Frankfurter Gemeine Zeitung

Re:publica der Clicks ? Web und Widerstand (2)

De-Digit

Zwei Pole der Web-Kultur habe ich im ersten Teil postuliert, die sich in der re:publica ausdrückten. Die Veranstaltung zeigte weder eine Unübersichtlichkeit wie der Spiegel behauptet, noch war die re:publica eine „linke Veranstaltung“ wie die Süddeutsche vermutet.

Da ist nämlich hauptsächlich der Mainstream, als Kunden-Web sozialer Plattformen, der Apps und Ads, und gegenüber etwas renitentes Gewusel an der Peripherie. Um mich nicht mißzuverstehen, die Grenzziehung zwischen den beiden Polen von Web-Impetus entspringt nicht aus „Kulturkritik“, wie sie auch bei Frank Schirrmacher („Payback“) hervorlugt, sondern zielt gegen schlichten Wunderglauben – über die große Plattform, die uns beisteht. Abgesehen davon muß Kulturkritik des Netzes nicht grundsätzlich verdammt werden: Sie ist nicht nur Ausdruck der Überlastungen einiger Lahmer, sondern folgt manchmal dem schlichten Gespür, sich nicht der ausgegoogelten Privatisierung in der Facebook-Wüste auszuliefern. Ausserdem bleiben die Vielen, die allein auf die technologischen Fahrstuhleffekte hoffen, meist auf den unteren Stockwerken stecken – obwohl es im Keller zugegebenermaßen meistens miefiger ist.

Halten wir fest, unsere mathematische Geselligkeit kommt in zwei Varianten daher: in den Zielgruppenberechnungen von Google Statistics und in den Ideen öffentlicher Salons. Daraus bezieht der „Kampf durch die Lücken” Inspirationen, der zweite Pol eines kritisch-innovativen Impetus des Web. Er wird auf der Re:publica besonders von Geert Lovink vertreten und seine Perspektive macht mir erheblich mehr Sinn, wenn Gesellschaftskritik übers Web nachdenken möchte. Er präsentiert uns einen Befund, der von Verteidigungsgeschäften für einige bereits besetzte Positionen wie Auskunftspflicht über gespeicherte Daten oder der weiteren Verwendung von Universalmaschinen anstelle gekapselter Spezialprodukte ausgeht. Dazu propagiert er für die Zukunft Mischungen mit verschiedenen assoziativen und technischen Innovationen, die sich dem Kunden-Web etwas sperren. Deshalb ist ein genaues Studieren variierender Komponenten des Webs und ihrer vielen Effekte nötig, die uns fallweise über Bewertungen und Projekte abstimmen lassen.

Lovink diagnostiziert als gegenwärtige Internet-Haupttendenzen die Kolonisierung der Realzeit durch die Netzprozesse, eine hoch-flüchtige Kommentar-Kultur mit dem Aufstieg extremer (rechter) Positionen sowie die Entstehung nationaler Webs. Zusammen große Trends, mit denen wir kaum umgehen können. Mir scheint aber besonders der besondere „methodische“ Moment der Überlegungen Lovinks wichtig, den ich mit einigen Komponenten anreichern möchte. Sie sollen es erleichtern, distanziertere aber trotzdem engagierte Perspektiven zum Web einzunehmen, kleine Lücken im Kunden-Web aufzuweiten.

Verwendbare Kritik des Webs soll für viele Ebenen und an vielen Orten funktionieren. Sie muß dabei unterscheiden zwischen diagnostischen Feldern und verschiedenen Konzepten für eigene Projekte. Abweichungen von den üblichen Interpretationen beginnen schon mit den substantiellen Hintergrundbedeutungen der Applikationen, der Programmvielfalt und ihren Einsätzen, den schillernden kultur-politischen wie ökonomischen Positionen von Web-Anbietern wie Usern, und besonders den variierenden institutionellen Positionen der Technologie-Produzenten und ihren kulturellen Situierungen in der Gesellschaft. Diagnostik und mögliche Projekte können zusammen laufen bei den strategischen Säulen des Netz-Geschehens, den „Leit-Plattformen“ und der Gegenüberstellung anderer „Vernetzung“, als sie uns das Kunden-Web meist anbietet. Vor allem: wir brauchen mehr große Ein- und Ausgänge als der für uns als „Kunden“. Ausserdem sind Verdichtungen zwischen Netz und Realwelt notwendig, Brücken aus dem 8. Kontinent heraus, die über An- und Abwahl einer App weit hinausreichen. Schließlich müssten wir erreichen, die eigenen Verwendungen von Apps mit ihren Effekten in verschiedenen entfernten Kontexten einzusehen.

