Frankfurter Gemeine Zeitung

Vom Tode des Gentleman

Leiche

Stellen wir uns einmal vor:

Frau G. war Fallschirmjägerin und bekleidete inzwischen den Rang eines Oberfeldwebels. Sie war bereits auf mehreren Auslandseinsätzen und hat zuletzt in Afghanistan während eines Feuergefechtes mehrere Taliban getötet und zudem einen verwundeten Kameraden auf ihren Schultern unter Beschuss aus der Gefahrenzone geborgen.

Ihr langjähriger Lebensgefährte war der Hochschulprofessor W., der zwar körperlich von eher kümmerlicher Statur war, den sie aber als zuverlässigen, aufrichtigen Gefährten und geistreichen Gesprächspartner sehr schätzte.

Einmal wollte sie mit dem Professor W. schick essen gehen und zog sich ihr schönstes Abendkleid an. Da sie aber bald wieder zum Dienst musste und wenig Zeit hatte, beschloss sie ihre Uniformen auf dem Weg noch in die Reinigung zu bringen.

Sie schulterte also ihren Seesack über dem Abendkleid und nahm ihren Lebensgefährten an die Hand.

Doch welch verächtliche Blicke er von den Passanten erntete! Wie konnte dieser Machoarsch sich nur erdreisten seine hübsche Freundin das schwere Gepäck schleppen zu lassen?

Ich selbst hatte einmal folgendes Erlebnis:

Ich ging mit einem Freund und dessen amerikanischer Cousine in den „Club Sam Lord“ (den es inzwischen nicht mehr gibt) in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofes.

Die Cousine meines Freundes und ich liefen nebeneinander und unterhielten uns, als wir den Club betraten.

Wir gingen also zur Frau an der Abendkasse und ich sagte, dass wir getrennt zahlen wollen.

Die Kassiererin antwortete mir voller Empörung: „Was bist Du denn für ein Mann?“

Ich antwortete, dass das Mädchen neben mir die Cousine meines Kumpels ist und wenn, dann er ihren Eintritt zahlen wird.

Da war die Kassiererin nun doch etwas verlegen.

Aber warum hatte sie mich überhaupt auf diese Art angesprochen?

Man stelle sich vor, meine Begleiterin hätte einen gutbezahlten Job und ich wäre nur ein armer Student. Warum sollte sie dann nicht selbst zahlen oder mich vielleicht sogar einladen?

Die Kassiererin konnte nichts über uns oder unsere persönlichen Verhältnisse wissen. Trotzdem hat sie mich in der denkbar blödesten Form angemacht weil ich mich in ihren Augen nicht „wie ein Gentleman“ verhalten habe.

Aber wo liegt das Problem, wenn ein gleichberechtigtes Paar sich auf getrennte Kassen geeinigt hat? Ist es nicht eher ein Zeichen finanzieller Unabhängigkeit und damit ein Zeichen gelebter Emanzipation, wenn jeder seine eigenen Kosten trägt?

In einem anderen Fall erklärte mir ein Bekannter, er lasse seine Freundin beim Schachspielen gewinnen, da er ja „ein Gentleman“ sei. Und er war darauf auch noch stolz.

Dass er damit seiner Freundin die Möglichkeit nimmt, zu einer realistischen Einschätzung über ihre eigenen Stärken und Schwächen zu kommen, konnte und wollte er nicht begreifen.

Und wer weiß, ob sie nach ein paar Niederlagen nicht den Ehrgeiz entwickelt hätte, zu üben und besser zu werden als er?

Ich vermute, dies war in Wahrheit seine Angst.

In diesem Kontext sehe ich das Verhalten eines Gentlemans. Der Gentleman nämlich stellt „seine“ Dame scheinbar in den Mittelpunkt. Er trägt ihr Täschchen, rückt ihr Stühlchen zurecht, hilft ihr ins Mäntelchen, so als ob sie zu tollpatschig oder zu unfähig wäre, einfachste Handgriffe aus eigener Kraft zu erledigen.

Dies mag die Partnerin als Aufmerksamkeit und Wertschätzung empfinden, merkt dabei jedoch nicht, in welche Falle des klassischen Rollenverständnisses sie sich damit begibt.

Denn wer voraussetzt, dass der Herr für die Dame zahlen müsse, impliziert damit auch, dass der Mann eben der Herr des Geldes sei, dem auch die höhere Entlohnung gebührt. Der Weltauffassung eines Gentleman, liegt die überkommene Vorstellung zu Grunde, die Frauen seien das schöne, die Männer hingegen das starke Geschlecht.

So ist das Verhalten eines Gentlemans geprägt von einer oberflächlichen Wertschätzung der Frau, die aber unter der Fassade guter Sitten nichts anderes ist, als eine Entmündigung, Verniedlichung und Verkindlichung derselben.

Eine wahrhaft emanzipatorische Weltsicht aber muss erkennen, dass beide Geschlechter gleichermaßen schön wie stark sein können.

