Frankfurter Gemeine Zeitung

Das Endspiel (2)

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Zwei Fußballspieler auf der Reservebank in Südafrika. Clov, jünger, agiler, macht ab und zu Dehnungsübungen. Hamm ,älter, fast bewegungslos. Spiel- Geräusche.

Clov: Viel hängt vom Training vorher ab. Unser Training war früher so geheim, dass wir manchmal selbst nicht zuschauen durften. Da benotete der Trainer jeden Spieler nach „holländischen Noten“.

Hamm: Was ist das?

Clov: Eine 1 ist die schlechteste Note und eine 10 die beste. Allerdings werden die 1 und die 2 nie vergeben. Eine 3 erhält z.B. ein Spieler, den der Trainer einwechselt und der sich so anstellt, das man ihn eigentlich sofort wieder rausnehmen muss. Eine 5 ist die Durchschnittsnote und eine 8 gibt es immer nur für den Trainer selbst. Die 9 und die 10 gibt es auch nicht- die sind für die Götter. So sind die Holländer.

Hamm:  Die Holländer sind vorne vom Feinsten bestückt.

Clov: Apropos: Was sagt Deine Frau dazu, dass Du beim Endspiel auf der Reservebank sitzt?

Hamm: Ich hatte noch nie Ärger mit meiner Frau. Bis auf das eine Mal, als sie mit mir auf das Hochzeitsfoto wollte.

Clov: Ich finde es großartig, dass sich die Frauen immer mehr vermehren in der Bundesliga. Das blöde ist nur, Hamm: wenn ich in der Nacht vor einem Spiel Sex habe, verliere ich jegliches Gefühl in meinen Zehen. Aber ich denke, dass ich auch jemand bin, den man sehr gut anfassen kann. Es war ein wunderschöner Augenblick, als der Bundestrainer zu mir sagte: Komm Steffen, zieh Deine Sachen aus, jetzt geht’s los!

Zuschauerchor: Jetzt geht’s loos! Jetzt geht’s looos!

Hamm: Du heißt doch gar nicht Steffen.

Clov: Stimmt. Vielleicht hat er´s auch zu Steffen Freund gesagt.

Hamm: Ich kann mich noch an Berti Vogts erinnern: „Sex vor einem Spiel? Das können meine Jungs halten wie sie wollen. Nur in der Halbzeit, da geht nichts“.

(Beifall) Stadionsprecher: Der Beifall gilt Hansi Müller, der sich jetzt auszieht. Es sind noch zwei Minuten zu spielen. Es steht 0:0.

Hamm: Was hast Du eigentlich für eine Nummer, Clov?

Clov: 33. Wegen der 3.

Hamm: Bei den holländischen Noten?

Clov: Nein. 3 mal 3 ist 6. Eigentlich wollte ich die 6 haben, aber die war schon besetzt. Und Du Hamm?

Hamm: 1028.

Clov: Schwierig. Ob er Dich mit dieser Zahl einwechselt kurz vor dem Ende?

Hamm: Ich wäre überrascht, wenn das Spiel bis zum Ende dauert.

Clov: Das hier ist das Endspiel, Hamm. Das dauert bis zum Ende. Meinst Du, er wechselt uns noch ein?

Hamm: Interessiert mich nicht. Ich schlaf jetzt. (legt den Kopf in den Nacken und döst)

Clov: Das macht uns so unberechenbar. Keiner weiss, wann er ausgewechselt wird.


Frankfurter Autofahrer – Impressionen (2)

FGZ 01

Eines allerdings hat der FA allen Anderen voraus und das nutzt er intensiv; das Kennzeichen. Mit einem F und zwei weiteren Buchstaben lässt sich eine ganze Menge anfangen.

Die am weitesten verbreitete Variante ist das F.FM. Dies ist freilich ähnlich originell wie das B.MW, mit dem jeder zweite hauptstädtische BMW Fahrer seine Karosse kennzeichnet. Im Falle eines Totalschadens ist dann aber wenigstens noch das Fabrikat ablesbar.

Der FA ist ein überzeugter Vertreter der Spaßgesellschaft. Daher erfreut sich die Kombination F.UN großer Beliebtheit. Oft zu finden auf kleinen Fahrzeugen wie Smart, VW Beetle oder Mini Cooper. Die enorme Kriminalitätsrate Frankfurts spiegelt sich selbstverständlich auch in den Autokennzeichen wieder, F.BI. Das findet sich gerne an tiefergelegten 3er BMW oder auch an den SUV genannten Bürgerkriegsautos, die sich in Frankfurt, wie überall, großer Beliebtheit erfreuen. Dieses Kennzeichen kann der FA allerdings nicht uneingeschränkt genießen, der ungeliebte Nachbar aus Friedberg kann das nämlich auch, FB.I.

