Frankfurter Gemeine Zeitung

Der Zauselbart erleichtert sich


Unweit vom Haus des Zauselbarts befindet sich ein Friedhof. Diesen nutzt der Zauselbart gerne als Abkürzung.

Neulich nutzte der Zauselbart diese Abkürzung wieder, als ihn ein natürliches Bedürfnis befiel.

Er öffnete also seine Hose und urinierte in das Blumenbeet eines Grabes.

Das Grab hatte einen prunkvollen Grabstein und war hervorragend gepflegt.

Als er gerade fertig war und seine Hose wieder zugemacht hatte, vernahm er hinter sich eine Stimme.

Witwe: „Ähem!“

Zauselbart: „Ja?“

Witwe: „Was machen Sie da?“

Zauselbart: „Ich habe mein Geschäft erledigt. Jetzt mache ich mir die Hose zu und wollte weitergehen.“

Witwe: „Das ist eine bodenlose Unverschämtheit! Man sollte Sie anzeigen!“

Zauselbart: „Anzeigen? Mich? Weshalb?“

Witwe: „Wegen Störung der Totenruhe! Sie Banause! Sie Penner!“

Zauselbart: „Störung der Totenruhe? Das klingt lustig!“

Witwe: „Was ist daran lustig?“

Zauselbart: „Wie sollte man die Ruhe eines Toten stören? Ich wette sie könnten den ausgraben und ihm ins Ohr brüllen und er würde nicht aufwachen.“

Witwe: „Was Sie da gemacht haben ist widerlich und beleidigend.“

Zauselbart: „Was ist an meinem Urin beleidigend?“

Witwe: „Es ist widerlich! Einfach ekelhaft.“

Zauselbart: „Widerlich finden Sie es nur aufgrund ihrer Erziehung. Und außerdem versickert das doch im Blumenbeet. Sehen Sie die Wolken da oben? Heute wird es noch regnen. Dann ist alles wieder weg. Und denken Sie mal an die Tiere die hier leben. Die Eichhörnchen zum Beispiel. Woher wissen Sie denn, dass die nicht in Ihr Beet urinieren? Und sehen Sie diesen kleinen Klecks dort auf dem Grabstein? Mir scheint, da hat ein Vogel seine Notdurft verrichtet. Wollen Sie den auch anzeigen?“

Witwe: „Sie sind aber ein Mensch! Und ein Mensch muss sich benehmen können!“

Zauselbart: „Dann wenn es Sinn macht. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie gerade hier stehen. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich zwei Gräber weiter gegangen.“

Witwe: „Sie sollen überhaupt nicht auf Gräber pinkeln!“

Zauselbart: „Mit welcher Begründung?“

Witwe: „Das gebietet der Respekt vor den Toten!“

Zauselbart: „Was nützt es dem Toten wenn man ihn respektiert? Davon hat er doch nichts mehr!“

Witwe: „Dann aus Respekt vor den Angehörigen!“

Zauselbart: „Mir scheint jetzt kommen wir zum Kern der Sache. Bei der Totenruhe geht es doch nicht darum, dass man die Toten stören könnte. Der Begriff ist daher unsinnig. Es geht um die Lebenden. Um die Angehörigen. Das aber ist armselig und zutiefst verachtungswürdig!

Witwe: „Wieso sollte es verachtungswürdig sein, der Toten zu gedenken?“

Zauselbart: „Wie oft sind Sie hier an diesem Grab? Seit wie vielen Jahren klammern Sie sich an die Vergangenheit? Ihr Mann ist nicht hier! Das was da unten liegt ist ein verwesender Überrest! Warum müssen Sie dem Blumen bringen? Bringen Sie Ihre Blumen einer armen alten Dame die sich darüber freut! Spenden Sie meinetwegen das Geld, das Sie hier für die Grabpflege ausgeben! Oder kaufen Sie sich was Schönes! Wieviele tausend Euro haben Sie hier einer verwesenden Leiche hinterhergeworfen. Wenn Ihr Mann Sie wirklich geliebt hat, hätte er nicht gewünscht, dass Sie Jahre in unnötiger Trauer verbringen.“

Witwe: „Hören Sie auf, Sie schrecklicher Mensch! Haben Sie kein Miteid mit einer Witwe?“

Zauselbart: „Ah Mitleid! Darum geht es Ihnen also. Deshalb laufen Sie hier so ganz in schwarz herum. Sie lassen sich von allen bemitleiden. Jetzt muss ja jeder nett zu Ihnen sein, weil Sie so ein schweres Schicksal tragen. Nun fordern Sie dieses Mitleid als sei es Ihr gutes Recht es zu bekommen. Doch Mitleid ist niemandes Recht! Es ist nur eine Gnade, die die anderen gewähren können! Bei Ihnen aber ist es nicht angebracht! Sehen Sie dieses protzige Grabmal? Wen wollen Sie damit beeindrucken? Mir scheint, selbst im Tode fehlt es Ihnen und Ihrer Familie noch an Bescheidenheit. Und das Mitleid treten Leute wie Sie mit Füßen, indem Sie es für Ihre Zwecke nutzen. Sie nutzen es um sich moralisch überlegen zu fühlen. Angesichts ihres harten Schicksals darf Sie niemand kritisieren oder angreifen. Ein feines Spiel das Sie da spielen! “

Witwe: „Denken Sie etwa ich würde meine Trauer nur spielen? Wie können Sie es wagen?“

Zauselbart: „Auf dem Grab ist ein Kreuz. Und es steht darauf: Hier ruht in Gott der Herr M.. Glauben Sie an Gott?“

Witwe: „Natürlich, ich bin Christin!“

Zauselbart: „Dann glauben Sie also auch, dass Ihr Mann nach seinem Tode das ewige Leben erhält?“

Witwe: „Ja, aber was hat das damit zu tun?“

Zauselbart: „Wie sollten Sie da traurig sein? Wenn Sie die Möglichkeit hätten, wollten Sie Ihren Mann dann etwa wiederhaben?“

Witwe: „Ja. Ich liebe ihn.“

Zauselbart: „Dann würden Sie also ihren Mann aus der Verbindung mit Gott reißen? Aus der ewigen Glückseligkeit? Bloß damit er wieder mit Ihnen auf dieser schnöden Welt ist? Sie sind eine Egoistin!“

Witwe: „Sie wissen nicht was Sie da sagen! Seit dreißig Jahren war ich mit diesem Mann verheiratet. Sein Tod hat mich hart getroffen. Haben Sie nie einen Menschen verloren den Sie liebten? Dann wissen Sie nicht, was ich durchmache!“

Zauselbart: „Wenn ich wüsste, dass es den Menschen dann besser geht, wäre ihr Tod für mich ein Anlass zur Freude. Doch ich bin Atheist und habe Ihre Gewissheit nicht. Aber was Sie hier durchmachen ist nur das was Sie sich selbst antun! Anstatt abzuschließen und Ihren Mann an einem stillen Platz in Ihrem Herzen aufzubewahren, kommen Sie immer wieder an diesen traurigen Ort hier zurück. Damit reißen Sie doch Ihre Wunden immer wieder auf. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Vergessen Sie das Ganze! Lassen Sie Ihren Mann exhumieren und einäschern. Dann verstreuen Sie seine Asche auf einem anonymen Acker und suchen sich einen neuen Mann. Und verbringen den Rest Ihres Lebens wieder als glückliche Frau. Und falls es einen Himmel gäbe und Ihr Mann da oben säße, würde er mit einem wohlwollenden Lächeln auf Sie herabblicken und sich freuen, dass es Ihnen endlich wieder gut geht.“


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