Frankfurter Gemeine Zeitung

Eine Woche Frankfurt-Branding

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Die letzte Woche war geprägt von Ereignissen, die Meinungsführer der Rhein-Main Region in Entzücken versetzten. Nach einer kleinen Verzögerung kam für unsere EZB im Ostend endlich der Spatenstich; dann landete der erste Airbus A380, den die Lufthansa bestellt hatte und doch wirklich aus „Frankfurt“ getauft wurde; schließlich war es uns gelungen, der Berlinern oder Hamburgern oder beiden den „Kreativ-Gipfel“ des Art Directors Club abzuluchsen. Die anderen wollten ihn wohl nicht mehr. Eine große Woche und eine Folge von Geschehnissen, die ein Schlaglicht auf die Situationen von Großstädten und die verschiedenen Risse durch sie wirft.
Natürlich wissen auch wir Frankfurter, dass Frankfurt beileibe keine „Metropole“ ist, sondern eher ein Städtchen zwischen ein paar wichtigen Autobahnen an einem bekannten Flughafen. Ein paar Probleme teilt sie aber mit Metropolen. Besonders die von „Globalisierung“. Sie wird uns zuerst als RheinMain Airport, dann als Börsenplatz und schließlich als Durchzugsort für Dienstleister greifbar. Womit wir wieder bei der letzten Woche wären.
Flüchtigkeit und Besetzung, der Zug zum anderen Ort und die Filiale sind Eigenschaften mit denen eine Stadt wie Frankfurt kämpfen muß, zumindest aus der Globalisierungsperspektive. Dabei steht es nicht allein, denn die anderen, die Konkurrenten suchen auch nach Residenten, die ihre Städte nicht nur kurz durchstreifen, sondern eine Zeit lang verweilen. Um die Sache den potentiellen Stadtkunden schmackhaft zu machen, bauen die Städte an einem eigenen „Brand“. Sie möchten gerne wiedererkennbar sein, einen eigenen Flair haben, gute Arbeitsbedingungen liefern, viele Kontakte ermöglichen, etwas Einzigartiges darstellen. Eine Stadt wird dann zum Magneten, wenn sie diese Marke wirkungsvoller als andere verkauft. Dann kommen viele der gesuchten Internationals, mieten und bauen, möchten Infrastruktur und Arbeitskräfte, helfen die Stadt zu gestalten.
Wie aber macht man das bei einer Stadt, die dadurch bekannt ist, das man von ihr schnell weit weg kommt. Eine Stadt, von der man nicht weit fahren muß, um in einer schönen Gegend zu sein. Die ihre Selbstdarstellung fast nur mit gesichtslosen Bankfassaden drapieren kann.
Gut ist es für den Brand, wenn in der Stadt ein Eigenleben, eine Melange entsteht, die sie besonders macht und den Humus für all die Bedingungen liefert, die Internationals anzieht. Damit kommt auch die besondere Potenz dieser Stadt, ihre „Kreativität“. Die Kreativität soll gleich mehrere Effekte haben: in einer Gesellschaft, die zunehmend Symbolarbeiter braucht, die genügend Qualifizierten bereitzustellen. Frankfurt soll durch seine innere kreative Eigenschaft diese Symbolarbeiter besonders anziehen, spannend für sie machen. Das soll ein Dampfkessel werden, aus dem geschäftsfähige Ideen entstehen. Die Geschäfte kommen dann auch, gerne wieder mit den Internationals, die Mietleerstände beseitigen, Jobs bieten… Das ganze baut Flair und Kultur, die über das Geschäft hinaus den Lebenswert erhöht. Und in der Folge die Preise, wenn man dort hinziehen möchte.
Leider führen die Internationals auch dazu, dass sie den Ort gesichtslos machen, die Fassaden, die Filialen, die Werbeflächen, die Siedlungen, die Geschäftsdistrikte. Duplikate von Osnabrück bis Passau. Das zieht die Kreativität dann nicht so an und sie zieht wieder weg. Und das ist schlecht fürs Branding.
Die Internationals zeigen aber noch mehr Seiten der Stadt auf, die sich hinter EZB, Fraport und Messe verbergen und nur in wenigen Beispielen die medial inszenierte Öffentlichkeit erreichen.

