Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurt Viewing

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Frankfurt ist angespannt, aber nicht nur Frankfurt. Seit Tagen, Wochen berichten die Medien, Locations werden vorbereitet, in Cafes und Kneipen wird gebrieft, die Hausflure und Wohnungen kennen nur noch ein Thema. Nicht Rund um den Finanzplatz Frankfurt oder ein Spiel in der Commerzbank-Arena gehts, kein J. P. Morgan Lauf oder Song Contest ist gemeint, weder Merkel noch Lafontaine kommen, nein tiefer, viel tiefer ergreifts uns diesen Monat: die Weltmeisterschaft tost durch die Städte, der Fußball, unsere Mannschaft. Deutschland kämpft in Südafrika, unter Führung des agil-öden Löw und seines Business-Plans for Germany; und wir alle, wir alle zusammen dürfen dabei sein, dicht und pausenlos.

Während ich das schreibe vibriert es schon um mich herum im Vorort, Beeilung beim Rasenmähen, Tröten, Stimmbänder und Teleapparate werden getestet, man denkt die Unruhe vor einer Revolte. Jeder baut seine eigene Werbefläche, am Körper, auf dem Auto, den Balkon hinunter oder die häusliche Fahnenstange hoch. All das neben den Flächen, die schon stolz weltmeisterlich erstrahlen: seien es Plastiktüten oder Werbewände.

Verheißungen durchziehen die Stadt und die medialen Netze, man muß einfach dabei sein, mitmachen, ins Spiel kommen. Die ursprüngliche, unschuldige Freude daran wird ohne Unterlaß gepredigt, wer will sich dem denn verweigern? Da wir anders als vor vier Jahren diesmal nicht zur Bewohnerschaft rund um die Stadien gehören, den Boden des Spektakels bildet eben Südafrika, richtet sich die Konzentration besonders auf die Screens und auf uns selbst. So wird die Fußball-WM zur Meisterschaft im „Schirmsehen“: wir tuns in der Hand, hängen am Schreibtisch, die Wohnung ist damit eingerichtet, wir erwarten sie in unseren Kneipen und jubeln vor den Apparaten auf den Strassen, den Plätzen und im Zentrum. Die Schirme liefern uns die passenden beweglichen Bilder für neues gemeinsames Erleben.

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Das große „Public Viewing“ entspringt den kleineren Varianten, es möchte die Aufmerksamkeit vor dem Schirm, die nahe Haptik mit der Maus mit einem echten gemeinsamen Massenerlebnis küren. Public Viewing möchte mein isoliertes Tasten, meine Gefühle über die 15 Zoll hinaus befreien, es bläht den Screen auf meinem Schreibtisch auf, sprengt die Wände unserer Wohnung, zieht sogar Beschauliche auf die Straßen. Public Viewing verspricht den Brückenbau vom geteilten Durchblättern über gemeinsames Essen und Trinken zum öffentlichen Großevent, dem public Jubeln und Rufen, Springen und Tanzen. Vom Zimmer geht’s ins Zentrum, die Pulse der Stadt mit dem iPhone in der Tasche erfahren. Ein virtueller Kanal mehr sollte immer dabei sein, falls der große Screen des Gemeinsamen es mal nicht bringt.

Was ist daran gemeinsam? Es sind die gleichartig strukturierten Bilder in ähnlichen technischen und präsentierenden Umgebungen, an denen wir teilnehmen, die wir aufsaugen entlang einer Linie vom Schreibtisch bis auf den Rossmarkt. Die ganze Zeit können wir am Geschehen bleiben, möglichst wenige Unterbrechungen sollen es sein, es siegt eine Meisterschaft der Oberflächen .

