Frankfurter Gemeine Zeitung

Unsere Zeitungs-Provinz?

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(Foto: Frankfurter Rundschau)

Ein Abo für eine Tageszeitung ist nicht jedermans Sache, auch meine nicht. Manchmal lese ich sie aber trotzdem, wegen der Neugier und den Stimmungen in den Cafes. In Frankfurt sind wir ja gesegnet, gleich 3 buhlen um uns. Die FAZ ist die mit der neokonservativen Vorderseite und der kulturell ambitionierten Rückseite, die FR versucht sich als hippes Blättchen, das den linksliberalen Touch retten möchte und die FNP leistet Dienst für Frankfurter Rentner und das Weltwissen des Umlands. Alle klagen, “Zeitungsniedergang”, böses Web, Ende des Qualitätsjournalismus.

Wenn ich diese Woche die FR wahrnehme, kommt nicht wirklich Trauer auf, der Qualitätsjournalismus gibt sich ermattet. An ihrer Präsentation lässt sich gegenwärtig eine traditionelle Medienöffentlichkeit wahrnehmen, die zwischen Dauer-Marketing, Soap und Stillstellung springt. Sie baut damit am Umbau unserer Gesellschaften mit, der zuweilen “Postdemokratie” oder “Neo-Feudalisms” genannt wird. Die Rahmengebung der Frankfurter Rundschau diese Woche kann die Postdemokratie gut darstellen, mit Marketing und Soap einerseits und mit Stillstellung andererseits.

Die Soap-Rolle spielt ihre Organisierung unserer Aufmerksamkeit, besonders mit den Deckblättern und den ersten Seiten des Blatts. Bei der FR setzt man vorderseitig auf eine Art “Bildschirmmodus”, das bedeutet viel Bild und ein paar Fenster mit Textschnippseln drum herum. Infotainment heißt das Format gewöhnlich bei den beweglichen Bildern.

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Montags bot sich ein aufregender Wochenbeginn: wir haben die Europameisterin, großes Bild mit winkender “Lena”, der unverzichtbare Qualitätsjournalismus widmet dem Ereignis seine Seiten 1 – 4 komplett: dem “Wunder”, “Orkan” und “Supercoach”, Europas Abstimmungsverhalten zu eben diesem deutschen Wunder und über das Glück beim Public Viewing dabei. Der Kommentar im Blatt entdeckt darin gar Krisenrettung mit europäischer Solidarität und junger Freiheit: die kommt schlicht mit Mastercard und Easyjet. Alle umarmen sich bei Starbucks.

Am Mittwoch ist vorne all das vergessen, unser neuer Oberrepräsentant wird jetzt gesucht: Aufmerksamkeit möchte diesmal eine witzige Anzeige bewirken. “Reisefreudig” soll die künftige Bundespräsidentin sein. Die Rückseite bietet den Kontrapunkt: Cinemamarketing für eine coole Punk-Rächerin (“Film startet diese Woche”). Drinnen stellt die Einlage “Frankfurt” wieder Anschluß an den Montag her: deren Vorderseite zeigt uns den “Herzschlag am Roßmarkt”, begeisterte Mädchen mit passenden Fähnchen, große Ankündigung für das Public Viewing bei der WM in Frankfurts Innenstadt – 3 Eventlocations, wochenlang, Sommermärchen. Rückseite: Lena-2 heißt Jennifer, kommt aus dem Rheingau, war beim Public Viewing und hat beim Sieg mitgefeiert. Aber nicht gewonnen, Winner takes it all.

Der Qualitätsjournalismus hat am Mittwoch auf seiner ersten Seite leider keinen Platz für ein anderes Ereignis, den staatlichen Militärangriff im Mittelmeer. Erst auf Seite 8 kommts zur Sprache. Es interessiert uns für die Postdemokratie nicht Israel oder der Nahostkonflikt, sondern einzig der Sachverhalt, dass eine übermächtige westliche Militärmacht ein zivilgesellschaftlich getragenes Schiff angreift und dabei eine Reihe Demonstranten niederkartätscht – mit vielen Toten und Verletzten. Solche Massaker gab es vereinzelt im Westen nach dem 2. Welkrieg, etwa der “Bloody Sunday” in Nordirland 1972. Sicher ist das aktuelle Ereignis aber eines der Bemerkenswertesten seit einem halben Jahrhundert, aus verschiedenen Gründen. Gewöhnlich schreien solche unerhörten Ereignisse nach Diskussion und Aufklärung der direkten Umstände, nach bohrender Recherche, und genau darauf beruft die westliche Medienwelt ihre Legitimation.

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Die führende deutsche Medienwelt betreibt in diesem Fall aber postdemokratische Stillstellung in 2 Varianten, die fließende Übergänge zueinander haben. Die erste ist die “liberale” Variante, bei der  Ausschließung wichtig ist. Von “Vorfall” ist die Rede, “angeblich”, “ungeklärte Umstände” etc. Auch ein Blatt wie die FR verweigert auf diese Art Fragen nach Zivilcourage, nach den Bedingungen eines Angriffs, den Rechtfertigungsmustern in der Geschichte früherer Erschießungen bei Demonstrationen. Sie arbeitet nicht daran, sondern plappert mit.  Bei 700 Zeugen, Fotohandys und allem was unsere mediengesättigte Welt so hat verblüfft, ja ärgert das.