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Schon größere Städte als Frankfurt durchziehen neue Spaltungen, die sich an den Beispielen der Internationals und der Kreativität zeigen. Die Internationals, seien es Banken, Logistikdienstleiter oder Medienkonzerne sind Auftraggeber, oft feudale Herrscher über die Symbolarbeiter. Eine vielstufige Hierarchie z. B. hinter dem „art director“ Bild: von der Nonchalance des Budgethalters bis zum Pauschalpreis für den Designer im 20qm Appartement. Die Angestellten der Internationals stehen den Selbständigen gegenüber, manchmal eher neidisch wie bei den flüchtigen IT-Professionals mit hohen Tagessätzen, mal im guten Sessel wie gegenüber den Installateuren im Flur, die den Preis noch mal senken mussten. Massen an billigen Hilfskräften und Randständige stehen den High Professionals gegenüber.
Risse setzen sich im Bewohnen in der Stadt und um sie herum fort: Bewohner stehen Vermietern gegenüber, die Billigwohner gegenüber Residents unterscheiden. Anwohner haben eine andere Perspektive als Durchreisende. Der Stadtkern erträgt das Hereinschwappen aus den Speckgürteln. Die einen ertragen das Stadtbranding, die Events, die anderen nehmen sie als bezahlte Leistung.
Wahrgenommen werden potente Kunden auf allen Ebenen: sie mieten die Häuser für ihre Trainees und Gäste, für Filialen und Büros. Filialist, Vermieter und Kunde bestimmen das Zentrum der Stadt, der Rest geht ins deren Bühnenbild ein.
Frankfurt betreibt das Filialisten- und Kunden-Branding in Reinkultur und ist an der Spitze von Symbolpolitik: der Spatenstich für eine EZB, die Taufe für ein Flugzeug namens „Frankfurt“. Beide haben keinerlei Bindung an Frankfurt, geben aber schöne Namen und bieten gute Rendite. Nachdem das „ADC Festival“ aus Hamburg und Berlin abzog, kam es nach Frankfurt, bejubelt von der Lokalpresse („Creative Clash“).
Tatsächlich ist mehr Einfallsreichtum verlangt, aber nicht bloß die einer „Kreativbrache“. Den entsprechenden Grad von Eindimensionalität zeigt eine Frankfurter Oberbürgermeisterin, die sich tatsächlich nicht entblödete zu schreiben, dass damit die kreativsten Köpfe Deutschlands kämen. Eine Borniertheit sondersgleichen. Die Kreativität Frankfurts kommt nicht aus prämierter Obi-Werbung und „Geiz ist geil“, auch nicht mit der Verteilung von 421 Preisen an viele arme Artdirectors. Eher die Anspannung in den Rissen machts.

ADC-Example

Die Frankfurter Blätter betreiben das Symbolbranding aktiv mit, um ihr Plätzchen hier zu finden – und ein paar neue Marketingaufträge zu akquirieren. Der Lokalteil der FR scheint mir dabei eine besonders traurige Rolle zu spielen – passend: “Frankfurts Kreative im Schatten der Banken”. Wenn wundert es, dass die Freude über solche Events wie das “ADC Festival” gerade bei Frankfurter Immobilienerben und Nachtclubbetreibern besonders groß ist. Es ist aber ein Irrtum, allein so auf Internationals zu bauen, das hilft vorzugsweise nur wenigen, denen aber besonders viel. Frankfurt benötigt echte Lokalität, eine Polis, die sich diesen Dingen stellt und nicht nur der Filiale und dem Immobiliengeschäft die Wortführerschaft einräumt.


Ein Kommentar zu “Eine Woche Frankfurt-Branding”

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