Frankfurter Gemeine Zeitung

One night in Lena

Lena

Hurra wir haben gewonnen! Wir sind Sieger, dank Lena! Wer könnte angesichts eines solchen Triumphes nicht in patriotische Verzückung geraten? Patriotl Overkill sozusagen!

Bereits eine Woche vor unserem Sieg beim Eurovision-Song-Contest, fragte der Stern in einem Interview mit dem verletzten Michael Ballack: „Sind wir Deutschen zum Siegen verdammt?“

Zwei verlorene Weltkriege müssten uns doch eigentlich das Gegenteil bewiesen haben. Dies will aber die Mehrheit meiner Landsleute scheinbar nicht wahrhaben. Wenn es einen Fluch gibt, der auf den Deutschen lastet, dann ist es nicht das Siegen, sondern das krampfhafte Siegenwollen.

So erstaunt es auch nicht, dass eine grenzdebile Veranstaltung wie der Eurovision-Song-Contest hierzulande so bierernst genommen wird, als ginge es um ein Rückspiel für Stalingrad. Der Volksempfänger wird jedenfalls in nächster Zeit auf „Satellite“-Empfang geschaltet sein.

Dass die Israelis es gewagt haben, unserer Bundes-Lena nicht die angemessene Punktzahl zukommen zu lassen, wurde in vielen Internetforen und auf Twitter zum Anlass für die irrsinnigsten antisemitischen Hasstiraden, so als ob Musik nicht Geschmackssache, sondern ein Politikum sei.

Wenn es so etwas wie eine „deutsche Volksseele“ gibt, dann gehört sie dringend auf die Couch eines verständnisvollen Psychologen oder sollte vielleicht wenigstens einmal bei Domian anrufen.

In der Vergangenheit des Contests, der früher noch Grand-Prix hieß, wurde dies von den anderen europäischen Ländern meist erkannt und die deutschen Beiträge regelmäßig mit schlechten Platzierungen abgestraft. Nur vereinzelt konnten deutsche Künstler einen ersten Platz erringen.

Woher aber kommt diese Begeisterung für Lena? Und warum wird diese auch von unseren europäischen Nachbarn mitgetragen?

Darüber habe ich mir Gedanken gemacht und bin zu einem Ergebnis gekommen:

Man kann sie einfach nicht hassen! Selbst ich, als bekennender und überzeugter Miesmacher, als jemand, der bei Bullys „Schuh des Manitu“ nicht ein einziges Mal gelacht hat, finde an ihr verdammt wenig Angriffsfläche.

Sie ist ein zu stimmiges Gesamtkunstwerk aus einem unglaublich süßen Lächeln, einem bescheuerten, typisch deutschen, Namen und linkischen, backfischhaften Bewegungen, die auf eine eigentümliche Art doch anziehend wirken. Manchmal scheint es, als würde sie, wie viele Mädchen ihres Alters, ihren Po zu dick finden und sich deshalb fürchterlich wundern, warum sie von einer ganzen Nation begehrt wird.

Da passt sogar ihr fragwürdiges Englisch und die Tatsache ins Bild, dass sie auf der Bühne oft so verloren aussieht, als wüsste sie gar nicht, wer sie da gerade hingestellt hat.

Sie wirkt einfach unverbraucht und unschuldig.

Da Unschuld im Pop-Business so ein seltenes Gut ist, löst sie jedes Mal einen regelrechten Hype aus, der auch bei Miley Cyrus oder dem aberwitzigen Rummel um die angebliche Jungfräulichkeit von Britney Spears  der Anfang der 00er-Jahre für beachtliche Verkaufserfolge gesorgt hat.

