Frankfurter Gemeine Zeitung

Neue deutsche Manifeste

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Frankfurt bietet immer wieder echte kulturelle Impulse. Es hat nämlich für seine Leitkultur neben Martin Mosebach, Johnny Klinke und Susanne Fröhlich noch die internationale Größe Frank Schirrmacher aufzubieten. Schirrmacher zeichnet nach dem Abzug von Suhrkamp verantwortlich für die Bewertung großer Umbrüche und Mahnungen vor kampfloser Kapitulation. Als Herausgeber der FAZ kümmert er sich um unser aller Geist, die Lage unseres Kopfes quasi: FAZ und Kopf sieht Schirrmacher durch das Internet überspült. Das meint: Nihilismus droht in Deutschland, Schwundstufen der Konkurrenzfähigkeit, der Kultur, des Journalismus und Verluste für uns alle . Leser reiben sich verwundert die Augen: Vorreiter der Schwundstufen waren die FAZ wie alle anderen Holz-„Leitmedien“: Streichung der Stellen, Kürzung redaktioneller Gehalte, Zeitung als Marketinginstanz.

Der Kulturretter selbst präsentiert seine Erkenntnisse zuerst im Internet, bei einem Nerd-Unternehmen, dem US „Edge“. Er wie FAZ kämpfen eben um Umsätze im globalen Markt-Dorf, das sich harmlos „Web“ nennt. Schirrmacher bietet dabei eine post-politische Einstellung wie der deutsche Köhler: präsidial, aber den Shareholders seines Unternehmens verpflichtet, die FAZ soll als exklusiver Ort der Einsicht gelten, der Abos und Pay-Content rechtfertigt. Das Statement kam nicht überall gut an, ein „Kultur-Konservatismus“ – bellte es durchs Web – wolle die Kraft der Netze für alle  blockieren.

Deren innovativen Märkte geben keine Ruhe und deswegen spriessen weitere Manifeste. Ein Ergebnis von Schirrmachers Unternehmens-Welt wird „Kreative Klasse“ genannt, bekanntlich die einzige Klasse, die es in deutschen Städten geben darf. Sie kämpft um die Plätze nach den Praktika und meldet sich gern im Web zu Wort. Vor einem halben Jahr suchte sie dort mit einem Marketing- pardon Internet-Manifest nach geldwerter Aufmerksamkeit. Sie bittet dabei die Schirrmachers um Gehör und möchte ihre Unterzeichner auch dem großen Publikum etwas bekannter machen. Das Ganze kommt deshalb als Mischung von FDP-Programm und Müller-Milch- Werbung daher: mit der Freude über neue Möglichkeiten, die freien Öffentlichkeiten, die großen Qualitäten, dem grenzenlosen Wissen und die neuen Geschäfte mit schönen Produkten – dotcom und Co lassen grüßen, 10 Jahre danach. Wenn das Manifest Infostrom ohn Unterlass fordert entzückt das Quassel-Bohemians wie Sacha Lobo: viel Platz um pausenlos hipe News fürs Web zu vertickern.  Das Manifest deklariert sich als Lautsprecher der „Gesellschaft“: WIR und jeder einzelne darf und will. Klingt glatt und nett, eine Offenbarung: das Internet ist die Gesellschaft, Märkte nicht Monopole heißt die Losung.

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Also doch etwas wie Schirrmacher: es geht halt um Märkte. Aber gegen Schirmmacher eifernd, der die Köpfe einseifen und unseren Fortschritt bremsen will. Wie Westerwelle zu Merkel.

Das Selbstmarketing bietet aber auch irreale Gleichmacherei, wie sie in Web-Mythen gerne gepflegt wird. Die verduzten Leser sind sprachlos über die technophile Verheißung der Freiheit, die vermeintlichen Effekte des digitalen Wunderdorfes: wo steckt aber genau die Qualität der schönen neuen Welt, der Öffentlichkeit, ja der Gesellschaft? In den netten kleinen Schülertagebüchern bei Facebook, dem kostenlosen Mitproduzieren der Prosumer, der angesagten 7-Tage Woche oder einfach dem guten Tarif bei 1&1? Was bleibt wem von der schönen Show ?

Na, sind wir nicht so hart, es gibt noch eine andere Ansprache im Web-Parteienfeld, eine dritte Variante. Unsere Leser könnten glauben, das wäre unsere Fahne, weil es schon im Januar erschienen ist und die FGZ erst jetzt dazu schreibt: das „Slow Media Manifest“. Der Name ist grünes Programm und nicht das Programm der FGZ. Die Grünen nehmen Schirmmacher ernst: zu recht, aus Frankfurt kam immer ein grün-konservativer Zug.

Den Lehrerworkshop „Neue Medien“ Nordend schaudert es wohlig wenn der Consultant mahnt, dass ein Googlesearch mehr Strom verbraucht als den Tagesbedarf eines Brasilianers, der SecondLife Avatar gar mehr als dieser im ganzen Jahr. Vorsorge ist hier angesagt: Konsumenten wird bewußtes Abwägen empfohlen, wie beim Stromkauf. Es ist die grüne Verbraucherschutz-Variante des Webs, und der Vordertaunus ist auch in der Kundenansprache: Slow Media strahlen eine besondere Aura aus und setzen auf Qualität, sind nachhaltig, werden empfohlen statt beworben. Für den bewussten Creative: progressiv, diskursiv und soziales Medium. Gut für den Kopf mit Monotasking, mit Schirrmacher gesprochen. Manchmal einfach abschalten, mehr sabbatical.

Die Heils-Seite der Internet-FDP tobt dagegen: nieder mit dem Gutmenschentum und bleiben wir inkorrekt. Es lebe der Freelancer.

Der Streit ist inszeniert, denn alle möchten sie die Dorf-Kunden beraten, wollen konsultieren, brauchen Aufträge, verdealen Ads und Apps. So sind die bewegenden Verkündungen bloß Manifeste fröhlicher Verwertung und Kundenansprache, sei es mit instant pay oder als Consultant.

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Viel haben diese Arten Kreativität aber nicht zu bieten, sie fordern bloß bessere Spielzeuge in einem angeblich autonomen Techno-Universum. Das Web als bunte Marketing-Welt, die nicht nur unsere Manifestierer mit Heilsversprechen aufladen. Ich glaube, wir müssen nach gewitzteren Irritationen und sperrigen Ideen in Gesellschaft, Internet und unseren Städten suchen, als sie uns solche Manifeste verkaufen wollen. Aber das ist kein Manifest.


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