Frankfurter Gemeine Zeitung

Eindruck aus einem fahrenden Zug

Foto: Anja Kühn

Foto: Anja Kühn

Das Merkwürdigste an diesem Bahnhof an diesem Morgen war, dass so viele Menschen unterwegs waren und doch keiner ein einziges Wort sprach…Alles war so still, dass meine Gedanken so laut wurden wie das Geräusch der Rolltreppe. Zwei Schaffnerinnen trieben mäßig vehement die letzten Passagiere an Bord, wo eine freundlich resolute Lokführerin einen mit den Worten: “Guten Morgen meine Damen und Herren” empfing. Und in dem Moment, in dem der Zug anfuhr spürte ich, dass dies eine Reise war-  und das alles, was ab jetzt passieren würde, wichtig für mich sein wird!

Diese Gedanken wurden durch den Pups einer jungen Frau, die auf der gegenüber liegenden Seite des Ganges saß, unterbrochen. Zwischen Offenbach und Hanau, ich dachte kurz: ekelhaft! Die Lokführerin sagte:”Planmäßig erreichen wir in wenigen Minuten…” Ich hoffte, dass es für meine Sitznachbarin nur eine einfache FART sein würde.Ich hing weiter meinen Gedanken nach, und mir fielen so verdammt viele Abläufe und Wege ein, die sich kreuzen, Dinge, die sich tausendmal um mich herum abgespielt haben und die ich doch nie in Verbindung mit mir gesetzt habe…

Ich habe der überaus jungen Fahrkartenkontrolleurin nicht “Guten Morgen” gesagt, weil ich so überrascht davon war, wie sie in ihrer viel zu grossen Uniform steckte. “An diesem Morgen ist alles schön, fast schon überwältigend” hörte ich die Neon-Buchstaben der Firma Julius Kleemann in den blauen Himmel malen. Ein strahlendes Morgenlicht warf seinen Glanz über alles, was sich darunter befand; und ich schaute auf meine sich blätternden Fingernägel und fühlte mich schäbig. Kläranlagen, an denen wir vorbeiziehen, in deren Becken friedlich der Dreck eines ganzen Dorfes ungerührt schlummert…Ich hatte die Nacht davor kein Auge zugemacht,  mir wurde ganz anders und ich nahm alles wahr wie in einen Film, in dem ich die Hauptrolle spielte. 119km/h 06:59h. Der Mann schräg gegenüber, der eben noch auf einer Brezel kaute, kaute danach seine Unterlippe…Mir fiel ein Zitat dazu ein:’ Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf ‘…Vorbei an herrschaftlichen Bauten mit steinernen Adlern im Vorgarten. Die Müdigkeit kroch so langsam in mir auf, dass sie mich mit voller Wucht erwischte. Schlaf.


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