Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurter Sommerwerft 2010 – Feuerschlucker am Fluss

 

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Noch bis zum 3. Juli ist alles anders im Frankfurter Osthafen, denn dort residiert die von “Protagon e.V.” initiierte  “Sommerwerft“. Das spektakuläre Theater- Festival am Mainufer findet dieses Jahr zum neunten Mal auf dem Gelände der “Weseler Werft” statt. Zeitgleich feiert die Frankfurter  ”Antagon TheaterAktion” zwanzigjähriges Bestehen. Das Festival erlebt seit Jahren stetig wachsende Aufmerksamkeit und Zuspruch, auch beim Gros der Anwohner trotz mancher Querelen. Schon von weitem hat sich die ansonsten recht spartanische Weseler Werft völlig verwandelt. Im Schatten des Verladekrans zwischen  Main und einer  aufragenden Wohnhausfassade stehen Bierbänke, dekorierte Container, Wohnwagen, Arbeitsmaschinen, Karren und Kullissen. Dazwischen prangt ein rundes Zelt. Es gibt fließend Wasser, eine Vielzahl an Getränken, wohlriechende Speisen und für ein Festival untypisch saubere Toiletten. Schauspieler und Helfer warten, angespannt oder routiniert gleichmütig, auf ihren Einsatz. Denn die Vorführung hat noch nicht begonnen, noch steht die Sonne zu hoch. Aber nicht alles ist Theater, was hier geboten wird. Musiker, Pantomimen, Slam-Poeten, Kino und die ebenso absurde, wie anwohnerfreundliche Silent Disco (mit Kopfhörern) wechseln sich ab. Sonntags ist “Flowmarkt”, ein “Flohmarkt mit Groove”, wie die Antagonier sagen. Wem das zu viel  Flow ist, der lässt sich mit einem Cocktail in einen der Liegestühle im Strandkasten nieder, den lieben Gott einen guten oder bösen Mann sein und sieht den Künstlern beim sportiven Warm-up zu.

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Dieses Jahr ist unter anderem die “MIR-Caravan” am Ufer des Flusses zu Gast, ein “wanderndes Dorf ” von elf europäischen Theatergruppen. Die Karawane führt von Namur bis Moskau über Brno -und Frankfurt am Main.

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Mit dabei Horacio Czertok, der Direktor des 1974 in Buenos Aires gegrüdeten “Teatro Nucleo“. Sein frei inszenierter  ”Orlando Furioso!” wurde in Kooperation mit der Antagon TheaterAKTion als Eröffnungsstück präsentiert. Im Vorfeld hatten wir Gelegenheit zu einem Gespräch (in Englisch) mit Czertok und dem Initiator des Antagon, Bernhard Bub. Bub schlägt einen großen historischen Bogen, um seine Art des Theaters zu beschreiben:  “We’re talking about the free theatre movement, which is actually our motivation: to bring this culture. This is a public culture which existed many many years before Frankfurt existed. It was this culture of dancing and talking or sculpturing or playing with the themes of life.[...] I think human being started thousands of years ago to create this culture. Especially here in Europe it became a very strong culture. And this is acually the basic idea and point of this Festival.”  Aber nicht jeder in der Frankfurter Stadtverwaltung teilt diese Begeisterung für die uralte Geschichte der Freien Theaterkultur, obwohl das   ”Amt für Wissenschaft und Kunst der Stadt Frankfurt” das Festival unterstützt. “Die lassen uns echt auflaufen!” kommentiert Bub den Skandal, dass die Zustimmung des Strassenverkehrsamtes erst einen Tag vor dem geplanten Startschuß kam. ”Das sind  Beamte, die dafür bezahlt werden, dass sie das Zusammenleben der Menschen ein bißchen regeln. Aber das macht halt Arbeit.”  Zudem gehen ein paar der Anwohner präventiv von zu erwartender Ruhestörung aus, was die Kommunikation zwischen der Stadt und den Trägern des Events erschwert. Ihnen hält Bub entgegen: “Dieses Festival herzustellen ist enorme Arbeit. Die Idee dahinter kommt von Frankfurtern, die hier in dieser Stadt noch eine andere Kultur realisieren wollen  außerhalb dieser aalglatten Club- und King Kamehameha- Geschichte. Das sind Menschen freier Theaterkultur!”

