Frankfurter Gemeine Zeitung

Zauselbart und die Taube

Einmal landete im Stadtpark eine Taube neben dem Zauselbart. Es war eine alte und verdreckte Stadttaube mit verkrüppelten Füßen. Die Taube sprach.

Taube: „Wenn ich Dich hier so sitzen sehe, scheint mir fast als hätte ich einen Seelenverwandten getroffen. Hast Du etwas Brot für mich?“

Zauselbart: „Stör mich nicht. Ich denke nach.“

Taube: „Worüber?“

Zauselbart: „Über den Sinn meines Seins. Die einzige Frage, die ich nicht beantworten kann.“

Taube: „Ach… wenn´s weiter nichts ist. Den kenne ich schon.“

Zauselbart: „Unmöglich! Was soll der Sinn sein?“

Taube: „Möglichst lange leben. Sich vermehren. Und für den Fortbestand seiner Spezies zu sorgen. Das ist alles.“

Zauselbart: „Unmöglich! Das kann auch ein Einzeller! Wofür dann der Intellekt? Und was habe ich davon?“

Taube: „Was Du davon hast? Du erfüllst Dein biologisches Programm! Schau nicht so. Ich habe die Regeln nicht gemacht, sondern die Welt. Und bilde Dir mal nichts auf den Intellekt ein! Der ist nur ein Produkt der evolutionären Anpassung. Wie der Ultraschallsinn einer Fledermaus. Erstaunlich zwar, aber nichts was Dich über den Einzeller erhebt.“

Zauselbart: „Doch ich kann etwas, das Ihr Tiere nicht könnt. Und zwar abstrahieren!“

Taube: „Auch wir Tiere ordnen die Welt in Kategorien. Wir ordnen beispielsweise in Dinge die gut schmecken, Dinge die gefährlich sind, paarungsbereite Artgenossen und so weiter. Dein sogenanntes menschliches Denkvermögen ist doch nur eine besonders komplexe Form davon.“

Zauselbart: „Das streite ich ab. Wir Menschen entscheiden bewusst und erkennen uns selbst.“

Taube: „Nicht mehr als das auch Tiere tun.“

Zauselbart: „So? Und wann hat das letzte Mal ein Tier aus freien Stücken Suizid begangen? Lemminge oder Gnus, die von der nachrückenden Herde in den Abgrund gedrängt werden, zählen da nicht. Dies ist es, was ich mit der Entscheidungsfreiheit meine. Als Mensch kann man sich sogar gegen das eigene Leben entscheiden. Man kann sich auch dagegen entscheiden sich zu vermehren. Welches Tier würde das freiwillig tun?“

Taube: „Zugegeben. Aber das scheint mir mehr so eine biologische Sackgasse von Euch Menschen zu sein. Und ganz ehrlich. Das, wofür Ihr Menschen Selbstmord begeht, sind doch reine Wohlstandsprobleme. Ich habe verkrüppelte Füße und eine tödliche Seuche in mir, an der ich qualvoll verenden werde. Und komme ich etwa auf die Idee hoch in den Himmel zu fliegen und mich einfach abstürzen zu lassen? Nein! Manche Menschen jammern herum, dass sie keine Kinder in diese ach so schreckliche Welt setzen wollen. Wie erbärmlich! Euch geht es nur einfach zu gut.“

Zauselbart: „Auch wenn es mich eigentlich nicht kümmern sollte, muss ich widersprechen. Es geht beileibe nicht allen Menschen gut.“

Taube: „Und merkst Du was? Genau die Menschen, denen es schlecht geht, haben gar keine Zeit sich mit solchen unsinnigen Gedanken zu plagen. Diese Menschen nämlich leben von der Hand in den Mund und vermehren sich zahlreich. Darum sind sie die Zukunft der Menschheit und nicht dekadente alte Philosophen, konsumsüchtige Karrieremenschen, verträumte Esoteriker und solche Spinner. Friss, vermehre Dich und sterbe. Jeder weitere Gedanke ist überflüssig.“

Zauselbart: „Ach und wenn schon. Dann vermehrt Euch halt. Keine Spezies wird für die Ewigkeit fortbestehen. Was habe ich davon wenn die Menschheit noch ein paar Millionen Jahre weiterlebt?“

Taube: „Was hast Du davon, wenn Du dasitzt und Dir die Frage nach dem Sinn stellst, von der Du genau weißt, dass sie so nicht zu beantworten ist? Du bist ein Lebewesen. Und wenn Du das tust, was Lebewesen schon seit Anbeginn der Zeit tun, dann machst Du wahrscheinlich nichts falsch. Bedenke: Wenn nicht Generationen von Lebewesen dies schon vorher getan hätten, dann säßest Du jetzt gar nicht hier und würdest Dir diese Frage stellen.“

Da flog die Taube davon und überließ den Zauselbart seinen Gedanken.

Zauselbart: „Sollte das denn alles sein? Was auch dafür sprechen mag… Manchmal so scheint es mir doch, als könnte ich haarscharf die Substanz berühren aus der die Erleuchtung gemacht ist. Meine eigene Erleuchtung. Mein Sinn! Der mir immer dann durch die Finger rinnt, wenn ich ihn ergriffen habe.“


4 Kommentare zu “Zauselbart und die Taube”

  1. faye valentin

    Ich mag den ZAUSELBART! Mehr davon, bitte!

  2. Trinker

    Ich auch, Tauben nicht so ! Und dann noch besserwisserisch.

  3. takeawalk

    ich mag die taube lieber.

  4. bmppok

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