Die militärisch Ermordeten kommen so kaum als “unschuldig” ins Bild. Zum Status der teilnehmenden Abgeordneten und anderer aus unserer Zivilgesellschaft wird geschwiegen. Sie gehören eh zu den unangenehmen Kellerkindern weit weg von der Mitte, etwa zur Partei Die Linke. Selbst ein Blatt wie der “Freitag” verzichtet auf die Reflexion solcher Bedingungen und veröffentlicht allein das Statement eines angesehenen israelischen Kritikers.

Zu eher feudalkapitalistischen Bedingungen gehört die 2. Variante der Stillstellung, die ich die “chinesische Option” nenne: rund um unsere Hetzpresse wird die Stimmung verbreitet, dass die Terroristen es nicht anders verdient haben, dass sie provozieren und Gewalt anwenden. Kurz: wer sich widersetzt wird erschossen. Nicht viel anders arbeitete das chinesische Regime bei der Wiederherstellung der Ordnung 1989, genau heute vor 21 Jahren. Keine internationale Untersuchung konnte die Zahl der Massakrierten je feststellen.

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Diese Disposition offenbart ein verstecktes Gewaltpotential unserer Mittelstandsgesellschaft, die sich im Störungsfall – und sei er auch nur symbolisch – ohne viel Federlesens als militärische Gewalt ausagieren möchte. High-Tech Soldaten sind Opfer, Zivile sind Täter. Wir sind schußbereit, wenn man uns blöd kommt.

Unsere “liberalen” Medien scheren sich darum kaum, bohren nicht nach, kürzen ab. Die Stillstellung ist keine Ausnahme. Beim Lesen in unseren Cafes nehmen wir nur in bestimmten, immer engeren Schablonen wahr. Die Medien bieten eine besondere Perspektive der Stadt und ihrer globalen Verbindungen, unter Marketing, Soap und Stillstellung. Sie nenne ich provinziell.


Noi noi noi – verschdaaschd mi nedderd? Teil 1

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Ich habe es ja selbst so gewollt oder vielleicht mich auch wollen lassen, wie auch immer – ich sitze jetzt „ebbelwoi“ – vermissend im Schwabenland und wundere mich täglich.

Eigentlich dachte ich immer, dass die Sachsen aufgrund ihres Dialektes schlecht zu verstehen sind – doch weit gefehlt – es sind definitiv die Schwaben und das mit einer Ruhe und Gelassenheit, die einen hektischen Hessen auf Apfelweinentzug zum Wahnsinn treiben kann.

Dem ersten Irrglauben, dem ich erlegen war:

Geschwind kommt von Geschwindigkeit?

Lieber Leser – NEIN! Das beliebteste schwäbische Wort „geschwind“ oder in der Sparvariante „g’schwind“ hat definitiv nichts mit Geschwindigkeit zu tun. Das musste ich zu Beginn meiner Schwabenzeit zweifach erfahren und beim zweiten Mal sehr schmerzlich.

Beim ersten Mal sagte der Makler in der Wohnung: „So, dann gehen wir mal geschwind ins Wohnzimmer“. Noch vom Irrglauben geleitet, dieses Wort hätte etwas mit Geschwindigkeit zu tun, wartete ich. Und ich wartete und wartete und wartete. Es passierte nichts, rein gar nichts. Gefühlte 3 Stunden später fragte ich dann den Wohnungsvermittler, wann denn dieses „geschwind“ anfängt. Der grinste nur und setzte sich in Zeitlupe in Richtung Wohnzimmer in Bewegung. Da war mir irgendwie klar, das kann nichts mit Geschwindigkeit zu tun haben.

Die zweite und schmerzliche Erfahrung mit dem Wort „geschwind“ hatte ich, als ich mit einer Gruppe Menschen zu Gast in einem schwäbischen Restaurant war und wir im Außenbereich saßen. Als wir diesen um 22 Uhr gut gelaunt noch nicht verlassen hatten, rief die Bedienung –anstatt uns höflich zu bitten, doch zu gehen – kurzerhand die Polizei. Schwäbische Sperrstunde mit staatlicher Unterstützung. Als dann der Kollege in grün (blau sind sie nur in Hessen) uns doch bat geschwind nachhause zu gehen, sagte ich, dass wir dann ja wohl noch sitzen bleiben könnten, da beim schwäbischen geschwind stundenlang erstmal nichts passiert. BUMS. Das war offensichtlich nicht nett … die Menschen um mich herum konnten den freundlichen Beamten nur durch sofortiges Aufstehen und tausenden von Entschuldigungen davon überzeugen, mich jetzt nicht wegen Beamtenbeleidigung festzunehmen. Da hätte ich mich also fast wegen meiner unzureichenden Schwäbischkenntnisse in staatlich Obhut begeben. Hier herrscht nämlich Ordnung und geschwind hat nichts mit Geschwindigkeit zu tun.

Das nächste Mal berichte ich gerne wo hier gesessen wird und was schwäbische Post-its sind.

Meine Lieben, ich verspreche Euch, jetzt wird „zurückgefrankfurtert!“


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