Frankfurter Gemeine Zeitung

Lebenslauf einer alternden Dame im Vorruhestand

germania

Als ich noch frisch geboren war,
da war ich nicht eines, nur viele.
Und diese eine wilde Schar
verfolgte alltägliche Ziele.

Meine Ahnen haben mich weit geführt,
Ich weiß nicht mal, wie alle heißen,
Doch waren sie von der Sonne gerührt,
und folgten ihrem Gleißen.“

Ich irrte lange durch die Brach,
auf der Suche nach einem Zuhause,
Bis ich dann schwach zu mir selber sprach
„Hier gönnst Du dir eine Pause.“

„An diesem stets friedlichen, schattigen Ort
will ich eine Hütte mir bauen.
Von diesem wunderschönen Hort
Ist es nicht weit in die Auen.“

Ich aß und trank und spielte mit mir
Und tollte mit Ebern herum.
Ich lauschte den Vögeln und frönte dem Hier
In den Wäldern und Sümpfen rundum.

Ich fischte und sang und schnitzte den Speer
Ich lernte, Eisen zu schmieden.
Das alles beigestert mich immer noch sehr,
Doch ist mir nur noch letzt’res beschieden.

Ich nährte die Trolle an einer Brust,
Die Menschen an einer andern,
Das Liebesspiel vertrieb den Frust,
Danach ging ich meistens wandern.

Es war ein langes Kinderspiel,
voll schicksalhafter Gefahren,
Mit Göttern schwärmt ich von Met und Kiel,
Ich entdeckte das Meer in den Jahren.

Ich war ein arger Haderlump,
der seinen Schabernack trieb.
Manchmal benahm ich mich eher plump
Und war auch ein Tagedieb.

So weit war die Welt und ich ganz klein.
Kaum ein Nachbar hörte mich rufen,
Doch eines Tages da hört’ ich das Schreien
der Männer und das Stampfen von Hufen.

„Von nun an, da sollte ich einig sein,
Eine Einheit im Krieg und im Siege,
Kriege ich mich und besiege ich mich
Und was, wenn darnieder ich liege?“

Ich glaubte gar viel und ging blauäugig drein,
und ward nun auch selber getreten.
Es schien mir als wollte man mich entzweien,
ganz ohne dass ich drum gebeten.

Man schor mir den Schopf, man wusch mich rein,
Und schickte mich alsbald zur Schule.
Ein Mächtiger schwor, mich zu benedeien,
Und bot mir im Arm eine Kuhle.

Ich vernahm alsbald Worte, wie „Patria“
Und gedacht’ doch der üppigen Mutter.
So wie ich sie kannt’ von der Adria,
Noch fremd war mir damals der Luther.

König nannte mich dann der Papst,
Und ich selbst, weil ich mächtig mich wähnte.
Wenn Du im Maule der Zeit noch nicht starbst,
Du ahntest nicht mal, wenn sie gähnte.

So ward ich erwachsen und konnte doch nicht
Mich Einflüssen andrer erwehren.
So ist’s nun mal in der Adoleszenz
Das braucht seine Zeit um zu gären.

Ich habe viele Geliebte gehabt
Ich hab ihnen Obdach gespendet.
Und merkte in mancher Winternacht
Es ist stets im Guten geendet.

Zwar war ich stets etwas furchtsam und scheu
Doch immer gut im Herzen
Und hätt ich nicht auch ein Gewissen- verzeih:
Was hülfen mir all die Kerzen.

Oftmals, da habe ich Teile von mir
Ganz wüst und gehässig getreten.
Ich bin zwar ein taugliches Arbeitstier
Doch geb ich nichts auf Proleten.

So oft dacht ich schon, ich sei über Maß
Gesegnet und auserkoren.
Ich hatte hier Abenteuer und Spaß
Und glaubte ich sei hier geboren.

Dann kam wer daher, und sagte „IHR!“
Also „Ich“ sollte mich etwas schämen.
Wo käme ich denn da bloß hin,
Wenn alle sich so benähmen.

„Davon halten wir nichts!“ so sagten sie
Und in meinem eifrigen Hader
Zersprang in mir eine Utopie,
War kein Kreis mehr, sondern ein Quader.

Das gab mir zu denken und ich dachte echt
Das ist doch gar nicht so übel
Vielleicht hat diese Person sogar recht
Das steht ja sogar in der Bibel.

So wurde mir einiges vorgestellt,
an Dingen die Neuerung brächten.
Ich betete weiter gen Himmelszelt,
Und war bereit mich zu knechten.

Als dann gebeugt und das Haar nicht gelaust
Mir der Hunger im Bauch war da hat’s
Mich so verteufelt tief innen gegraust
Ich sehnte mich nach einem Schatz

Die Brüder im Krieg, die Schwestern im Stift
Wollte bloß Feuer ich legen
Ich fragte nicht nach darfür und darob,
Ich fragte nur wogegen.

Doch würde man heute dazu sagen,
das waren die wilden Jahre.
Es glänzten die Sicheln, es dröhnte der Mob,
Es brannten rote Haare.

Derweil hatte Kaiser ich, das ist ne Pest
Die muß man erstmal erdulden.
Ein paar nicht so übel, aber der Rest
der brachte mir bloß fleißig Schulden.

Das endete dann in Wiederkauen
Von Regeln und Paragraphen.
Wenn ich mich traute, ins Abseits zu schauen
bekam ich nur saftige Strafen.