Solche sensible Distanzierung spricht auch gegen Überschätzungen eines indifferenten „Click-Aktivismus“, denn nicht einfach „Information“ ist relevant, sondern die Entwicklung verankerter, proaktiver und inspirierter Strukturen. Der Kampagnen-Click gibt kein dauerhaften Anschub, eine politische Kritik wie Praxis braucht mehr Ideen, eigensinnigere Vernetzung, schlicht einen verlässlichen Sinn, der des öfteren zusammen verläuft. Das Leerlaufen von Schönwetterwiderständen hatten wir schon öfters, auch vor dem Web. Wenn morgen aufwachen gibt’s immer noch die Regierung, Google und die Steurfahndung. Das redet nicht gegen jede Instant-Mobilisierung, das meiste Rückgrat verspricht aber eine mittlere Vernetzung; sicher als sich stufenweise aufbauende Plattformen und Prozeduren, mit vielen Zutrittsmöglichkeiten von Diagnosen und Projekten, mit tieferen, gerade auch örtlichen Bindungen sowie offensiven Neubewertungen von Netzaktivitäten.

Querstehende, nicht leicht vereinnahmbare Verfahren dürfen nicht bei einer Verehrung des authentischen Individuums und dessen kreativen Eigensinn stehen bleiben, wie es bei Jaron Lanier anklingt. Ressourcen müssen multipel verortet werden, sich mit einer Mischung von Sensibilitäten, Darstellungen und Kreativitäten für Internet-Kontexte aufbauen. Dazu gehört aber einiges, etwa theoretische Pfiffigkeit und politische Aufmerksamkeit. Eine Stück weit aus der flachen Welt aufrichten können auch Web-getriggerte Instanzen wie Wikileaks, quasi als Brücke zum Crowdsourcen. Ohne Überhöhung, möchte man aber warnen, denn sie transportieren die Gefahr von Fixierung auf wenige Aufmerksamkeitswellen und geraten damit ins Fahrwasser des Kunden-Webs.

Verbreitete Ignoranz all dem gegenüber offenbart sich mit der Uninspiriertheit der Linken, die neue Ideen am ehesten bei Startups und alerten BWLern nachahmt. Das zeigt jedoch ein breiteres Problem kultureller Hegemonien an, das Initiativen an vielen Orten betrifft und das weit über die Einsatzpunkte modischer wie effektiver Leittechnologien hinausgeht.


4 Kommentare zu “Re:publica der Clicks ? Web und Widerstand (2)”

  1. gaukler

    Eine interessante Ergänzung dazu ist gerade in dem guten New Yorker Blatt “n+1″ erschienen. (leider auf Englisch: http://nplusonemag.com/the-intellectual-situation)
    Ein wichtiges Argument des Texts: die “freien” sozialen Plattformen setzen ihre Benutzer als kostenlose Werbeträger ein (wie Menschen als Werbe-Sandwiches auf der Strasse), als Transporteure der “Ads” verlangen sie kein Geld: also eine enorme Reservearmee, die quasi gegen andere werbefinanzierten Kommunikationsmittel (etwa Zeitungen) arbeiten. Deshalb eine Reservearmee, die Journalisten den Lohn kürzt und dabei intimste Texte/Bilder zwischen Werbung der Commerzbank und McDonalds schreibt und sie entsprechend wahrnimmt. Die meint, personalisierte Werbeansprachen seien “Freunde” und sie so behandelt. Vielleicht sind es aber bloß Web-Roboter, die mir nachts schöne Angebote einschmeicheln.
    Bald werden wir die Texte zwischen den Werbungen nicht mehr finden. Das ist dann eine wirklich personalisierte und durchdringende Werbung. Ein hypersensibilisierendes “Ad-topia” ohne Arbeitslöhne.
    Für den rechtslastigen, mainstream-webbigen “Perlentaucher” nichts als ein Dokument des “Kulturkonservatismus”. Also: wer nicht schnell genug die neusten Apps von Apple, die vielen Ads von Google und Co. aufsaugt ist jetzt kulturkonservativ.
    Mir scheinen dagegen diese Hypes die ideale Schablone für herrschende Gleichgültigkeiten zu sein.
    Viele Web-isten arbeiten genau in diesem Trend.

  2. Trinker

    Netten Kommentar findet man auch bei der FAZ:
    http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E277C2ACBAC4A47BCBA31A6DA25C99E80~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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