Frankfurter Gemeine Zeitung

Sechs Quadratmeter Weltruhm – Die „Frankfurter Küche“ (1)

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Der Ausdruck „Frankfurter Küche“ bezeichnet nicht nur eine Ansammlung lokal-regionaler Spezialitäten, sondern auch den vielleicht wichtigsten Beitrag Frankfurts zur Architekturgeschichte der Moderne: eine der ersten Einbauküchen der Welt für Wohnungen. Entwickelt wurde sie ab Mitte der 20er Jahre von Margarete Schütte-Lihotzky, einer jungen Wiener Architektin, die von Ernst May 1926 an das städtische Siedlungs- und Hochbauamt Frankfurt berufen wurde. Der sozialdemokratische Einfluß auf die Frankfurter Stadtregierung ermöglichte in den 20er Jahren die Realisierung ehrgeiziger sozialreformerischer Wohnungsbauprojekte durch die Kommune. May war der Spiritus Rector dieser neuen Baubewegung, und gleichzeitig als Architekt im Hochbauamt für die Umsetzung der Ideen verantwortlich. Arbeitern und kleinen Angestellten sollten bezahlbare Wohnungen zur Verfügung gestellt werden, die Luft, Licht und modernen Komfort boten.

Mays Ideal war das kleine Einfamilienhaus mit Flachdach. Das von ihm konzipierte Einfamilienhaus mit Dachterasse wies eine Wohnfläche von 55 qm auf, Kleinstwohnungen in der Siedlung Praunheim umfaßten auf 41 qm einen durch Schiebetüren unterteilten Wohnraum, eine Schlafkammer und die Küche. Die extreme Platzbeschränkung wurde mit sozialen Erfordernissen (geringe Finanzkraft der Bewohner) und der großstädtischen Raumknappheit begründet.

Natürlich benötigten solche Häuser passende, platzsparende Küchen. Das gängige Modell der damaligen Wohnungen besaß eine Wohnküche, d.h. Küche und Wohnraum bildeten eine Einheit. Margarete Schütte-Lihotzky, die im „Roten Wien“ jener Jahre bei dem berühmten Adolf Loos Erfahrungen im kommunalen Wohnungsbau gesammelt hatte, entwickelte eine Küche, die vom Wohnraum getrennt, den Erfordernissen der modernen Haushaltsführung besser gerecht werden konnte. Loos hatte dem historistischen Zuckerbäcker-Wien der Jahrhundertwende in einem berühmten Diktum „Ornament ist Verbrechen“ entgegengeschleudert. Schütte-Lihotzky war wie Loos eine Anhängerin der „Neuen Sachlichkeit“ im Bauen, offen für eine kühne architektonische Formensprache und engagiert für die soziale Ausrichtung des Bauens.

Das Vorbild für die Frankfurter Küche gaben die Speisewagenküchen der Eisenbahn ab.

Nachdem wir uns für die reine Arbeitsküche mit dem Essplatz in einem daran anschliessenden Wohnzimmer entschieden hatten, betrachteten wir die Küche als eine Art Laboratorium, das jedoch, da man sich die wesentliche Zeit des Tages in ihm aufhält, auch seinen eigenen Wohnwert haben sollte. Die für die verschiedenen Küchenarbeiten benötigte Zeit wurde, wie beim Taylorsystem, nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten mit der Stoppuhr abgemessen. Die Untersuchungen führten dazu, dass wir einen länglichen, verhältnismäßig schmalen Raum konstruierten- lang um an den zwei Längsflächen möglichst viel Stellfläche für die Einrichtung zu schaffen, und schmal, damit man von der einen zu der anderen Seite möglichst keinen Schritt tuen musste.“ (Schütte Lihotzky)

Schütte-Lihotzky rechnete aus, dass eine Hausfrau in einer herkömmlichen Wohnküche für einen Arbeitsgang 19 m zurücklegen musste, in der 1,90 x 3,40 m langen „Frankfurter Küche“ jedoch nur 8 m. Die „Frankfurter Küche“ sparte also nicht nur Baukosten, sondern erleichterte den Benutzerinnen die Arbeit. Darin sah die Architektin auch ein Beitrag zur Entlastung der Frau von der mühsamen Hausarbeit. Der doppelte Nutzen überzeugte die Frankfurter Stadtversammlung derart, dass von den zwischen 1926 bis 1930 errichteten 10000 Gemeindewohnungen keine ohne „Frankfurter Küche“ gebaut werden durfte. Die Kosten für die Einrichtung der Einbauküche wurde auf die Miete angerechnet; die damaligen normalerweise erhältlichen Küchenmöbel eigneten sich nicht für den Einbau. Das bedeutete pro Wohnung eine Mieterhöhung von 2-3 Reichsmark im Monat. Ein Facharbeiter musste von seinem damaligen Monatsgehalt von 200 Reichsmark für eine kommunale Wohnung von 50-60 qm 55-60 Reichsmark, also nur ein Viertel seines Gehaltes ausgeben.


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