Gerade in Regionen, wo noch viel Wert darauf gelegt wird, wie man „eine Dame behandelt“ und wo der Handkuss noch gelebte Realität und kein Anachronismus ist, tritt oftmals ein unerträglicher Machismo zu Tage.

Der Macho und der Gentleman scheinen mir demnach nichts anderes zu sein, als zwei Seiten der gleichen Medaille.

Dass scheinbar emanzipierte Frauen damit kokettieren und sich gegebenenfalls auch damit ködern lassen, mag manchmal der Naivität geschuldet sein, oft aber auch einer Art bauernschlauer Bösartigkeit, zu der insbesondere die Mutterkuh-Pomeranzen kleinbürgerlicher Prägung (und damit die unemanzipiertesten Wesen dieses Planeten) ihre Töchter systematisch erziehen.

Ich muss nun an eine Begebenheit denken, die ich neulich nach einer Party erlebt habe. Da sind wir noch in einer kleinen Gruppe zu einem Bekannten nach Hause gegangen. Dabei war auch ein ziemlich vorlautes Mädchen (trotz ihres erwachsenen Alters würde ich sie nicht als Frau bezeichnen), welches zu einem meiner Kumpel folgenden Satz sagte: „Dafür musst (!!!) Du mir aber einen Döner ausgeben.“

Ich weiß nicht mehr genau für welche läppische Handlung sie sich herausnahm zu verlangen, man müsse ihr etwas ausgeben, so als ob dies ihr angeborenes Naturrecht sei, aber ich weiß noch, dass sie sich, von diesem Augenblick an, für mich auf die Ebene einer allenfalls lästigen Schnorrerin degradiert hatte.

Denn welches Naturrecht sollte sie haben, so etwas zu verlangen? Etwa, dass sie eine schwache arme kleine Frau ist, die nicht selbst für ihren Unterhalt sorgen kann und sich deshalb von einem Mann durchfüttern lassen muss?

Man begehe auch niemals den Fehler schiere Großmäuligkeit mit echtem Selbstbewusstsein zu verwechseln und die Tatsache, dass eine Frau herumproleten und rülpsen kann wie ein Kerl, zeugt nicht von fortschrittlicher Gesinnung, sondern meist eher vom Gegenteil.

Dies hat ja spätestens das peinliche Rollenbild, welches uns die grottenschlechte Doku-Soap „Die Mädchengang“ auf RTL 2 vermittelt hat, gezeigt.

Doch zu solchem Verhalten ermuntern immer wieder Möchtegern-Feministinnen, die nicht bereit sind das wahre Ziel der Emanzipation zu erkennen.

Dieses ist nämlich nicht der Geschlechterkampf, sondern der Geschlechterfriede, da nur der frei von unterdrückerischen Tendenzen sein kann. Gerade hier hat der alte Slogan „make love not war“ absolute Gültigkeit.

Die wahre Befreiung der Frau aus den Zwängen des Patriarchates ist nur möglich, wenn Frauen die Selbstverantwortung nicht nur formalrechtlich zugestanden wird, sondern beide Geschlechter diese verinnerlichen.

Und zur Selbstverantwortung passt es eben nicht, sich sein Täschchen tragen und sich durchfüttern zu lassen.

Die dauerhafte und wirklich fortschrittliche Emanzipation kann also nur zu Stande kommen, wenn beide Geschlechter ihre überkommenen Rollenmuster aufgeben.

Und welche traurige Figur könnte den Muff verstaubter, patriarchalischer und voremanzipierter Zeitalter augenfälliger verkörpern als der „gute, alte“ Gentleman?

Zeit ist es, ihn endlich zu Grabe zu tragen!


6 Kommentare zu “Vom Tode des Gentleman”

  1. gaukler

    Na, ein paar Rollen wird es doch auch in postmodernen Gesellschaften noch geben dürfen. Müssen?!
    Richtig, die Frage ist: welche.

  2. abadon

    endlich spricht’s einer aus. diese traditionellen rollen sind so ueberfluessig und bestimmen doch das verhalten von fast allen im alltag.
    menschen dieser welt :befreit euch von euren masken und beurteilt die personen die euch begegnen, nach ihrem handeln und nicht nach ihrer rolle. ich gebe zu ,dass das manchmal extrem schwer ist, da einige sich selbst so peinlich/naiv benehmen und sich selbst in dieser rolle wohlfuehlen. doch wenn da manche frauen/ maenner “so behandelt man doch keine lady” rufen, dann faellt mir doch nur eines ein – “laut lachen, sich umdrehen und gehen” oder den versuch wagen ihr oder ihm zu erklaeren warum sie sich sexistisch gegenueber sich selbst verhalten.

    ob es wirklich rollen in dieser gesellschaft geben muss?
    ich finde nicht, doch wird es mit sicherheit welche geben!

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