Daher gehört es auch zur PR-Strategie von Lenas Management möglichst keine Details über ihr tatsächliches Liebesleben preiszugeben. Denn sollte irgendwann einmal ein Skandalvideo von ihr auftauchen, sozusagen „One night in Lena“, wäre es mit dem Hype recht schnell vorbei. Auf der „Süß-und-Unschuldig-Welle“ muss eine Künstlerin erst einmal eine Weile reiten, bevor es langweilig wird und sie zur Skandalnudel mutieren darf. Sonst würde sich das Publikum verarscht fühlen. Darum wurde die Tatsache, dass sie einmal „oben-ohne“ bei RTL zu sehen war, durchaus kontrovers diskutiert im Sinne von „darf unsere Lena so was denn?“.

Was aber passiert wenn eine junge Künstlerin in die Mühlen einer menschenverschleißenden und -verachtenden Industrie gerät, sieht man am Schicksal von Britney Spears.

Und was bleibt musikalisch von der ganzen Lenamanie? Ein Musikstück namens „Satellite“, ohrgängig und leichtverdaulich wie Altenheimkost.

Und irgendwie hat man das Gefühl, dass das alles erstens schon mal da war und auch keinen Meter authentisch ist.

Wer aber einmal Lena in gut hören möchte, dem sei die Musik der britischen Künstlerin Little Boots angeraten.

Diese könnte man ohne Übertreibung als „Lena Plus“ bezeichnen.

Zumindest am Anfang ihrer Solo-Karriere strahlte sie die gleiche Unschuld, die gleiche ehrliche Freude und auch die gleiche Verletzlichkeit aus, wie Lena.

Hinzu kommt, dass Little Boots deutlich besser singen kann, mehrere Instrumente, darunter auch das exotische „TenoriOn“ von Yamaha, perfekt beherrscht und, im Gegensatz zu Lena, einen echten britischen Akzent hat.

Wir dürfen gespannt sein, wann Lena ihre ersten popbusinessbedingten Verschleißerscheinungen zeigt. Obwohl, eigentlich nicht.

Der weltweite Pop-Kommerz wird, wenn Lena abgenutzt ist, schon ein neues naives Ding finden, das man als sprichwörtliche Sau durchs globale Dorf treiben kann.

Schließlich wachsen die ja immer wieder nach…

 


9 Kommentare zu “One night in Lena”

  1. Christian Dombrowski

    Florian, Deine Selbstcharakterisierung als „bekennender und überzeugter Miesmacher, als jemand, der bei Bullys ‚Schuh des Manitu’ nicht ein einziges Mal gelacht hat“ verdient es, an dieser Stelle noch einmal gebührend hervorgehoben zu werden.

  2. Fuxel

    Und ganz nebenbei muss man sich die Gesamtperformance mal anschauen… Ich als bekennende TV-Anschlusslose hab mir das “Gewinnerlied” nach dem Sieg angehört und dachte mir “was soll das denn, wie konnte das denn gewinnen???”. Da ich gern verstehen wollte, hab ich mir danach den kompletten Eurovision Song Contest 2010 angetan. Doch, doch, komplett (gibt bei den öffentl. rechtlichen in der Mediathek zu immer immer wieder guckn). Nach einer 3/4 Std und ca. 15 Songs haben mir die Ohren geblutet und ich habe angefangen zu verstehen. Und nachdem alle Länder fertig waren, haben meine Ohren geweint und ich hatte wirklich verstanden…

  3. Trinker

    Ich fand besonders den Jubel-Kommentar des Ex-Linken Harry Nutt in der FR bemerkenswert. Er hat schon ein Sommermärchen kommen sehen. Vermutlich hofft er auf noch mehr Patriotismus der Deutschen Jugend.
    Meit Gott, diese Frankfurter Holzmedien !?!?

  4. Christian Dombrowski

    Sommermärchen sind etwas Schönes. Und der Beitrag von Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau (http://www.fr-online.de/in_und_ausland/panorama/spezial_eurovision_song_contest/2701064_Eurovision-Song-Contest-Professionell-abgezockt-zum-Knuddeln.html) sagt in puncto „Patriotismus“ sogar exakt das GEGENTEIL aus von dem, was Du in ihn hineinvermuten möchtest, Trinker. Verdammte Axt! Warum denn so traurig-verbiestert? Warum das Schwerelose so schwer nehmen?!

