Frankfurter Gemeine Zeitung

Republik der Clicks ? (1)

DIGIT

Die Segen der Computationen gerieten mir letzte Woche durcheinander, als meine Autowerkstatt ihren Befund präsentierte. Früher verabschiedeten die Motoren sich viel schneller, begann der Werkstattleiter, heute meldet die Zentralelektronik ja alles. Der Motor ist also ok, aber die Zentralelektronik, die ist schon wieder hin, in Zahlen: 1400 Euro. Warum soviel Computerei, wenn sich mein Auto bloß auf 4 Rädern mit 30 durch die Stadt schiebt, kaum besser als 30 Jahre vorher ? Ganz einfach: sie erlaubt mir eben, mit Google am Alleenring die besten Locations zu orten und den Link zum Autohersteller zu halten. Schön, die Welt des Webs bietet mehr als Schritttempo durch die Stadt, sie ist ein Hort der Möglichkeiten wie alle Techniken vorher. Das gilt jetzt besonders für veröffentlichende und vernetzende neue Medien, die schreiben fast von selbst.

Über diese Umbrüche galt es zu beraten, deshalb die „Re:publica“ in Berlin, mit einem Hauch von gesellschaftskritischer Tönung. Sie wurde aufmerksam begleitet von den alten Medien, einer kritischen bis emphatischen Kommentierung im Print, meistens eher von einem uninspiriertem Habitus. Die Veranstaltung wollte innovative Orientierung fürs hier und jetzt im „8. Kontinent“ geben, besonders den Bloggern, den Kommentatoren, die den vermeintlichen Umbruch medial begleiten.

Der kritisch-innovative Impetus des Web kommt mit 2 Polen daher, zwischen denen sich das Spektrum der Veranstaltungen in Berlin 3 Tage auffächerte. Den einen nenne ich das „Flat x.n Schema“ und den anderen den „Kampf durch die Lücken“. Flat x.n schart irgendwie den Mainstream um sich, hat die Kulturhegemonie nicht nur bei den Vorträgen und stammt aus dem Flieger zwischen New York und Silicon Valley. Angerichtet ist er mit schönen Dressings wie „Egalität“, „Kreativität“, „Kollektive Dynamik“ und dem „Kultursprung“, die schmecken fast jedem. Auch in Berlin.

Die Egalität spielt das „Flat“ des speed-Journalisten Thomas Friedman aus: Die Datenstreams kommen alle gleich über uns; sie müssen nur aufgegriffen und gut verwendet werden, schon stehen die Lösungen am Horizont, überall auf der Welt. Diese egalitäre Ausbreitung ist aber ein Märchen, denn sie ist im wesentlichen der Bewegungsraum der Firmen. Die Öffentlichkeit bleibt aussen vor. Schnell hingegen bewegt sich darin der Daytrader und der Investmentmanager hat gleich die ganze flache Welt vor sich.

Die proklamierte Dynamik soll durch die Flexibilität der vielen User angetrieben werden. Ihre Kreativität ist jedoch primär eine der smarten Kundenumsorung und von wenigen Nerds, die sich lächelnd um angesagte Aufträge beißen. Wirklich disponieren können nur Akteure, deren Ressourcen viele Dimensionen und große Reichweiten haben. Wenn IBM-Entwickler „free“ schreiben, hat das nichts mit Emanzipation zu tun. Der große Schwarm offenbart sich zuerst in Telenovelas und Verkaufsshows. Das sind die primären Äquivalente zum Crowdsourcing, und man käme nicht auf die Idee, sie als Intelligenz der Vielen mit dem Ziel demokratischer Öffentlichkeit zu feiern.

Schließlich die Verheißung eines echten Kultursprungs, der inneren Gewalt des neuen Mediums: wir dürfen veröffentlichen, ohne Unterlaß. Neu ? Ist die Flut der Flugblätter und Flugschriften vergessen, der Minidruckereien in den Hinterhöfen, die Verteiler an jeder Ecke, vor jeder Fabrik, die unzähligen Stadtteilblätter, die Kommentare der Säzzer und der Drucker zu jeder Kleinanzeige. Statt Flugblätter haben wir jetzt Blogs. Eine Umwälzung gewiß, aber im Gleichlauf mit der „inneren Organisation“ unserer Arbeit, Öffentlichkeit, Kultur. Der Kultursprung transportiert schlicht die „egalitäre Speicherung“ aller Daten wie ihren schnellen Zugriff und hat eine öffentliche Überwachung als mitlaufendes Ziel. Unproblematisch ist das Geschreibe wie das Speichern nur, so lange es politisch irrelevant bleibt.