Solch mehrstufiges CROWD VIEWING vom Appartement bis zum Goetheplatz, von der Berger bis zum Main züchtet eine bestimmte Erfahrung der Stadt, deren ganz eigene Sensibilität vom web-globalisierten Heim in den Stadtteilen bis ins globale Branding des Banken- oder Shopping-Zentrum reicht. Crowd Viewing wird zu einer leitenden Komponente von Frankfurts Psychogeografie, der Psychogeografie vieler Metropolen und das nicht nur bei der Fußball-WM. Diese Psychogeografie stellt neue Karten in unseren Köpfen und in Google her, denn die Ads auf den iPhones und Laptopschirmen duplizieren sich, vergrößern sich in die Umgebung der großen Schirme auf den Plätzen. Die jubelnde Menge der Public Viewer sind wie in die Schirme hineingezogen, werden zu deren Umgebung. Sie mutieren zu Teil und Sinn des angezeigten Advertisements, eingelassen in die Shops und Werbewände, die um sie herum gebaut sind. Die Auslagen bieten die gleichen Marken an, die Screens vor ihnen verheißen. Es ist Teil einer globalen Gesamt-Inszenierung, fröhliche Viewer rein ins schöne Zentrum zu ziehen, so wird es zu ihrer gewohnten Event-Location.

Dieses WM-Viewing bietet uns deshalb ein besonders eindringliches Beispiel für allgemeines Crowding über die Netze hinaus und die Stadt wird damit Teil besonderer Konzeptionen des Netzes. Rund um die FIFA und ihre Marken bewegt sich das Treiben, bis zur Nationenmarke – lokal wie global, in den Shops und auf den Wänden, die Begeisterten bauen die Brücken dazwischen, demonstrieren sie mit der Freude am Dabeisein.

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Die aktiven Zuschauer dieser Spektakel, deren Bildschirme und Aufbauten bilden bewegliche Kulissen des Infotainments. Gleichzeitig realisieren sie eine Kolonisierung städtischer Räume: das Infotainment in der Stadt für die Stadt wird schließlich zum Shoptainment. Events gestalten gemusterte Panels einer Bewohner-Lebenswelt in gesicherten Stadtdistrikten. Sie offenbaren ene eindimensionale Globalisierung – eine extern gesetzte Ordnung des Zugangs. Das Publikum liefert dafür Location-„Prosumer“, die beim CROWD VIEWING Werbung, Erlebnis und Konsum teilen, ja ihn selbst herstellen. Sie lassen mit ihrer Begeisterung die Unruhe des Geschäftsbetriebs erst richtig laufen.

Solche „Psychogeografie“ der Stadt lässt sich in eine neue, hybride Mediengeografie erweitern. Frankfurt möchte sich neu zur Event-City bauen, ausstaffiert mit Bewohnern als Statisten oder Kunden plus dem zahlenden Publikum aus dem Speckgürtel, das im Zentrum angemessene Serviceleistungen von Eingeborenen erwartet. Besondere Districts und Selling Points der Event-City koppeln die Aktivitäten der Kunden, die Teilnehmer am Spektakel der Offerten direkt ans globale Netz. Zeigt die Anlage dieser kommunikativen Matrix von Stadt bis Web gar einen Herrschaftsmodus flacher Interaktivität an, der disponierbaren Spektakel, der einsetzbaren Gehalte?

Die flexible Einsetzbarkeit der Nationen-Marke kommt als Resultat des Events hinzu, mit ihr wird über faule und fleißige Regionen entschieden, je nach Bedarf, man ist ja flexibel: Griechenland soll wirklich darben, Spanien vielleicht, aber niemand stürmt das nahe Bankenviertel. Gejubelt wird in Frankfurts Zentrum eben zwischen den Türmen von Commerzbank und Deutscher Bank.

Aber sehen wir neben dieser eher trüben Perspektive auch noch das Gute, denn in unseren harten Zeiten soll nicht alle Freude verschwinden: während Merkel nämlich auf das Vergessen durch die WM hofft, plädieren die FAZ und der CDU-Wirtschaftsrat für Wandel im Sparpaket: alle müssen leisten, für Deutschland haben auch die Reichen was zu geben. So bringt die WM die Menschen zusammen – es herrscht eitel Freude in der Stadt.

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Die Lehre dieser Geschichte?

Etwas auf die Bremse steigen, bevor der Karren zu schnell wird. Viel weniger Shoping Mall, viel mehr metropolitaner Eigensinn.


5 Kommentare zu “Frankfurt Viewing”

  1. gaukler

    Die Topseite Lokal der Frankfurter Rundschau vom Montag sei ergänzt:
    “Schwarz-rot-goldener Rausch”
    Wichtig ist der Rundschau ausserdem, dass keiner meckert !

  2. Esthernabm

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