Frankfurter Gemeine Zeitung

Sechs Quadratmeter Weltruhm- Die Frankfurter Küche (2)

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Die „Frankfurter Küche“ besaß folgende Charakteristika:

 - zahlreiche Einbauschränke, teilweise mit Schubkästen aus Aluminium. Die Schubläden wurden speziell für die „Frankfurter Küche“ von einer Firma entwickelt. Mehl,    Reis etc. wurden damals gewöhnlich in Papiersäcken gelagert. Die Schubkästen hatten einen Behälter zum Schütten und einen Aluminiumsteg, so dass der Inhalt direkt in den Topf geschüttet werden konnte. Für die größeren Mehlvoräte gab es eine Schublade aus Eichenholz, deren Gerbsäure Wurmbefall verhindern sollt

-eine Dunstabzugshaube über dem Herd. Die Wohnungen der Arbeiter sollten endgültig vom traditionellen Küchenmief befreit werden.

- einen gemauerten Müll-und Besenschrank zwischen Küche und Vorzimmer. Der Küchenabfall konnte von der Küche aus, der Kehricht vom Vorzimmer aus eingeworfen werden, so dass in der Küche kein Staub entstand.

-einen Speisekasten mit Luftabzugsöffnung als Ersatz für den damals noch unerschwinglichen elektrischen Kühlschrank.

- einen Betonsockel für die Einbauschränke, damit keine Möbelfüße die Reinigung behindern. Ebenso wurde der Raum von der Möbeloberkante bis zur Decke zugemauert, um Staubentwicklung auf schwer zugänglichen Flächen zu verhindern.

- ein Teilabtropfgeschirr an der Wand, so dass das manuelle Abtrocknen entfiel. Das Spülbecken war gegenüber dem Arbeitstisch, der Abstellfläche für benutztes Geschirr und dem Abtropfbrett so angeordnet, dass die Benutzerin nie gezwungen war, mit den Händen übereinanderzugreifen.

-eine Kochkiste neben dem Herd, bestehend aus zwei Blechzylindern und Wärmeisoliermaterial. Sie schloß oben mit einer emaillierten Metallplatte ab, auf der Töpfe abgestellt werden konnten.

-eine Schiebetür zum Vorraum hin, die meist geöffnet bleiben sollte zur Beaufsichtigung der Kinder etc.

-eine Schiebelampe an der Decke, die mittels eines Bügels hin-und hergeschoben werden konnte. Derart ließ sich der schmale Raum optimal ausleuchten.

-ein an der Wand befestigtes Bügelbrett, das auf den Rand der Spüle aufgelegt werden konnte.

-einen Drehhocker, höhenverstellbar.

Das charakteristische, romantische Blau, in dem die Holzteile der Frankfurter Küche gestrichen waren, verdankte sich der Erkenntnis von Wissenschaftler der Universität Frankfurt, nach der Fliegen sich nicht auf blaue Flächen setzen. Derart hoffte Schütte-Lihotzky die „unappetitlichen Klebestreifen“ in der Küche überflüssig zu machen.

 Die Frankfurter reagierten auf die schmucklosen neuen Siedlungen wie auf Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche zunächst recht reserviert. Mit Vorträgen und Führungen suchte man Abhilfe zu schaffen; die Architektin hielt zahlreiche Vorträge in den Hausfrauenvereinen; im Rathaus wurde eine Musterküche ausgestellt. Schütte-Lihotzky drängte die Frauenvereine dazu, sich ein Mitspracherecht in den städtischen Baukomissionen zu erkämpfen. Das Frankfurter Hochbauamt stellte 1927 im Anschluß an die Frühjahrsmesse die Frankfurter Küche der Weltöffentlichkeit vor. Der französische Arbeitsminister Loucheur war begeistert; sein Wohnungsbauprogramm sah den Einbau der Küche in 260000 Wohnungen vor.

Doch die politische Großwetterlage in Europa änderte sich allmählich. Der weitere Lebensweg der Architektin liest sich wie ein politischer Thriller. 1930 wird sie durch die Sowjetregierung nach Moskau berufen. Dort ist sie bis 1937 Spezialistin für die Errichtung von Kinderanstalten; sie entwirft Freiluftklassen für Schulkinder, Kinderkrippen etc. 1937 und 38 arbeitet sie an Kindergärten und Kinderpräventionen in Frankreich, danach auf Einladung der türkischen Regierung am Bau von Landschulen in Anatolien. 1940 geht sie nach Wien zurück und tritt einer kommunistischen Widerstandsorganisation bei, die rasch von der Gestapo aufgedeckt wird und deren einzige Überlebende sie sein wird. Noch im gleichen Jahr verurteilt sie das Berliner Volksgericht zu fünfzehn Jahren Zuchthaus. 1945 wird sie aus dem Zuchthaus Aibach in Bayern befreit, aber sie bekommt als Mitglied der kommunistischen Partei nur noch wenige öffentlichen Aufträge in Österreich. „In fünfundzwanzig Jahren durfte ich nur zwei Kindergärten bauen“, bemerkte die Architektin -ein wenig übertreibend- später. 1962 wird sie Expertin für Städtebau der UNO. Sie beschäftigt sich mit der Architektur in China und Kuba. 1980 erhält sie den Preis der Stadt Wien für Architektur; das ihr 1988 verliehene Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst lehnt die streitbare alte Dame ab, da es von Kurt Waldheim verliehen wurde.

Ein Jahr später wird ihr der Erste Preis der IKEA-Stiftung (!) in Amsterdam verliehen, dafür dass sie mit ihrer Architektur „der Mehrheit der Bevölkerung ein besseres tägliches Leben“ ermöglicht habe. 1990 wird die „Frankfurter Küche“ im Maßstab von 1:1 vom österreichischen Museum für angewendete Kunst nachgebaut und ausgestellt

Die 94-jährige Architektin entwickelt 1991, auf die Zukunft vertrauend wie eh und je, Wohnbauprojekte für die EXPO 1995 in Wien.

 Trotz Ihres radikalen politischen Engagements war Schütte-Lihotzky immer eine Realpolitikerin des Bauens. Sie ging in ihren Entwürfen davon aus, dass die Kleinen Leute letztlich für immer in kleinen Wohnungen leben werden.

Wenn Sie selbst nach dem Krieg auch geringe Arbeitsmöglichkeiten erhielt, ihr Entwurf kehrte in den fünfziger Jahren aus den USA und Schweden in Form der modernen Einbauküche nach Deutschland zurück und eroberte die deutschen Haushalte; ebensolchen Erfolg hatten die Einfamilienhäuser in Fertigbauweise. Allerdings fehlte den standardisierten Nachahmungen der radikale ästhetische Wille des revolutionären Originals.

Fest steht: Mit der „Frankfurter Küche“ verbindet sich ein Anteil Frankfurts am modernen Kulturerbe.


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