Der technologische Kultursprung entspringt primär den Derivativen und dem Supply Chain Management, dem Risikomanagement des Profits und dem Weg von Pearl River zur Zeil. Rund um diese Pötte scharren die Geeks, der Rest sind oft Unterhaltungsklicks und Urlaubsalben. Hier offenbart sich ein dirigierender Backlash und ein restaurativer Eventalarmismus, der die Crowd programmiert. Und meistens verfährt all das auf Basis ähnlicher sozialpsychologischer Verfassungen und neuer Reduktionen der digital Natives.

Die Leitkultur von Flat x.n (und ihre Naivität) zeigte sich in manchen emphatischen Auftritten von Bloggern bei Re:publica. Empfehlungen zum flexiblen Geldverdienen in 7/24 und das Ergoogeln des Arbeitsplatzes im Szenecafe verheißt den Sieg über den drögen Achtstundentag. „ME“, der Job für mich heißt das große Stichwort der kleinen Economy und hinter den Ecken lauern schon die Absauger der freien Arbeit.

Die Scharen gut bezahlter Softwareprofis sitzen in Eschborn, nicht in Frankfurt-Bornheim. Die Provider-Server und der Knoten Frankfurt liegen noch dazwischen und am anderen Ende tummelt sich das Publikum und hastet durch die Applications. Mit Folgen: CRM-Programme umreißen den Kern technologischer Funktionen im Web und nicht das nette, flache „Digit“: viele trickreiche Programme für die neue Welt, die Kundenwelt. Das meint die schöne Technik, mal in einer, mal in anderer Form. Seien wir ihr gegenüber so feindlich und freundlich wie ihre jeweiligen Exemplare es verdienen. „Die Könige verfügen über die Technik nicht unmittelbarer als die Kaufleute: sie ist so demokratisch wie das Wirtschaftssystem, mit dem sie sich entfaltet. Technik ist das Wesen dieses Wissens. Es zielt nicht auf Begriffe und Bilder, nicht auf Glück der Einsicht, sondern auf Methode, Ausnutzung der Arbeit anderer, Kapital.“

Der Autor dieser 75 Jahre alten Sätze hatte nicht viel Ahnung von Technik, aber einige von Kultur. Und sein Befund trifft besser als Technikmanichäismus, weil wir heute über Symboltechniken reden, deren Zeichengeneratoren uns mit großen Augen verfolgen, überall. Die Diagnose: Die existierenden gesellschaftlichen Verhältnisse duplizieren sich ins Netz, manchmal werden sie sogar durch Dirigenten potenziert. Und das meint nicht nur die Trolls oder Friends, das Publikum oder Evangelisten wie Jeff Jarvis. Es verlangt anspruchsvollen Einblick auf Intrigen, Hierarchien, Befehlsmuster und Regimes.

Viele Technik-Kritik tritt leider naiv auf. Mit gewitzter Gesellschaftskritik kann sie allerdings einen Kampf gegen die Mitläufer der Herrschaftsspiele ausfechten, bei denen die Technik meistens nicht die erste Rolle spielt. Die guten, auch binnenwirksamen Argumente zielen gegen Technologie als Sublimierungsapparatur für unsere eigenen Kontrollverluste und ihre Verkennung als Freifahrschein zur Emanzipation. Werkzeuge können die Web-Tools nur in einer funktionierenden Werkstatt sein. Das wissen am besten diejenigen, die über sie gebieten, und das sind nicht twitternde Kids.


Ein Kommentar zu “Republik der Clicks ? (1)”

  1. Trinker

    Ein ganzes Set von Blog-Posts zur Re:publica findet man hier:
    http://re-publica.de/10/2010/04/18/der-blog-spiegel-zur-republica-2010/comment-page-1/#comment-632

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