Derweil trug sich mit mir was anderes zu,
davon muß ich Euch jetzt berichten:
Ich war auf einem Spaziergang im Park,
Da wurden Wechsel zu Pflichten.

Ich sah drei Päpste und schwor fromm,
Ihnen als Christ zu dienen.
Doch waren alle drei nicht das,
was sie zu seien schienen.

Das Herz und die Vernunft zerrissen,
Stand bald ich am Scheidewege,
Das Land voller Söldner, die die Tenne vollpissen,
Und der Acker braucht emsige Pflege.

Beflissen und voller Contenance
Begann ich mich pfleglich zu putzen.
Hier und da dachte ich „Resistance“
Und erkannte in Allem den Nutzen.

Nach dieser ruhelosen Nacht,
Ich liebe nun mal das Feuer,
schlief ich unvergleichlich sacht.
Der Frieden war mir nicht geheuer.

Ich zog also los, erneut in die Welt,
Wo mich die Schlechtigkeit störte.
Mein Leben war mir sehr vergällt,
weil niemand mehr auf mich hörte.

Ich wurd wieder hungrig und riß mir die Haut
Vom Leibe um größer zu werden.
Hab Kaffee, Kakao und Zucker verdaut,
Wie Gott fühlte ich mich auf Erden.

Wußte ich dennoch wer ich war?
Ich kann es nur vermuten.
Die Wunde erwies sich als unnähbar,
Und hörte nicht auf zu bluten.

Deshalb galt nun, zur Therapie,
Mich mit mir aus zu söhnen.
Heute nenne ich das MPS
Früher: „Frieden mit Söhnen“

Aus vielen Fahnen nähte mir dann,
Ein Reusse neue Gewänder,
Ich war davon so angetan,
Dass ich sie bis heute nicht änder.

Das Integrationsprogramm lief gut,
ich machte nur wenig Furore.
Endlich fand ich neuen Mut,
In den Farben der Trikolore.

Dann ward mir die Freiheit doch zu eng,
Mein Geld das benutzt ich zum Heizen.
Ich roch auch langsam etwas streng,
Es gab weder Hafer noch Weizen.

Überall hab ich Dolche gesehen,
und peitschende rote Tuche,
Und dann tat ich ganz aus Versehen,
etwas, das ich heut noch verfluche.

Ich sprech nicht gern darüber -nein,
doch ist’s auch eine Frage der Ehre.
Ich hab mich benommen wie ein Schwein.
Und zog daraus meine Lehre.

Ich kau noch heute manchmal dran,
Hätt’ früher was sagen sollen.
Auch bin ich noch immer nicht ganz davon frei,
mich mit meiner Meinung zu trollen.

In dünnem Gewand, an den Füßen kein Schuh,
So irrte ich dann durch die Trümmer.
Hoffend, daß ich in die Suppe was tu,
das ihren Geschmack nicht verschlimmert.

Es kamen Leute, von nah und fern,
Und halfen mir, mich zu heilen.
Allzu gern nahm ich ihre Hand,
und wollt alles mit ihnen teilen.

Ich strahlte nun in neuem Glanz,
als wäre nie was geschehen.
Ich lud zu einem großen Tanz,
Und bat meine Helfer, zu gehen.

Einige, die dachten wohl schon,
sie könnten für immer bleiben,
sie wollten in meinem Vorgarten wohnen,
da erfand ich das Abschiebeschreiben.

Ich gewöhnte mich dran, betroffen zu sein.
Ich hatte ja auch neue Freunde.
Die mir wieder halfen, ich selber zu sein,
das ist ja, was mir immer träumte.

Sie haben sich eher um andres geschert,
ich fühlte mich unvollständig.
Nach allen Seiten auf einmal gezerrt,
wurde mein Wüten unbändig.

Und während ich fleißig Kanonen goß,
und Autos und Hochhäuser baute,
Wurden in mir ein paar Zellen groß,
woraufhin mir niemand mehr traute.

Ich bekam davon Pusteln im Gesicht,
von feuriger Farbe, die jucken.
Ich dachte, mit Puder drauf sieht man es nicht,
ich fing an starke Drogen zu schlucken.

Ich hatte mir hohe Türme gebaut,
Und thronte in eisigen Höhen.
Vom Adlerhost hinabgeschaut,
hat alles so leicht ausgesehen.

Geerdet war ich schon lange nicht mehr,
Ein Hälfte von mir nur noch Leere,
Da begehrte der lebige Teil gar sehr,
Das ich jetzt das Volk gerne wäre.

Ich hatte ja auf dem Weg zum Ich,
mir schon manche Kugel gefangen.
Die Schmerzen waren zwar widerlich,
doch irgendwo mußt ich anfangen.

Den Kopf voran und ab durch die Wand,
diesmal kams deutlich von innen,
War ich endlich bei mir angelangt,
und begann Schulden abzudienen.

Sodann also Mens und Parlatur,
Diese Partitur spiel ich fließend,
nach Feierabend als Frohnatur,
Mit Fortunas Horn mich begießend.

Bewegt sich auch der Börsenkurs
nach mancher Zeitungsente,
hoffe ich doch, es reiche mir noch
Für für eine üppige Rente.

Germania,

Person des Öffentlichen Rechts


3 Kommentare zu “Lebenslauf einer alternden Dame im Vorruhestand”

  1. abadon

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  2. bvszsm

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