Das der Frankfurter gerne Sport treibt und sich fit hält, weiß jeder, der mal an einem sonnigen Tag einen Spaziergang am Main gemacht hat. Jogger, Radfahrer und Skater ohne Ende bevölkern die Uferpromenade. Auch für diese Begeisterung gibt es das entsprechende Kennzeichen, F.IT. Auch ernährungsbewusste Frankfurter, die sich natürlich auch fit halten, haben die Möglichkeit, ihre einfache Wahrheit per Kennzeichen zu kommunizieren, F.DH. Leider gibt es keine Möglichkeit für den FA, seine Anhängerschaft für die Eintracht per Autokennzeichen zu bekunden. Aber für den kleinen Bruder, den Bornheimer Regionalligaclub, geht das schon, F.SV. Ebenso wie für irgendwelche FC Vereine, F.CK, F.CB. Aber ein F.AN kann er sein, von was auch immer.

Auch politisch Interessierte kommen nicht zu kurz, allerdings ist die Auswahl hier naturgemäß eingeschränkt. Aber die Anhänger der liberalen Partei haben schon die Möglichkeit, sich zu outen, F.DP. Wer der untergegangenen DDR nachtrauert, kann dies mit einem F.DJ Kennzeichen bekunden, leider nicht in blau. Und wer gerne auch außerhalb Bayerns die dortige Lokalpartei wählen würde, ist mit einem F.JS prima bedient. Auch die Freunde einer mittlerweile verbotenen Nazipartei können unverfänglich ihre Präferenz demonstrieren, F.AP. Na gut, da wollen wir mal keine böse Absicht unterstellen.

Das der Frankfurter ein aufgeschlossener, unverklemmter Zeitgenosse ist, stellt er gerne durch folgende Buchstabenkombination unter Beweis: F.KK. Manchmal ist es dann allerdings doch bedauerlich, dass nur drei Buchstaben zur Verfügung stehen. Aber da ist der FA kreativ und begnügt sich mit der phonetischen Lösung, F.IK (auch möglich in den Varianten F.UK, F.IC, F.UC). Manchen geht diese so offen zur Schau gestellte, Sinnesfreude allerdings zu weit. Sie plädieren für die Freiwillige Selbstkontrolle, F.SK. Was allerdings auch für eine langgediente Popband um Thomas Meineke stehen könnte. Ist allerdings unwahrscheinlich.

Auch eine gewisse Selbstironie kann man dem FA nicht absprechen. Den örtlichen Gegebenheiten angepasste Kleinwagen werden gerne mit dem Kennzeichen F.LO ausgestattet. Märchenfreunde hingegen freuen sich, wenn sie die gute F.EE nach hause trägt.

Manch FA bezieht sich gerne auf lokale Gegebenheiten, die naturgemäß außerhalb nicht zwingend nachvollziehbar sind. Die Hörer eines privaten Radiosenders können so beispielsweise ihre Vorliebe für flachste Musikunterhaltung durch ihr Kennzeichen öffentlich machen, F.FH.

Die Nähe des eigentlichen Wahrzeichens der Stadt, des berühmten Flughafens, sowie der Sitz einer bedeutenden überregionalen Tageszeitung, findet natürlich auch ihren Widerhall im Straßenverkehr, F.LY und F.AZ.

Der größte Feind des Frankfurters ist der Offenbacher. Dessen Kennzeichen, OF, wird in der Regel mit „Ohne Führerschein“ interpretiert. Sollte Ihnen jedoch mal ein Fahrzeug mit dem Kennzeichen F begegnen, dann raten wir zu äußerster FORSICHT!


Auf dem Wohnungsmarkt

Ein neues Wesen bevölkert den deutschen Wohnungsmarkt; in ihm verkörpern sich die Anforderungen des postmodernen Mieters aufs Ideale: der Selbstzahler.

Zu entdecken war es zunächst vereinzelt und auch noch etwas verschämt in Annoncen von Maklern in Rhein-Main und versteckte sich ansonsten hinter der ungebremsten Absicherungswut von Vermietern.

Auf Nachfrage nach Wohnraum bei den großen Wohnungsbaugesellschaften taucht es schon häufiger auf, vor allem bei denjenigen, die aus den guten alten gemeinnützigen Einrichtungen und der Genossenschafts-Bewegung zu innovativen Lebensraum-Gestaltern mutiert sind.

Seine positive Charakterisierung will nicht eindeutig gelingen, kann aber in erster Näherung etwas unzulänglich damit beschrieben werden, dass sich hier folgendes ausdrücken soll: jenes Wesen bestreitet den geforderten Zins aus den Früchtchen seiner eigenen – aktiven – Leistungen, bis auf Weiteres. Man ahnt die rein praktischen Schwierigkeiten.