Menschen freier Theaterkultur

Menschen freier Theaterkultur

Damit sind nicht nur die Jongleure, Stelzenläufer und Feuerschlucker vom klassischen Straßentheater gemeint, wie Czertok klarstellt: “We make theatre for all kinds of spaces. It can be a street, it can be a Square or a factory [...] it depends.[...]Theatre means complexity, means characters, means a story which is told and at least means a special treatment of the spaces and the relationship between actors and spectators.[...]“.Dies sei eine alte Tradition. Czertok amüsiert sich darüber, wenn manche meinen, die freien Theater würden gegen das traditionelle Theater arbeiten:  “We are a real, traditional theatre, coming from a sort of circle between audience and spectators actors and stories that were told in this ‘commedia dell’ arte’. The italian tradition is coming from there.”  Aber nicht nur in Italien, auch in Frankfurt gibt es diese Form schon lange. Schon vor 20 Jahren sollte Czertok in einer Coproduktion mit dem Mousonturm den Don Quichotte als Mischung von Strassentheater und klassichen Elementen inszenieren.  Ziel des freien Theaters ist laut Czertok eine gemeinsame Sprache zu finden. Die übliche Vorstellung von Theater kette dieses an die jeweilige Literatur. Ihr Theater jedoch arbeite mit einer  poetischen Sprache, die auf der ganzen Welt verstanden wird. : “So these forms of theatre, that ‘Antagon’ practises -and we, ‘Teatro Nucleo’- this common idea is the search for a language, which is bypassing differences.[...]We use words, but in a poetical way, not like in prosa.”  So reagiert das Publikum auf ihre Vorführungen trotz aller Verschiedenheiten ähnlich, egal ob in Rumänien, Deutschland oder Kamerun.  Die Intensität der Verbindung zum  Publikum unterscheidet dieses Theater nicht nur von der Literatur,  sondern auch von anderen “nichtauthentischen” Medien. “It’s like a wave between the actors and the audience, an it is connecting emotion in a special way. You cannot do it in TV or a film.

Technisch unerfaßbar

Technisch unerfaßbar

[...] Theatre is happening in this moment and you cannot make it happening again. Even if you make a video, it is not functioning. [...] This is the basic thing of the culture, we are losing. And because we are losing it people are more and more sticked to medias and stuff. We are losing a very, very important part of our cultural identity” knüpft Bub  an. Die Inspiration durch “Teatro Nucleo” war für ihn vor zwanzig Jahren ausschlaggebend, ein ähnliches Projekt auf die Beine zu stellen.

Zelt

Derzeit residiert die “Antagon TheaterAKTion” im ehemals industriellen Stadtteil Fechenheim, ist jedoch häufig unterwegs- in Aktion eben. Die Spezialisten für “Herzkommunikation” und “Non-Verbal-Theatre” haben sich in fünfzehnjähriger Kleinarbeit mit den “Antagon Hallen” und dem umliegenden Gelände einen guten halben Hektar Raum geschaffen, in dem gewohnt, gelebt und gearbeitet werden kann. Diese Verbindung von Kunst und Leben macht  für einige der beteiligten Schauspieler sicher einen besonderen Reiz aus.  Auch hier bedeutet das aber:  die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und in der Gruppe Lösungen zu erarbeiten. Immer noch basiert die Unterstützung bei den meisten Unternehmungen auf der Hilfe interessierter Freiwilliger. Um so größer ist dafür die Freude, über die wachsende Beliebtheit der Aufführungen und der Sommerwerft.

Wen jetzt noch Zweifel plagen, ob der beeindruckenden Imaginationskraft, die Schaffensbedürfnis, künstlerische Vision und Durchhaltevermögen erzeugen, der mache sich sein eigenes Bild. Die Frankfurter Sommerwerft arbeitet und träumt noch bis zum Ende dieser Woche . Der Eintritt ist frei.

Weiterführende Informationen unter:

http://www.mircaravan2010.eu/IMG/pdf/Programm2010_sm.pdf


Ein Kommentar zu “Frankfurter Sommerwerft 2010 – Feuerschlucker am Fluss”

  1. Alice

    Das hört sich ja toll an. Ich bin grosser Fan von Theater, Zirkus…ist bestimmt spannend so ein Feuerschlucker am See…. überhaupt die Atmosphäre im Sommer, im Freien… :)

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