Frankfurter Gemeine Zeitung

Stell Dir vor es ist WM und keiner schaut hin

Fussballfans 2

-Als Teil eines fahnenschwenkenden Kollektivs ist das individuelle und kritische Denken abgeschaltet-

Der Countdown läuft. Gemeint ist natürlich der Countdown zur WM 2010, die von den meisten als freudiges Ereignis betrachtet wird und der man mit Ausnahme einiger unverbesserlich miesepetriger Intellektueller bereits in gespannter Erwartung entgegenfiebert.

Schon jetzt grinst uns von jeder Verpackung von Hanuta und Nutella die halbe deutsche Nationalmannschaft entgegen und McDonalds sucht wieder Kinder für die Fussball-Eskorte.

Für ein paar Wochen werden die Probleme der Welt, wie Menschenrechtsverletzungen und Krieg vergessen sein und König Fußball wird das Szepter übernehmen.

Vielleicht kommt ja auch ein Stück des Gefühls von 2006 wieder, als „die Welt zu Gast bei Freunden“ war und Deutschland am Ende zwar nicht Weltmeister, aber immerhin selbsternannter „Weltmeister der Herzen“ wurde.

Damals ging die Fußballverrücktheit so weit, dass sogar Personen wie Harald Schmidt oder Sarah Kuttner auf den WM-Zug aufsprangen, obwohl sie bis dahin ja unter dem dringenden Verdacht der Intellektualität standen, den sie aber spätestens mit ihren Sendungen zur WM-Zeit zweifelsfrei ausräumen konnten.

Ich für meinen Teil wohnte zur WM 2006 direkt an der Konstablerwache und hatte bereits nach einer Woche Zwangsbespaßung durch den Fußballrummel ein derart ausgedünntes Nervenkostüm, dass fremde Leute sich alleine von meinem Gesichtsausdruck genötigt fühlten, die Straßenseite zu wechseln.

Jetzt kann man natürlich fragen: Warum so miesmacherisch?

Ist nicht das Herumnörgeln an allem was Spaß macht, dieses ewige Kritisieren und Hinterfragenwollen eine der unsympathischsten Eigenschaften der Deutschen?

Und leisten solche Sportveranstaltungen wie die Fußball-WM oder auch Olympia nicht einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung?

Hier muss ich entschieden gegenhalten:

Das Herumnörgeln und Kritisieren ist eine der positivsten Eigenschaften der Deutschen überhaupt und ein echter Lernerfolg des Nachkriegsdeutschlands.

Wenn man schon früher auf die Idee gekommen wäre, sich von Begeisterungsstürmen nicht einfach mitreißen zu lassen, sondern diese mit einer gehörigen Portion Skepsis zu betrachten, wären Deutschland und der Welt einige schlimme Dinge erspart geblieben.

Und das Argument der Völkerverständigung wird zwar gerne von Funktionären des organisierten Massensports vorgebracht, aber die tatsächlichen Effekte sind nicht messbar.

Welcher politische Konflikt wurde jemals durch Sport beigelegt?

Welche Völker sind sich denn durch den Sport tatsächlich nähergekommen?

Die Schweiz und die Türkei etwa?

Wenn man an das Länderspiel am 16.11.2005 denkt, nach dem eine aufgebrachte Meute auf den Straßen türkischer Städte schweizer Flaggen verbrannte, kommt man zum Ergebnis, dass das Konzept der Völkerverständigung durch Sport kein allzu erfolgreiches ist.

Und dienten sportliche Großveranstaltungen nicht regelmäßig totalitären Systemen als Schaubühne für ihre Machtdemonstrationen?

Beispiele kennt die Geschichte genug:

Bereits die Fußballweltmeisterschaft 1934 verkam zu einer Propagandaveranstaltung im Dienste Mussolinis.

Die Olympiade 1936 in Deutschland wurde von den Nazis als bombastische Show für die „Überlegenheit der germanischen Rasse“ aufgezogen.

Der Olympiade 2008 in Peking ging eine beispiellose Welle von Attacken auf kritische Stimmen und Systemgegnern voraus und eine drastische Verschärfung der Zensurvorschriften, die bis heute anhält und inzwischen sogar Google zum Rückzug aus China motiviert hat.

Ohnehin haben totalitäre Regime ganz allgemein eine Affinität zu fahnenschwenkenden Massenaufläufen, was auch nicht verwundert, da der Mensch in einer „Sieg, Sieg, Sieg“ skandierenden Masse eher geneigt ist, seine kritische Individualität aufzugeben und in einem Sog mitzuschwimmen, gleich in welches Verderben dieser ihn reißen mag.

Da jeder clevere Diktator diesen Mechanismus erkannt hat, legen die meisten Diktaturen besonderen Wert auf die Sportförderung ihres Landes, selbst wenn die einheimische Bevölkerung vor Hunger auf ihren Schuhsohlen kaut.

Doch auch in demokratischeren Gefilden, haben sportliche Massenveranstaltungen einen antidemokratischen Einfluss. Im Rahmen von Olympia, WM und Konsorten wird gentrifiziert, werden unbemerkt Gesetze zur Überwachung verabschiedet oder öffentliche Räume privatisiert und die Bewegungsfreiheit der Bürger eingeschränkt. So führte die Bundesrepublik während der WM 2006 rigorose Einreisekontrollen auch an den Grenzen zu anderen Schengen-Staaten durch und Personen die schon einmal „auffällig“ wurden, konnte die Einreise verweigert werden.

