Frankfurter Gemeine Zeitung

Theatertext #1

zuschauerraum

Dieser junge Mann dort mit dem Designerpulli, der so designed ist, dass der Laie nicht sieht, dass es sich dabei nicht um ein H&M-Modell handelt und den Träger somit nicht als mit Geld um sich werfendes Mitglied des gehobenen Apple-Bürgertums identifizieren und klassenkämpferisch böse angucken kann, andererseits der Kenner sofort erkennt, dass dieser Pulli und damit sein Träger mehr über die Welt weiß als ein H&M-Kunde – es sich also um seinesgleichen handelt, um ein Mitglied des bereits erwähnten gehobenen Apple-Bürgertums nämlich, einer von denen, die eine Wohnung im Nordend besitzen, damit die dortigen alternativ angehauchten Läden ihn darüber hinwegtäuschen, dass er sowas von überhaupt nicht alternativ ist – dieser junge Mann, der tatsächlich wahnsinnig jung aussieht und deshalb nicht immer als das erkannt wird, was er ist, nämlich ein recht erfolgreicher, sprich: gehypter, Jungregisseur, der es irgendwie geschafft hat, nicht um Aufträge bangen zu müssen. Der wahnsinnig viel verdient für einen in der brotlosen Kunstbranche und der sich eigentlich dafür schämt, zumal er nie davon überzeugt war, dass er besser ist als andere. Gerade bestellt sich dieser junge Mann, wir nennen ihn Regisseur #1, eine Bionade an der Theke der Kantine. Er ist sehr froh, dass es dort jetzt Bionade zu kaufen gibt, er hat sehr darum gebeten und sein Wunsch wurde erhört, was er als ein Beweis dafür sieht, dass Bürgerinitiativen, Petitionen und Flashmobs als Protestmittel der Zukunft durchaus eine reelle Chance haben. Er kauft deshalb auch nur Obst aus der Region, wegen dem CO2. Sein Auto ist dann doch allerdings nicht das allerkleinste, aber wie würde das denn auch aussehen! Dafür lebt er sonst sehr umweltbewusst. Wirklich. Er ist ein gutes Vorbild für die Jugend. Kinder, trinkt Bionade und rettet die Welt!

Regisseur #1 hat Prinzipien. Und an die will er sich halten. Er ist ein guter, ein aufrechter Mensch, findet er. Eines seiner Prinzipien ist der Respekt allen Menschen gegenüber und dass man nicht grundlos gemein ist. Denn jeder Mensch ist wichtig, niemand ist besser als der andere. Dieses Prinzip hat Regisseur #1 schon total lange, schon damals als er dieses Praktikum gemacht hat und die Praktikanten so schlecht behandelt wurden und er ohnehin ziemlich bestürzt war über all die Grausamkeit da draußen und anderswo.

Und jetzt? Er ist immer noch nett zu allen und behandelt alle gut und gibt auch den Bettlern einen Euro. Aber andererseits kommt da jetzt immer öfter dieser fiese kleine Gedanke, dass er einfach wahnsinnig genervt ist von Inkompetenz, von Ahnungslosigkeit, von Menschen, die einfach nicht auf seinem Level sind. Und dass sind ja meistens die Praktikanten. Keine Ahnung, worum es hier und in der Welt eigentlich geht. Wahrscheinlich liest keiner von denen die taz oder hat sich mal ernsthaft mit Globalisierung auseinander gesetzt. Und von Theater haben die erst recht keine Ahnung. Überhaupt haben erschreckend wenige Leute Ahnung vom Theater, auch von den Leuten, die hier arbeiten. Und warum soll man sich bitte mit solchen Menschen unterhalten, wenn die einem eh nichts Neues erzählen können, sondern nur so naives Zeug, wo er schon in der zehnten Klasse drüber raus war. Dafür hat er auch einfach keine Zeit, das muss man einsehen. Das ist ja schon ein ziemlich zeitaufwändiger Beruf. Wenn er da noch mit jedem reden würde, gute Nacht! Er weiß, dass diese Gedanken ungerecht und schlecht sind und mit den Prinzipien irgendwie nicht zusammenpassen. Deshalb versucht er, sich gegen diese Gedanken zu wehren und nett zu sein und den Schein von Gleichheit und Gruppenzusammenhalt auf den Proben zu wahren. Denn das war mal das Ideal. Theater als kollektiver Prozess. Dass da jetzt einfach nicht alle Leute cool genug für sind, welch ein Pech. Er merkt, dass er immer genervter wird, dass er diese Fassade wahnsinnig gerne einreißen würde. Eigentlich würde er auch echt wahnsinnig gerne ein Arschloch sein. Und ist das eigentlich auch schon. Wenn es doch bloß keiner merken würde!

Auf der anderen Seite – so schlimm ist das ja eigentlich auch nicht, wenn die anderen das merken. Denn alle Regisseure sind doch Arschlöcher oder nicht? Früher oder später würde man ihn nur belächeln, wenn er immer noch keins geworden ist. Und da er ja erfolgreich ist und man seinen Namen kennt, braucht er sich auch so gut wie nichts Gedanken zu machen. Auch kann er keinen Mangel an ihn umgarnenden Frauen vermelden. Obwohl er weiß, dass das nicht unbedingt an seiner Schönheit liegt. Man könnte es allerdings vielleicht so ausdrücken, dass seine Schönheit einfach keine klassische ist. Er sieht interessant aus, könnte man sagen. Und je erfolgreicher einer ist, desto interessanter sieht er aus. Arme verzweifelte junge Theaterkreaturen, deren Karriere gerade irgendwie feststeckt, laufen ihm massenweise hinterher. Eigentlich müsste er das verachten. Auch eins von den Prinzipien. Nicht bei Höhergestellten anbiedern. Aber mal ganz ehrlich! Wo würde er heute stehen, hätte er nicht ab und zu auch die nett angelächelt, die er nicht leiden kann? Jetzt kann er mit seinen Inszenierungen Kritik an all dem üben!! In seinem Innern ist er sich immer treu geblieben, sagt er sich. Und in diesem Innern blitzt manchmal (aber nur ganz klein und wirklich ganz ganz manchmal) der Gedanke auf, dass er eigentlich total unfähig ist, dass er die paar wirklich guten Inszenierungen nur so gut waren, wegen dem tollen Dramaturgen und das alles, was danach kam eigentlich nichts aber auch gar nichts getaugt hat. Aber die Leute klatschen immer. Das heißt, dass er sich wahrscheinlich doch irgendwie irrt bei diesem ganz manchmal auftretenden Gedanken. Er ist cool und witzig, sagt er sich dann, das kann man ja wohl nicht bestreiten. Und die Inszenierungen sind dann natürlich immer automatisch genauso cool und witzig wie er. Regisseur #1 scheint das wirklich zu glauben. Er lacht jedenfalls immer viel, wenn er sich das dann mal anschaut. Aber schon komisch, dass ihm noch nicht aufgefallen ist, dass einfach auch sonst keiner lacht.


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