Frankfurter Gemeine Zeitung

Sommerzeit

Es kann schon als alljährliches Ritual unserer traditionell aufgeklärten FR gelten: mit den ersten lauen Nächten wird journalistisch die (Rück-)Eroberung des „öffentlichen Raumes“ zelebriert.

Deutschland liegt im Sommer doch am Mittelmeer.

Bei allem Spaß ist dies für die Lady FR ein überaus ernsthafter Vorgang, was sich in den beigefügten Stellungnahmen wissenschaftlicher Experten manifestiert. Durch sie erhält es die notwendigen Weihen, wird aus den Niederungen trivialer Wünsche und Selbstverständlichkeiten herausgehoben, zum Ausdruck gesellschaftlicher Bewegung, Indiz zivilen Lebens, Spontaneität in einer nahezu durchregulierten Alltags-Welt.

Opern-Fest

Jedoch möchte man den VerfasserInnen zurufen: lasst es gut sein, amüsiert euch und schlaft euren Rausch aus, statt mit vollgedröhnter Birne zur Arbeit zu schreiten. Doch leicht angesäuselt sieht man Geflechte und Beziehungen, die sonst nicht so richtig zusammengehören wollen. Da geraten diese Feten schon mal zu Manifestationen liberaler Bürgerlichkeit und demonstriert der Deutsche seine volle libertäre Blüte.

Da reibe ich mir doch einmal die Augen, was wirklich hinter einer Fete im Günthersburgpark sich verbirgt und stelle erstaunt fest, dass es sich am Friedberger Platz nicht nur um einen (hochpreisigen) Wochenmarkt handelt, sondern in Wahrheit um die „Urmutter aller Spontanfeten“, Ehrfurcht macht sich breit beim Wandeln über diesen gesalbten Boden. Na ja, Hauptsache hinterher ist aufgeräumt. Wie schrieb schon Werner von Siemens an sein Schwesterlein: „und denk dir, während der gesamten Revolution kein einzig Stück Eigentum angerührt.“ Also, bleibt doch alles im Rahmen in diesem unseren Lande.

Und die Geschichte, dass hier – wenigstens ursprünglich – keine ökonomischen Interessen verfolgt werden, muss denn auch gleich als Ausdruck freiheitlich rebellischer Gesinnung herhalten. Offenbar genügt es einfach nicht mehr, einen lauen Abend geniessen zu wollen, es muss einen gruppendynamischen Nutzen verfolgen, wenn schon kein Geschäft damit gemacht wird.

Da wird denn auch schnell mal die Eigengesetzlichkeit eines gediegenen Zechgelages an den Weinständen und in und um die Kneipen des Friedberger Platzes zu einer strategischen Eroberung durch die Zivilgesellschaft. Trotz des friedlichen Charakters der Veranstaltung.

Noch jede Initiative, genußhaftes Leben auf die Gass zu bringen, ist im glücklichen Hafen der Ökonomie gelandet – vom Strassenfest Rotlintstrasse zur Schweizer Strasse. Als dies alles gut lief, konnten Opernplatz und Freßgass nicht abseits stehen. Da nun Plätze und Strassen wieder dem ökonomischen Klientel zurückgegeben worden sind, bleiben nur noch die Flächen, für die sich jenes nicht besonders interessiert. Und für die wird gegenüber dem potentiell unbotmäßigen Leutchen schnell klar gemacht: „bei Demonstrationen sind die Fußgängerwege und Ampeln zu beachten!“

Unsere teilnehmenden Beobachter von der FR machen in bester demokratischer Manier auch keinen Unterschied, Fest ist Fest.

Erst die Einordnung ins Allgemeine bestätigt das Besondere, erst das abstrakte Verstehen macht das Sich-Verstehen möglich. Und man stelle sich vor, alles ohne Fernsehkameras, statt auf die Großleinwand schaut man seinen Nächsten an.

Nun ist manche „Spontan-Fete“ ausgeartet wie das dann doch im Fernsehen betrachtet werden konnte. Das lässt darauf schliessen, dass Fete doch nicht so ganz gleich Fete ist. Da ist es geraten, das noble Koma-Saufen am Friedberger Platz als Vorbild der Öffentlichkeit schmackhaft zu machen.

Es  ist vor allem die Wurstigkeit, mit der verschiedene Erscheinungen unter den Nenner einer banalen Spaßgesellschaft gebracht werden. Die Motivation eines Klientels, das im Laufe von Gentrifizierunsprozessen einen Stadtteil übernimmt, ist kaum mit der gleichzusetzen, mit der, die andere bewegt, Sperrzonen umzunutzen.

Ersteres ist Ausdruck, dass man bereits im Besitze der Stadt (des Stadtteils) ist, Letzteres der Versuch mit aller Selbstverständlichkeit, verbotene Räume wieder dem (städtischen) Leben einzuverleiben.

Das Berger Strassenfest stellt im Rahmen des „Rechts auf Stadt“ eben keine Erweiterung des öffentlichen Raumes dar, sondern ist die Ausdehnung des ökonomischen, angereichert mit ein bisschen Kultur, die von denen betrieben wird, die sich das Wohnen im Viertel gar nicht mehr leisten können. Dabei fällt den berichtenden Kriegsgewinnlern nicht ein, dass sie Manifestationen verschiedener Bedürfnisse in einem Topf verrühren, um sie dann als post-modernen life-style zu bagatellisieren.

Die hier angestellte Überlegung ist leicht zu überprüfen, man sich stelle sich einfach vor, was geschieht, wenn dieser „öffentliche“ Raum mit dem Slogan „bezahlt wird nicht“ besetzt wird. Der Strassenmusikant, der sich schlicht an der Ecke aufstellt, hat ernste Konsequenzen zu fürchten, er wird mit Misstrauen und Missfallen angeschaut, gehört er doch offensichtlich nicht hierher, das ist ebenso klar wie die Tatsache, dass die aufgestellten Tische und Bänke Mobiliar des privaten Raumes der Aufsteller sind.

Einem Zusammentreffen all jener, die sich der Stadt annehmen, weil sie gerade diesem scheinbar unaufhaltsamen Vordringen ihre Wünsche entgegensetzen, kann man sich nur anschliessen.

Es sei an Ernst Bloch erinnert, der meinte, es müsste manch eine Stadt geschliffen werden.


9 Kommentare zu “Sommerzeit”

  1. Dussel

    Will uns da jemand das schöne Nordend mies machen? Noch nie gab es so viele Kneipen mit Gärten, die Strassen so belebt.

  2. Trickster

    Na klar, Dussel, es geht darum in Sack und Asche von Armani und Blindenbrillen von Rayban durchdas Viertel zu laufen.

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