Öffentliche Plätze wurden unter Aufsicht privater Sicherheitsfirmen gestellt. Und selbst der Einsatz der Bundeswehr im Inneren wurde im Dienste von „König Fussball“ wieder ins Spiel gebracht, beispielsweise von Berufsparanoiker Günther Beckstein, dem persongewordenen dumpfen Rülpsen des Volkszorns.

Und natürlich darf man nicht vergessen, dass die Welt bei der WM 2010 nicht „zu Gast bei Freunden“, sondern zu Gast in Südafrika ist, einem Land, das noch immer eine der höchsten Raten weltweit an Morden und Vergewaltigungen hat.

Angesichts der Tatsache, dass in Südafrika Millionen von Menschen in bitterer Armut in sogenannten „Townships“ dahinvegetieren, ist dies auch nicht weiter verwunderlich.

Um diese teilweise schwerstkriminellen armen Menschen daran zu hindern, Übergriffe auf WM-Touristen zu unternehmen, wird der Polizei gar nichts anderes übrig bleiben, als ihrerseits mit Härte vorzugehen.

Bei einer solchen Konstellation sind Menschenrechtsverletzungen im Rahmen der WM geradezu vorprogrammiert. Von diesen wird der angereiste WM-Tourist natürlich nichts mitbekommen und die Chancen stehen gut, dass ein paar Tote mehr oder weniger im allgemeinen Freudentaumel über ein „rauschendes Fußballfest“ wenig Beachtung finden werden.

Denn schon die alten Römer wussten, wie man mit Massenspektakeln die Bevölkerung von ihren eigentlichen Problemem ablenkt, nach dem Prinzip „panem et circenses“.

Und daran hat sich, wie es scheint, bis heute nichts geändert.

Was soll man also tun? Sich auf Westerwelle berufen und die „spätrömische Dekadenz“ solcher Veranstaltungen anprangern?

Eigentlich gibt es nur eine wirksame Antwort:

Stell Dir vor es ist WM und keiner schaut hin!

Und wer den Fußball wirklich liebt, geht mit seinen Freunden im Park kicken, statt zum Public Viewing.


10 Kommentare zu “Stell Dir vor es ist WM und keiner schaut hin”

  1. Trinker

    In Südafrika leiden unter der WM die Armen in hohem Ausmaß, durch Vertreibung, Preiseerhöhungen etc. Sie werden für die FIFA billige Hilfskräfte liefern. Auch auf den Schulden bleiben sie sitzen: Leistungen werden gestrichen. Übrigens das Ergebnis aller Großveranstaltungen wie Olympiade etc. Aber ein Milliardengeschäft und wohfeil für zahlungsfähigen Mittelstand hier.

  2. Yunus

    Also *lol* mal ganz nüchter betrachten *`tschulligung!nochmalol* sind sich die Fahnen der Türkei und der Schweiz semiotisch betrachtet gar nicht so unähnlich.

    Für den Laien geht es um Ehrengehabe und Schw***vergleich, aber die türkische Verfassung ist (Ja, die haben da eine, wir haben bloß ein Grundgesetz (; ) an der der Schweiz orientiert. Beide sind Komproisse eingegangen, aber auf den Flaggen steht: Religion und Blut…
    Ein großer Teil beider Länder ist gefaltet, nicht flach!

    Und Flaggen werden heute überall verbrannt. Die kriegen sich wieder ein. Haben sie doch, oder?

    Zum Kritteln: Nein, find ich nicht. (aber ich tu´s…Hand auf´s Herz!)
    Dauernd alles zu bemotzen mag definitiv einen Lernerfolg bezeichnen, aber um mit einem “Ossi”-Flüsterwitz zu sprechen: “Klobabier hammer imma noch keens!”
    Und mißmutig macht es obendrein.

    Deine Kritik ist jedoch voll und ganz angemessen.
    Europa zu Gast in Afrika! Aber Afrika zu Gast bei uns?
    Das geht echt nur bei der WM, und dann bitte nicht zu viele.
    Immerhin… wir haben ja noch die EM um uns von denen zu distanzieren.
    Genießen wir doch den Urlaub zwischen Palmen Goldminen und Diamanten, vergessen unsere Frauen und tanzen mit den N***rn****n. Wird schon rechtens sein. Ich hab mir meinen Urlaub doch auch verdient, oder?

    Alle Größen sind dabei!
    Deutschland, England, Frankreich, sogar die Holländer!
    Endlich wieder beisammen…

    …und dann fehlen die ersten Touristen
    …und dann kommt ein Bekennerschreiben
    …Und Dann sind wir wieder groß IM SPIEL!!!!

    Die verstehen da jetzt sogar was von Bier.

    Deshalb: Ja, warum nicht kicken gegen Fußball?

  3. Christian Dombrowski

    “Stell Dir vor es ist WM und keiner schaut hin.” Na, wer könnte einem derart grundstürzenden Plädoyer wohl widerstehen? Unzweifelhaft wird der Artikel die Stadien leeren.

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