Als Abgrenzung dagegen ist es eindeutig.

Still und unheimlich hat es sich eingeschlichen – und ist liebevoll aufgenommen worden. Es identifiziert sich mittels Arbeitsvertrag oder aktueller Steuererklärung, verfügt über einen guten Leumund – Schufa – und garantiert schon darüber geringe Abnutzung der Mietsache, dass er meist infolge langer Arbeitstage außer Haus ist. Die Miete wird vom eigenen Konto überwiesen, in seltenen Fällen drückt er die Kohle – cash – seinem Vertragspartner gleich in die Hand. Es verkürzt das Auswahlverfahren und trägt wesentlich zu dessen Effizienz bei – Selbstzahler, welch Ausweis erfolgreichen Menschseins.

Seinem Konkurrenten fehlen diese Eigenschaften, da hilft es nicht, dass sein Angebot krisensicher ist, bewaffnet mit Übernahme-Garantie und Direktüberweisung belegt er den feinen Unterschied nur. Zudem passt er leider nicht in das menschliche Umfeld – und vermindert den Wert der Mietsache letztlich, denn er neigt zur Haufenbildung und dann geht es rapide bergab. Das erzeugt Ängste verständlicherweise und dies zuerst bei den Mitarbeitern der Anbieter.

Ich erreiche diesen Zustand bei jenen SachbearbeiterInnen mit einem kleinen Satz:

Das Job-Center übernimmt die von Ihnen geforderten Bedingungen – also Kaltmiete und Umlagen in vollem Umfang.“

Was als Beleg der Absicherung gedacht, erweist sich im Bruchteil einer Sekunde als schlagendes Argument gegen die Intention. Der Körperausdruck der Sachbearbeiterin signalisiert von da ab nur: ist eine Fluchtmöglichkeit offen, gepresster Atem verrät Stress, mühsam stieß sie hervor, da sei ich hier falsch, da müsste ich zum Amt für Wohnungswesen, sie hätten doch diesen Anteil ordnungsgemäß gemeldet, da könnte sie auch nichts machen. Sie hatte offensichtlich einen schweren Angriff meiner Sorte vor sich. Da ich konsequent ruhig weiterfragte, kehrte Angriffslust zurück: „Sie werden uns ja zugestehen, dass wir unsere Vertragspartner frei wählen.“ Gut gemacht. Kurz mit dem bürgerlichen Gesetzbuch zugeschlagen.

Von der Innenstadt nach Rödelheim, zur Trutzburg der >>Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Hessen<<, hundert Prozent Tochter der Landesbank Hessen-Thüringen. Weniger Furcht zum Ausgleich mehr Arroganz. Auch hier: fehl am Platze und dann die Offenbarung: „Das Gemeinnützig führen wir nur noch im Namen.“ Die Liste kann fortgesetzt werden und die Ausnahme bestätigt den Trend.

Es ist folgerichtig – schon zur Sicherheit der eigenen Mitarbeiter – den direkten Kontakt auf das absolute Minimum zu beschränken, dem web sei es gedankt. Keine Animositäten mehr, Sachentscheidungen auf gesicherter Eckdatenbasis, Ausschluss von Öffentlichkeit. Ich sehe diesen MitarbeiterInnen an, wie sich die Vorstellung, >>so einem im Treppenhaus begegnen zu müssen<< Unbehagen bereitet und das kann sie sich für die Selbstzahler auch vorstellen und die muss sie schützen. Und das zeigt eben ihre Körpersprache. Und ganz hinten im Köpfchen sitzt die Interpretation meiner Existenz als Möglichkeit der eigenen Zukunft. Und das will keiner.

Die Vorstellung, die allseits zu bemerkende Privatisierung und Anonymisierung mache dies möglich, trifft nicht den Kern, denn der direkte Kontakt löst viel stärkere Erschütterungen aus. Macht die soziale Figur schon ausreichend Angst, so ist sie in Fleisch und Blut auch direkt bedrohlich, das Fremde im eigenen Zimmer.

Es wird dem ‚Nicht-Selbstzahler’ schon zugestanden – so prinzipiell – dass er wohnen muss, doch nicht Tür an Tür.

Wird andernorts die >>Gated Community<< mit Wohlstand assoziiert, so kann ich mir dies hier gerade für das andere Ende der sozialen Einteilung vorstellen. Wenn sich andernorts die Reichen mit Zäunen umgeben, sich selbst also wegschließen, so machen wir dies bei uns umgekehrt, wem gehört denn die Stadt, doch wohl denen, die sei sich leisten wollen.

Denn schließlich wollen wir doch die Vertragsfreiheit der Anbieter nicht antasten und beim Cappuccino auch nicht belästigt werden.



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