Frankfurter Gemeine Zeitung

Lesarten – in Frankfurt und drüber hinaus

Die Stadt am Main trägt einigen Stolz über ihre intimen Bezüge zu Lesbarem herum, seien das ihre Zeitungen oder Bücher, Verlage oder Messen. Lesbares, vielleicht sogar die ganze Symbolwelt befindet sich aber seit Jahren im Umbruch, sei es durch neue Technologien oder durch Globalisierung, Lesegewohnheiten und Städtekonkurrenzen. Die letzten Wochen zeigten in Frankfurt bemerkenswerte Ereignisse rund um Symbolvertilgungen. Sie waren sehr unterschiedlich gestrickt und können – ergänzt durch etwas Stadtarchäologie vom Autor dieses Artikels – Momente über die Verbindung von Medien und Stadt aufzeigen, die über unsere Buchmesse hinausgehen. Gleichzeitig aber, und das ist das Erstaunliche, verweisen sie auch auf die vielen Dimensionen, in die sich einfache Mythen über Web und Print tatsächlich auffalten lassen.

Lesen - Bild App

Eine Stadt liest ein Buch“ war das eine Ereignis: die Lebensgeschichte eines versteckten Frankfurter Juden während der Nazizeit, wiederverlegt von einem Frankfurter Verleger, gelesen an Orten in Frankfurt. Die Idee stammt aus USA, ein globaler Impuls, örtliche Realisierung. Mehr noch: das Lesen geschieht direkt als sozialer Akt, mit einzelnen Vorlesern und einer Menge Zuhörer, an vielen Orten und mit begleitenden Veranstaltungen – fast immer kostenlos. Ein „analoges“ Ereignis auf Papiergrundlage.
Die zweite Idee stammt auch aus den USA, fand an vielen Orten global in gleichen Verkaufsschemata statt, ohne zu den Lokalitäten direkte Bezüge zu haben: es ging bloß um Ansprache von Käufern. So auch hier in Frankfurt: iPads wurde von servilen Mitarbeitern des Apple-Konzerns an zahlungswillige Begeisterte ausgehändigt, die sich durch den Kauf eines Lesegeräts schnell an den aktuellen Hype der Symbolvertilgung ankoppeln wollen. Es war ein Shopping-Akt vieler beim Apple-Laden an der Freßgaß. Nichts ausser dem Applaus der Verkäufer gab´s dabei umsonst und nichts wird freier im Web, denn Apple hat hier alles unter Kontrolle. Die letztes Jahr gebeutelten Verlage wie Zeitungen aus der Printbranche hoffen allerdings, darüber endlich zu mehr Geld zu kommen.

Die medialen Diskussionen über die Bedeutung von Print- und Web-Medien, die nicht zuletzt von der FAZ, einem Holz-Leitmedium, und einer Reihe emphatischer Web-Blogger gerne konfrontativ aufgeführt wird, konstruieren zu oft einfache Fronten aus technologischen Apparaturen: etwa als das flache, ignorante und vergessliche gegen das billige, gleichberechtigte und wissenserweiternde Web, alt gegen neu, konservativ gegen fortschrittlich. Die Papierseite wird von beiden Seiten entsprechend seitenverkehrt begriffen: die Printseite spricht von gehaltvollen Artikeln, die haptisch und visuell integriert sind sowie mental nachhaltig wirken. Die Web-Enthusiasten dagegen interpretieren sie als teuer, langsam, isoliert wie ungleich und möchte sie in den Abfalleimer der Geschichte werfen. Beim Verschwinden des Buchs und längerer gedruckter Artikel scheint man dann keine Träne zu verlieren.

Die Fronten unseres kollektiven medialen Umgangs verlaufen aber weit weniger überschaubar: nicht allein entlang  der verschiedenen medialen Hilfsmittel, seien es die Papierwerke oder die Objekte elektronischer Devices. Eher kommt für das Begreifen gegenwärtiger wie zukünftiger Medienproduktion und -Nutzung eine Vielfalt strategischer Interessen zum Tragen, die sich mit sozio-kulturellen Texturen mischen und dann die Hauptfronten in Mediengestaltung und deren öffentlicher Diskussion konfigurieren. Grundsätzlich gilt: große Verlage, ob mit dem Produkt Buch oder Zeitung arbeiten weitgehend als Profit-Center, genauso aber funktionieren die Web-Konzerne.
Die gewohnte Gegenüberstellung von kostenfreiem Web gegenüber kostenbeladenen Papier ist zumindest verkürzt. Es sind eher die Geschäftsmodelle und die Kaufbedingungen der Kunden, die sich unterscheiden und um die beide Seiten streiten. Kostenlose Werbeblätter etwa, voll von Schriftzeichen finden sich im Druck wie im Web und in beiden Varianten werden sie meist fraglos vor Ort zugestellt.
Variierende Qualität medialer Gehalte verweist uns auf Wissen und seine Verbreitung. Unbeschränkter Zugriff auf Wissen, der das Web angeblich auszeichnet ist meistens nicht mehr als ein Mythos. Der Print behauptet das gar nicht erst, aber anspruchsvolle wissenschaftliche Artikel im Netz rufen Gebühren ab, die dem neugierigen Leser den Atem Stocken lassen: nicht selten 5 Euro pro Seite. Genannte Werbeblätter dagegen zeigen, dass Inhalte nicht nur im Netz kurz und überflüssig sein können. Deshalb: Web billig, kurz und anspruchslos, Papier das Gegenteil – eine unsinnige Gegenüberstellung. Wer Geld hat, dem wird auch im Web alles gegeben. Von den Nichtzahlern holt man sich dort andere Leistungen.
Etwa von „Kreativen“ oder „kognitiven Arbeitern“, die das Web besonders intensiv benutzen, die vielleicht vor dem Apple-Laden oder einer der Stadtlesungen waren und selbst von einer weiteren Fronstellung betroffen sind. Die gleiche Vorsicht gegenüber den Vereinfachungen gilt nämlich für holzseitig reklamierte Autorenbezahlung im Web: wer den Print kennt weiß, dass auch dort nur wenige Arten von Texten gut bezahlt wurden, die meisten Autoren bekommen (fast) nichts; für manche Veröffentlichungen müssen die Produzenten gar bezahlen. Das Gerede über die Rechte von Urhebern und Kreativen ist Schönfärberei – im Print wie im Web. Die Zahlungen von Kunden landen abseits der Produzenten.

