Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Kunst der Straße

Fünffingerkunst-1

Die fest montierten, grünen Metallstühle auf dem Bornheimer Fünffingerplätzchen sind in der Regel von Männern unbestimmten Alters belegt, die alkoholische Getränke aus dem nahegelegenen Discountmarkt konsumieren. Eindeutige Hinterlassenschaften zeugen von diesem Tun; leere Flaschen, Chipstüten, Zigarettenschachteln liegen verstreut auf dem Pflaster und den Stühlen. Das ist nicht schön, aber normal. An anderen Plätzen in anderen Orten ist das ebenso.

So war es auch am letzten Samstagabend. Herr K. und ich hatten im Irish Pub das Pokalfinale gesehen und kamen auf dem Weg ins Klabunt am Fünffingerplätzchen vorbei. Es war kalt wie im Mai und zwei Männer saßen nebeneinander auf den Stühlen, jeder eine Dose Bier in der Hand. Alles wie immer also. Und doch war es ganz anders als sonst.

Ein Teppich von IKEA – ich habe den gleichen – lag auf dem Pflaster ausgebreitet, darauf verteilt allerlei Unrat. Alles wirkte arrangiert. Das war kein Zufall, das war gewollt, das war Kunst. Ich fragte die Männer, wer das gemacht hätte.

Das war ich, sagte der, der links saß. Der andere schwieg.

Fünffingerkunst-2

Ob ich die Installation fotografieren und eventuell im Internet veröffentlichen dürfe, war meine nächste Frage. Der Mann war einverstanden und sichtlich erfreut über die Aufmerksamkeit. Es hätte schon jemand anderes Fotos gemacht.

Den Teppich hätte er gefunden, ebenso das Brot, die gut erhaltenen Damenschuhe und die neuwertigen, weißen Turnschuhe. Es fanden sich ferner einige ortsübliche Dinge auf dem Teppich, leere Flaschen, Zigarettenschachteln und Werbebroschüren.

Ich war begeistert von der unerwarteten Kreativität an diesem Ort des Alkohols und des Mülls und knipste aus allen Perspektiven. Der Künstler legte Wert darauf, dass ich unbedingt die schwarzen Damenschuhe fotografieren solle, sie seien doch so schön. Herr K. machte den Eindruck, als hielte er mich für nicht ganz dicht.

Als ich meine Fotos gemacht hatte, verriet mir der Künstler noch seinen Namen und seine Adresse. Er hätte auch eine Website, wisse aber nicht mehr, wie sie heißt. Bevor ich mich verabschiedete, fragte ich noch, ob ich etwas spenden dürfe. Ich durfte und kramte mein Kleingeld zusammen, es müssen 4 bis 5 Euro gewesen sein. Für die Kunst sagte ich, als ich ihm das Geld in die Hand drückte. Hans-Peter Kreis, so sein Name, freute und bedankte sich. Später dachte ich, ich hätte ihm auch ruhig zehn Euro spenden können.

Im Klabunt nervte ich Herrn K. mit meinen Fotos und meiner Euphorie.

Auf dem Nachhauseweg kam ich wieder am Platz vorbei. Die Männer waren weg, die Kunst noch da. Noch in der Nacht suchte ich das Internet nach Hans-Peter Kreis ab, konnte ihn aber leider nicht finden. Eine Website schon gar nicht.

Am nächsten Tag war das Werk allerdings schon sehr verändert. Die Schuhe fehlten, was verständlich war. Das Brot war noch da, nur zwei Tauben machten sich daran zu schaffen. Sie trippelten respektvoll vom Teppich, als ich mich näherte um zu fotografieren.

Einen weiteren Tag später erinnerte nur mehr der Teppich an das Werk. Er lag zusammengefaltet unter einem Mülleimer. Auf dem Platz saßen wieder Männer und tranken Bier. Alles war wie immer.

Fünffingerkunst-3


Flugbegleitung

flugzeug

Als ich zehn Jahre alt war,
sah ich meine Eltern an
und ich dachte: Ich möchte eines Tages
Jemand anderen kennenlernen.
Warum nicht?
Warum nicht?

Als ich zwanzig Jahre alt war,
sah ich meine Freundin an
und ich dachte: Ich möchte eines Tages
Jemand anderen kennenlernen.
Warum nicht?
Warum nicht?

Als ich dreißig Jahre alt war
Sah ich mich im Spiegel an,
Und ich dachte: ich möchte eines Tages
jemand anderen kennenlernen.
Warum nicht?
Warum nicht?

Manche wissen wie man findet
Manche wissen wie man sucht
Ich habe das noch nie versucht
hab einen Flug ins Nichts gebucht.

Ich werde Dir hier niemals begegnen
Ich werde Dir hier irgendwann begegnen
und werde niemals wissen
Dass Du es bist,
dass Du es bist.

Du wirst mir hier niemals begegnen
Du wirst mir hier irgendwann begegnen
und niemals wissen,
dass ich es hätte sein können
für Dich

Der Koffer, den ich aufgegeben habe
wurde nicht gefunden
Das Flugzeug stürzte ab
So viele Jahre nach dem Start.

„Alle wurden gerettet,
Kein Grund sich aufzuregen, Mister
Nur Ihr Koffer ist verschwunden
Was war in diesem Koffer, Mister?

Niemand kann sich erinnern
Und die Maschinen unserer Linie
stürzen ständig ab.
Kein Grund sich aufzuregen, Mister.

Keine weiß wieso
Es war schon immer so
Es ist nicht unsere Schuld, Mister
Es ist nicht Ihre Schuld, Mister.

Perfekte Piloten bedienen die Maschinen
Unsere Stewardessen sind schön
Unsere Stewardessen essen nichts
Unsere Piloten vergessen nichts

Nehmen Sie einen anderen Koffer
Wir haben hier genug, genug
Lernen Sie jemand anderen kennen,
Es gibt hier genug, genug.

Die Crew und das Bodenpersonal,
wir alle vertrauen darauf,
Sie fliegen auch das nächste Mal
wieder mit uns, Mister.“

Ich werde Dir vielleicht niemals begegnen,
Ich werde Dir irgendwann begegnen
und werde niemals wissen
Dass Du es warst
Dass Du es warst.

Du wirst mir irgendwann begegnen
und niemals wissen,
dass ich es war
dass ich es war.

Warum nicht?

(Dieser Text ist eine längere Version eines Songs, den ich für das Kabarettprogramm “Heute schon gesucht?” von Anton Le Goff alias Maja Wolff geschrieben habe)


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