Frankfurter Gemeine Zeitung

Raus zum 1. Mai: Unsere Frankfurter Banken retten Europa

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Stau zwischen Konstabler und Alte Brücke; aufgeschreckt durch heulenden Motor eines Taxis; vor mir ein MTK, fast querstehend. Ein zweites will abbiegen, Berliner Strasse, Richtung Paulskirche, vermutlich auch zum Zuschauen. Jetzt tritt ja endlich Klarheit ein, sinniere ich vor mich hin. Die letzten Tage waren angespannt in Frankfurt : erst ein „Bailout“ der letzten von ehemals 500 griechischen Kneipen durch einen Thai-Gastrokonzern. Dann kleine Aufläufe von verbliebenen deutschen Gastwirten vor spanischen und den paar portugiesischen Kneipen und Geschäften, Motto: „wir zahlen nicht für eure Krise“. Schließlich die empörten deutschen Rentner, die für das griechische Lotterleben büßen müssen: sie zogen durch die Discounter und sortierten den ganzen Feta aus, verteilten ihn auf dem Bürgersteig davor, Schrottwert zu 10 Cent das Stück.

Die Meldung erlöste uns wirklich alle: unsere Frankfurter Banken geben einen Rettungsplan bekannt, eine weitreichende Schirm-Initiative, 11 Uhr Pressekonferenz in der Paulskirche, der richtige Ort dafür und genug Platz. Sprecher wie üblich bei großen Dingen: Ackermann, der Siegreiche, unser Held von der Taunusanlage. Applaus besonders von den Frankfurter Journalisten, nicht nur denen der Wirtschaftspresse. Sorge um die Anleger, Sorge um die leistenden Steuerzahler, Sorge um den Standort, Sorge um die Kommune – deswegen Auflösung des griechischen Staates, redet es. Höre ich recht ? Die Griechen müssen Schmerzen ertragen, und das werden wir ihnen beibringen: die Märkte kennen wir, so Ackermann mit seiner überwältigenden Direktheit. Unsere Absprachen mit Goldmann-Sachs für die internationale Kooperation, die verbesserten Invest-Structures sind klar: Privatisierung der lebensfähigen Teile des griechischen Staates, besonders die touristisch attraktiven Inseln, samt Einwohnern. Drittelung der Gehälter der verbliebenen Staatsangestellten, Abschaffung des Renten- und Sozialversicherungssystems. Einfrieren der Einkommens- und Kapital-Steuern bei 10 %, Verdopplung der Mehrwertsteuer. Entschlossenes Handeln, anschwellender Beifall.

All das wird durch einen Teil der Orga der Deutschen Bank geleistet, unterstützt durch ein Seminar des Houses of Finance der Universität Frankfurt, spezialisiert auf Immobilienmärkte, passgenau. Expertise, Verantwortung, Kreativität ruft Ackermann, das wird jetzt verlangt. Neue Arbeitsplätze in Frankfurt, Bildungsförderung, Restrukturierung. Standing Ovations der versammelten Presse, Trampeln von Anwesenden der schwarz-grünen Frankfurter Stadtregierung.

Dann eine glückliche Oberbürgermeisterin: Ackermann möchte zusammen mit Tausenden von Frankfurtern und anderen Bankmitarbeitern auf dem Römer das Ereignis feiern und gleichzeitig die Gesamt-Sanierung Frankfurts aus der Taufe heben.

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Vom berühmten Balkon des Römers herab kündigt Ackermann an, dass eine eigene Ratingagentur für Frankfurt eingerichtet wird – besonders um das Branding der Stadt zu verbessern, schon am Montag. Beglückte Mitarbeiter der Deutschen und der Commerzbank umarmen sich im Schatten des Rathauses, sie kennen sich nicht, wissen aber, dass jetzt genau ihre Leistung, ihr Rating zählt. Ein paar aus dem Global Banking Management drängen deshalb nach vorne, wollen ganz nah am Geschehen oben sein. Der große Steuermann redet dort weiter, gibt den Beschluß bekannt, nicht 15, sondern nur 10 Prozent Gehaltskürzung von den Stadtmitarbeitern zu erwarten, Tränen der Rührung bei einer Leiharbeiterin des Gartenbauamts. Und noch eine Überraschung fürs Rathaus: der Deutsche Sparkassen- und Giroverband schickt Hartz4-Empfänger als Losfeen durch die Ämter, nur jeder zehnte muß dort gehen, das Los entscheidet wer, auch am Montag ist´s soweit. Alles auf Kosten des selbstlosen Sparkassen-Verbandes, der sogar einen Freieintritt im Deutschen Geldmuseum am Spargel für die Bereitwilligen finanzieren will.