  5. Trinker

    Na, lesen wir doch mal bei Nutt: “Ein Hauch von Sommermärchen geht um, seit Lena Meyer-Landrut Samstagnacht beinahe im europäischen Punktemeer versank und den liebgewonnenen Mythos deutscher Chancenlosigkeit torpedierte”
    Patriotismus kann Stilwandel unterliegen, genau: nicht immer Fahnen, die haben wir dann in ein paar Tagen, bzw. die Autos rund um Frankfurt sind schon gut beflaggt. Sehe das eher als “Käuferevent”.
    Nebenbei: mir ist unbekannt, dass diese Unternehmen europäischer Fernsehsender je “schwerelos” war. Blei ist in Umlaufbahnen auch “schwerelos”.
    Aber: so wichtig ist das wirklich nicht, besonders jetzt, wo wir KÖHLER verloren haben.

  6. Christian Dombrowski

    Hey, Trinker, ich hatte ja bereits bemerkt, dass Sommermärchen etwas Schönes sind. Wer würde auch etwas gegen Sommermärchen einzuwenden haben? Was ich merkwürdig finde, ist ein anderer Punkt: Wie Du nämlich aus Nutts Artikel (keinesfalls ein „Jubel-Kommentar“, wie Du schreibst) die Vermutung abziehst, dem Autor könne an „noch mehr Patriotismus der deutschen Jugend“ gelegen sein. Schau mal, da steht genau das Gegenteil! Da steht: „Für das Wogen nationaler Gefühle ist beim einstmals biederen Liederwettbewerb zu viel Trash in der Kulisse, der reinen Überlegenheitsstolz schon im Ansatz unterbindet.“ Oder: „Die Fahne, die Lena am Ende in der Hand hielt, war eher eine Belastung als ein Zeichen des Triumphes.“ Und anderes dieser Art. http://www.fr-online.de/in_und_ausland/panorama/spezial_eurovision_song_contest/2701064_Eurovision-Song-Contest-Professionell-abgezockt-zum-Knuddeln.html
    Auch Deine Bemerkung, dass „Blei in Umlaufbahnen schwerelos“ sei, ist ordentlich gaga. Zumindest angesichts eines Unterhaltungswettbewerbs, bei dem Liedchen gesungen werden. Du widersprichst Dir auch gleich selbst, wenn Du in einem rapiden Themensprung den Wechsel im Bundespräsidialamt zu Recht als das wesentlich wichtigere Geschehen dagegen hältst. Was ist los? Mensch, freu Dich doch einfach mit über das schwerelos überraschende Ereignis „Lena“!

  7. Trinker

    Na Christian, man wird doch als so gewitzter Schreiber wie du die Geste eines Artikels verstehen, auch die von Nutt. Besonders wenn man das Blatt (Holzausgabe) kennt und solche Texte einodernen kann. Natürlich brauchen wir heute (meistens) keine fahnenschwingenden “patriotischen” Bauarbeiter mehr. Die lesen das auchnicht.
    Wenn dich aber das “schwerelos überraschende Ereignis Lena” so entzückt, möchte ich dir das nicht nehmen (kann ich auch nicht).
    Mit der Schwerelosigkeit der Sendeanstalten tue ich mich noch etwas schwerer. Dazu waren einfach die Krisensitzungen, Projektplanungen und schweren öffentlichen Diskurse über die Beseitigung deutscher Chancenlosigkeit viele Monate vorher zu bodenhaftend.
    Aber ich bin jetzt auch schon bei der schwerelosen Ursula. (vdL) Oder so. Gibts dann in mehr Wiederholungen.

  8. gaukler

    Raab hat es als “nationale Aufgabe” verstanden, mit Leichtigkeit.

  9. hnvxmh

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