Die beiden letzten Beispiele zeigen, dass jeweilige „Konsumenten“ und „Produzenten“ von der Medientechnologie allein her keine gänzlich andere Behandlung erfahren müssen. Sie werden nur in unterschiedliche Umgebungen versetzt. Die Geschäftsmodelle der jeweils dort tätigen Unternehmen vereinnahmen Produzenten wie Konsumenten auf die jeweils zu ihnen passende Art und Weise, vielleicht manchmal von örtlichen Bedingungen abhängig: zum Beispiel Events der Web-Company oder kostenloses Mitschreiben beim Verlag, wenn es ins Ertragsmodell passt.

Eine bemerkenswerte, vielleicht zukunftweisende Erweiterung des papiernen Geschäftsmodells konnte ich kürzlich bei Hugendubel finden, eine Ladenkette auf Bestsellerbasis, die zum Konkurs der meisten kleinen Buchläden in Deutschland beitrug: um die Haptik gegenüber dem Web, die leichte Verständlichkeit auch im Analogen als Geschäftsmodell zu erweitern, bietet der Laden jetzt Serien von Tierspielzeug neben den allgegenwärtigen Kochbüchern, Krimis und der Reiseliteratur an. Ob das dann der Weg zur Rettung des deutschen Geists sein kann?

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(Deutscher Buch-Supermarkt)

Weitere Versprechungen lösen weder der Print noch das Web einfach ein: der universelle Zugriff des Webs bleibt von einer Reihe Bedingungen abhängig, Gebühren und Verständlichkeit kommen wie beim Papier in Zukunft vielleicht noch mehr zur Geltung. Die neue soziale Welt des Typs „Facebook“ kann Vereinzelungen Zuhause nicht bruchlos ersetzen, das gemeinsame Lesevergnügen zum Beispiel, das kontemplative Beobachten am Platz im Cafe hat andere Qualitäten als hastiges Posten am Screen. Das gilt auch dann noch, wenn wir von dem Eventrummel absehen, mit dem sich einige Blätter wie auch die Stadt selbst als Marke über solche Geschehnisse vermarkten möchten.

Wir benötigen deshalb andere, differenziertere Verständnisse und Unterscheidungskriterien für Veröffentlichungen und Diskurse im Web als die gewöhnlich Diskutierten. Und wir brauchen andererseits nicht jedem Wegfall von Printprodukten nachtrauern. Die Vorsicht gegenüber einfacher Linienziehung betrifft gerade auch die Modalitäten der Präsentation, besonders im Web: wir sollten uns nicht allein auf die immer gleichen, vorgekaute Informationsverweise verlassen, welche uns die allgegenwärtigen Suchmaschinen an ihren ersten Positionen aufdrängen und die sich überhastet als Wissen verkaufen. Es gibt noch ein Leben hinter der Suchmaschine und andere Öffentlichkeiten liefern mitunter mehr Verbindungen und zufällige Erkenntnisse, die zu unseren besonderen Lebenswegen und Geschichten passen.
Mir scheinen aber auch neuartige lokale Infrastrukturen als Bedingungen dafür nötig zu sein, um Ansprüche an Wissen, soziale Netze und Autorenanerkennung zu erfüllen, die mit dem Web allzu gerne verbunden werden. In diesem Sinne reicht das Netz auch in städtische Umgebungen hinein und kann sie vielleicht noch befruchten.


4 Kommentare zu “Lesarten – in Frankfurt und drüber hinaus”

  1. Stefan Geyer

    Es sei ein kleiner Hinweis gestattet zu “Frankfurt liest ein Buch”. Die Familie des Frankfurter Juden lebte keineswegs versteckt während der Nazizeit in FFM. Vielmehr überlebte die Familie weil sie ihr Judentum verschleierte und mit sehr viel Glück. Alles nachzulesen in Valentin Senger, Kaiserhofstraße 12, Schöffling Verlag, Frankfurt am Main.

  2. gaukler

    Das ist gewiß eine Schludrigkeit. Ich hätte “verdeckt” schreiben müssen. Danke.

  3. Dussel

    Passend dazu der Comic zur Apple-Welt: http://vodpod.com/watch/3948349-futurama-eyephone

  4. Allencarty

    The pain that you can find out more allergic reactions can trigger is something with such a good point which unknown numbers of people know with. The reality is, nevertheless, that there are solutions offered for those who seek them. Begin using the suggestions and also suggestions in this piece, and you will have the devices needed to dominate allergies, finally.
    Screen pollen projections and strategy appropriately. If you have accessibility to the net, most of the popular weather forecasting websites have an area committed to allergy forecasts including both air quality and also plant pollen matters. On days when the count is mosting likely to be high, maintain your home windows closed and also restrict your time outdoors.
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