Wir wollen aber nicht die anderen glücklichen Banker vergessen, die immerhin ein Drittel des Platzes vor dem Römer, besonders den vorderen Teil einnehmen: mit dem Aufbau einiger neuer, externer Profitcenter bleibt ihnen die dauerhafte Gehaltskürzung von 25% Eigenkapitalertragsrate erspart. Und: nicht nur Schwalbach erhält den Zuschlag, sondern auch im Mertonviertel werden ein paar Dutzend Gebäude von der Stadt für das neue Vermögenscenter umgenutzt. Die an der Ostzeile stehende Abordnung der Reinigungs-Teilzeitkräfte Rhein-Main steigt danach auf die verfügbaren Apfelweinbänke, um den Verkünder vom Römerberg besser sehen zu können. Frenetischer Beifall der vielen Minijober der anwesenden Sicherheitsdienste brandet auf, als vom Balkon die sofortige Steuerbefreiung für turboleistende Werteschaffende im Gegenzug zum Rettungsschirm deklamiert wird.

Das Ganze endet in tosendem Jubel, als Ackermann zuletzt erklärt, dass er persönlich eine neue Facebook-Seite „Josefs Investment for Francfort“ eingerichtet habe und dass er alle, wirklich alle Frankfurter dort als seine Freunde einlade. Er werde nicht nur die täglichen Erlebnisse seiner Schleichkatze „Rockefeller“ posten, sondern die Neuigkeiten präsentierten auch immer Konditionen besonders interessanter Staatsanleihen. Jetzt zündet es sogar bei den Lehrlingsgruppen und skeptischen Kunststudenten: die Dynamik des Frankfurter CHANGE hat sie doch noch angesprungen. Alles tanzt: der Chef-Controller aus Eschborn mit der outgesourcten Plegehelferin, die Senior Consultant mit dem Praktikumsanwärter. Es ist eine echte Party, der Römer zeigt sich wieder einmal als unser globaler Ort mit Herz, fast wie damals: jetzt ist es ein deutsches Frühlingsmärchen.

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Dann ist Schluß, die Limousinen fahren vor, Fähnchenschwenken bei der Abfahrt, aber der Römer muß schnell geräumt werden: das 38-tägige Event „Marketing für Frankfurt – das Fest“ wartet, nächster Termin der Stadtverordneten und des Börsenvorstands. Die Grußbotschaft des Präsidenten, Ex-IWF-Direktor Horst Köhler geht dabei leider unter: er hat allen, wirklich allen Frankfurtern zu ihrem Sieg des Primats der Politik gratuliert und dazu eine Extra Facebook-Seite eingerichtet.

Es ist trotzdem ein glücklicher Tag für Frankfurt, ein noch glücklicherer im Vordertaunus, ein erlösender bei den griechischen Reedern: nämlich nicht sie, sondern ihre Seeleute kriegen das Gehalt halbiert, und das wird am Abend gefeiert, steuerfrei.

Tja, solche Einfälle müssen einfach aus dem ganz kreativen Frankfurt kommen, von den Leuten mit guten Ideen, etwa denen, die oben von Kronberg aus das große Ganze unten im Blick haben, geholfen vom Frankfurter Zeitgeist, unserem unbändigen Willen zum Mitmachen, zum innovativen Gestalten, der Hilfe zur Selbsthilfe.

Hupen hinter mir, ich war wohl etwas eingedöst, bleibe aber noch bei der Frage hängen, ob es wirklich ein Zufall ist, dass diese Verkündungen am 1. Mai in Frankfurt stattfinden. Der MTK vor mir ist inzwischen weg, ich stehe immer noch da.



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