkommen aufgehoben sind.

  2. Florian K.

    Schön wäre es, wenn es so wäre…

  3. Christian Dombrowski

    Es ist schön, dass es so ist.

  4. Florian K.

    In einer idealen Welt magst Du Recht haben lieber Christian.

    Aber gibt es nicht genug Eltern, die ihre Kinder aus Egoismus vernachlässigen?
    Oder sich versuchen über ihre Kinder (und dabei oft auf deren Kosten) zu verwirklichen?
    Und enthält der Satz “Ich liebe Dich” nicht so oft einen egoistischen Besitzanspruch auf den Anderen?

    Meinen Text habe ich allerdings als Plädoyer für einen gesunden Egoismus gemeint. Einen Egoismus, der das Individuum zur emanzipierten Persönlichkeit macht und die keine symbiotischen Verhältnisse zu seinem Partner oder seinen Kindern braucht, sondern diesen vielmehr die Möglichkeit lässt, selbst zu emanzipierten Persönlichkeiten zu reifen.

  5. Bert Bresgen

    Übrigens hat die deutsche Firma Neofonie grade einen “I-Pad” Konkurrenten vorgestellt, der “We-Pad” heißt. Interessante Namensverschiebung; zeigt vielleicht, dass hier gegenüber den 80ern eine Verschiebung im Bewußtsein stattgefunden hat, da das “I” inzwischen als neoliberal erkrankt gilt. Eine andere Quelle des Mac-”I-Labels” ist vielleicht McLuhans (http://de.wikipedia.org/wiki/Understanding_Media) klassische Vorstellung von den Medien als Erweiterung u. Fortsetzung des individuellen Körpers, und damit des “Ich”.
    Wie Eltern ihren Kindern “generell” gegenüberstehen, kann man kaum sagen, da es dieses “generell” nicht gibt. Auffallend ist allerdings, wie stark in Zeiten der Verunsicherung der Mittelschicht wg. drohenden sozialen Abstiegs in den Medien wieder auf die gute, alte Familie als Allheilmittel rekurriert wird, sowohl in der konservativen Vorstellung einer “neuen Bürgerlichkeit”, aber auch in vorgeblich kritischen Filmen,wie “Up in the air”, wo am Ende echte Entlassene vor der Kamera mit Tränen in der Stimme sagen dürfen, wie ihnen die Familie Kraft gegeben habe, “dies alles zu überstehen”. Das verschleiert die Zerstörungskraft der Verhältnisse gegenüber den persönlichen Beziehungen. Nichtsdestotrotz steckt in Christians diktatorischem Diktum eine Möglichkeit und eine Utopie, die mir symphatisch sind.

  6. Stefan

    Mit den Worten eines Kaenguruhs: meins, deins – das sind doch alles buergerliche Werte!

    :)

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