Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Achse der Dummschwätzer

Seit Beginn meines selbständigen Denkens habe ich ein Problem mit Leuten, die eine wichtige Wahrheit nicht erkannt haben:

Wahrheit ist eine Standpunktfrage.

Wobei auch diese Wahrheit natürlich nur eine Standpunktfrage ist. Das Schöne an diesem Standpunkt ist daher, dass man aus dem genannten Grunde auf ihm nicht festgenagelt werden kann.

Aber so einfach ist das natürlich nicht. Irgendwo muss es ja eine objektive Wahrheit geben, es sei denn man wäre Solipsist, was übrigens auch eine Standpunktfrage ist.

Der Satz „Menschen sind sterblich“ beispielsweise ist eine solche objektive Wahrheit. Diese ist wissenschaftlich nachweisbar, sowohl theoretisch wie auch empirisch. Versuche zu diesem Thema gab und gibt es ja zur Genüge und jeder wissenschaftlich Interessierte könnte diese Versuche durch einen einfachen Sprung vom Messeturm nachvollziehen.

Auch eine Wahrheit wie „Schwerkraft existiert“ könnte außer einem Solipsisten wohl nur ein fanatischer Anhänger einer Religion oder einer Ideologie ernsthaft anfechten.

Da es aber auf dieser Welt genug Fanatiker und Ideologen gibt, wird selbst diese objektive Wahrheit nur zu einem von vielen möglichen Standpunkten.

Wenn aber schon naturwissenschaftliche Wahrheiten letztlich zu einer Frage des Standpunktes werden, wie viel schwieriger muss es dann erst mit politischen, religiösen oder moralischen Wahrheiten aussehen?

Hier nämlich bewegt man sich auch als Nicht-Solipsist im völlig luftleeren Raum. Denn wie sollte man durch einen Versuch oder durch logische Betrachtungen auf objektivierbare Ergebnisse kommen?

In einem Computerspiel namens „Fable“ (Teil 1) konnte man gutes und schlechtes Karma je nach seinen Handlungen sammeln. Wenn man gesunden Tofu aß, erhielt man gutes Karma, wenn man hingegen unschuldige Zivilisten am Altar des bösen Gottes opferte bekam man schlechtes. (Einleuchtend oder?) Daraus folgte, dass man mit ausreichendem Tofu-Verzehr durchaus mal einen Massenmord anrichten konnte und dafür trotzdem noch ganz bildlich einen Heiligenschein bekam.

Auf die reale Welt angewendet ist dieses Beispiel natürlich hochgradiger Unsinn.

Fest steht: Die Syntax der Logik, welche ja die Mathematik ist, ist auf moralische Probleme nicht anwendbar. Demnach ist auch die Logik als Syntax der Vernunft nicht auf moralische Probleme anwendbar und diese  per se nicht vernünftig zu lösen.

Das ehrgeizige Projekt namens „Aufklärung“ darf damit lediglich als Teilerfolg gewertet werden.

Während die Wissenschaft im Geiste der Aufklärung erstaunliche Fortschritte machte, erscheinen die moralischen Probleme wie eine Hydra. Wo eines gelöst ist, entstehen dadurch zwei neue.

Die Stuttgarter HipHop-Combo „Freundeskreis“ brachte es mit der Frage, „sind wir technisch Raumpatrouille, ethisch Urknall?“ auf den Punkt

Wie aber könnte man nun moralische Probleme lösen?

Ich hätte dazu einen Lösungsversuch anzubieten:

Nähme man einmal an, es gäbe eine moralische Wahrheit, aber Menschen hätten nur eine sehr begrenzte Fähigkeit diese auch zu erkennen.

Je mehr Standpunkte man betrachtete, desto höher wäre die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest einer der betrachteten Standpunkte der Richtige ist.

Und wenn man annähme, dass es keine naturgegebene moralische Wahrheit gibt?

Dann müsste man feststellen, dass Moral nur im Umgang der Individuen miteinander einen Sinn macht.

Der auf sich allein gestellte „Mann im Mond“ bräuchte keine Moral.

Da Moral ohne eine außermenschliche moralische Instanz aber nur im Umgang der Individuen miteinander Sinn ergibt, könnte die Annäherung der moralischen Standpunkte eine Lösung der Probleme ergeben.

Vor diesem Hintergrund wären auch die „Verwestlichung des Ostens“ und die „Veröstlichung des Westens“ begrüßenswerte Tendenzen.

Auch wenn diese für beide Seiten schwere Zumutungen beinhalten.

Beispiel: Tittenwerbung contra Ganzkörperschleier, wobei die jeweils eine Seite der jeweils anderen frauenverachtendes Verhalten vorwirft und interessanterweise beide Auffassungen durchaus ihre Berechtigung haben.

Da man aber irgendwie miteinander auskommen muss, ist Kulturrelativismus ein notwendiges Lernprogramm.

Die andere Alternative hieße Henryk M. Broder und das könnte nun wirklich niemand, der noch bei klarem Verstand ist, wollen.

So schrieb dieser „Fanatiker der Aufklärung“ doch neulich erst in einem Kommentar für den „Spiegel“, dass er das Bevölkerungswachstum in den islamisch geprägten Ländern als „demographische Waffe“ sieht.

Daraus resultiert fast zwangsläufig die Frage, wie man gegen eine solche auf uns gerichtete Waffe reagieren könnte.

Bevölkerungsreduktion“ in muslimischen Ländern vornehmen?

Vor diesem Hintergrund erscheint dann auch die offene Werbung, die Herr Broder auf seiner Seite „Achse des Guten“ für einen Krieg gegen den Iran macht, in einem ganz neuen Licht.

Aber muss man sich jetzt über Broder aufregen? Meiner Auffassung nach genauso wenig wie über sogenannte „Hassprediger“.

Beide verharren in der veralteten Auffassung, ihr Standpunkt könnte als objektiv richtig betrachtet werden. Am besten lächelt man darüber, ordnet Broder samt seinen erklärten Feinden den „Hasspredigern“ in die „Achse der Dummschwätzer“ ein und wendet sich interessanteren ,weil nicht eindimensionalen, Standpunkten zu.


Ein Kommentar zu “Die Achse der Dummschwätzer”

  1. Trinker

    “Wahrheit” betrifft verschiedene Welten. In manchen kann man von Standpunkten sprechen, in anderen wird das schwieriger, wenn es nicht trivial werden soll. Da ist Wahrheit eine elementare Frage der Semantik, nicht des Standpunkts.
    Broder ist mir auch zuwider, fast körperlich.
    Ich denke er ist ein Multi-Fanatiker besonderer Art, der seit weites, rechtsradikales Spektrum mit “Aufklärung” bemalt.
    Interessant ist, dass einige seiner Freunde aus der “Frankfurter Szene” der 80er Jahre entspringen.

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.