Frankfurter Gemeine Zeitung

Filzherzchen. Wie die Frankfurter Rundschau eine Stadtsoziologin porträtiert.

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Wie eine Stadt tickt”, dem geht laut Überschrift die aktuelle Wochenendausgabe der FR vom 3.-4.6. nach, und zwar anhand des unaufgeräumten Schreibtisches und der im direkten Vergleich aufgeräumt wirkenden Person der Stadtsoziologin Martina Löw. Die Unterzeile verkündet:“Mein Schreibtisch. Die Stadtsoziologin Martina Löw erschließt, was typisch für eine Kommune ist”. Fast die gesamte Seite F24 hat man dem Ticken der Stadt eingeräumt, so dass für die anderen Themen: “Andre Roth bekommt einen Hörsturz”, “Bernd Ehinger bekommt Brustschmerzen” und “Birgit Prinz bekommt die Blutgrätsche” nur noch die undankbare Fußleiste bleibt.
Wie nähert sich die alte Tante Rundschau einer Stadtsoziologin ? So wie das alte Tanten zu tun pflegen: übergriffig. Wir lesen da: “Gleich neben dem Laptop liegt ein kleines Beutelchen, auf das Martina Löw nicht gerne verzichtet, wenn sie das Haus verlässt. Ein Täschchen aus grünem Filz, das Geschenk einer Freundin, das von einem rötlichen ebenfalls aus Filz gefertigten Herzchen geziert wird. “Genau richtig für Visitenkarten und Lippenstifte”, findet die Stadtsoziologin, die bei den Lippenstiften bevorzugt Rottöne variiert.” Na? Schwirrt da nicht ein Hauch von “Sex in the City” durch die Luft? Obwohl die FR ja traditionell wie die Stadtsoziologin eher Rottöne variiert. Allerdings möchte ich wetten, das grüne Filz-”Täschchen” ist kein Geschenk einer Freundin. Eher von einer der grünen Filzexpertinnen in der Stadt. Oder von Johnny Klinke. Aber das ist das kleine Geheimnis von Martina Löw, das niemals über ihre in variierenden Rottönen schimmernden Lippen kommen wird.
Seien wir fair. Der Artikel beginnt nicht mit Täschchen und Herzchen , sondern mit dem Thema: STADT. Man sieht es förmlich vor sich. FR-Schreiber Matthias Arning sitzt in brütender Hitze vor seinem eigenen Schreibtisch, um den Schreibtisch von Martina Löw zu beschreiben. Und das Ticken der Stadt auch noch. Alle anderen sind beim Public viewing. Mist! Dieses Ticken, dieses Pulsieren, der hämmernde Rhythmus der Metropole muss gleich am Anfang, rüberkommen, also schreiben wir einfach mal hin: “Frankfurt.” Sonst nichts. Frankfurt Punkt. Ha! Expressionistische Lakonie UND Sachlichkeit. Das tickt schon mal. Wie weiter? So: ” Frankfurt. Warum eigentlich Frankfurt?” Das hat sich hier schließlich jeder schon mal gefragt. Aber jetzt schnell Fakten, Fakten, Fakten: “Könnte doch auch Darmstadt sein, wegen der Verbindung zu ihrem Lehrstuhl an der dortigen technischen Universität. Oder Konstanz, wo sie gegenwärtig auch Studenten unterrichtet. Oder vielleicht sogar Basel, die Stadt, die sie ins Kuratorium zur Vorbereitung einer internationalen Bauausstellung berufen hat, um die trinationale Region weiter zu entwickeln” Stimmt. Frankfurt könnte auch Darmstadt, Konstanz oder Basel sein. Aber, ah,  warum hat sie mir jetzt noch mal gesagt, warum sie in Frankfurt ist? Ach,… eh egal, weiter gehts, jetzt die Auflösung, der Name: “Nein, es ist Frankfurt am Main. Und Martina Löw hätte schon gerne “mehr Zeit in dieser Stadt”, was aber gegenwärtig nicht geht. “Es ist kein Junge, es ist kein Mädchen, “nein, es ist Frankfurt am Main”, das in diesen Sätzen von ihrem stolzen Erzeuger empor gehalten wird. Und es ist Martina Löw, die sich gegen Darmstadt, Konstanz und “vielleicht sogar Basel” entschieden hat. Für Frankfurt. Das freut die Frankfurter Leser. Denn die Löw ist ja sogar Stadtsoziologin und ist auch in einer Menge anderer Städte zugange.

Was ist aber nun typisch für Frankfurt? “Für sie selbst ist es das Gefühl “mittendrin zu sein”, in dieser Stadt.(…) Insgesamt sei Frankfurt für sie einer Stadt der Gleichzeitigkeit von Hochhäusern und dem Bemühen, das historische Erbe in der Altstadt zu bündeln. “ Ja, also das….das kann man schon so sagen… glaube ich. Deshalb ist Martina Löw auch gegen den Abriss des Technischen Rathauses, denn “an dieser Stelle hätte sich wirklich die Möglichkeit ergeben, “die Stadt nach vorne zu denken.” Das findet Matthias Arning “Typisch Löw. “ und wie gerne hätte er jetzt vermutlich aktuell weiter geschrieben über die Möglichkeit, den Fußball nach vorne zu denken, aber nein, erst muss der Artikel über die Stadtsoziologin und das Ticken der Stadt fertig werden, und weils jetzt dem Ende entgegengeht muss auch der Schreibtisch noch mal reingeschoben werden, zumindest in den Satzbau: “Ihr Nachdenken, das sich für sie auch mit diesem Schreibtisch im Dachgeschoss verbindet (…), ihr Nachdenken suche immer wieder aktuelle Bezüge.” Auf dem Foto ihres Schreibtisches liegt “Alfred Schütz: Theorie der Lebensformen” gut sichtbar zuoberst. Daneben noch ein  Filzherz.  Die Unterzeile beschreibt dieses Arrangement: “Glasklare Überlegungen gegen politisches Kalkül. Und mit Herz. Martina Löws Arbeitsfläche.”  Offenbar dürfen “glasklare Überlegungen“ wie die oben zitierten sich nicht mehr mit Politik befassen. Das wäre ja sonst ja irgendwie…herzlos.  Was wohl Alfred Schütz zu so etwas gesagt hätte? Egal, denn “Immer wieder geht es für Martina Löw um die Frage: “Wie kommt der Sinn in die Stadt?” Und das ist ja eine interessante Frage, fürwahr.

Aber wir, die wir mit blutenden Filzherzen durch die Strassen laufen, fragen uns auch: wie kommt der Unsinn in die Stadt?

Frankfurt.


8 Kommentare zu “Filzherzchen. Wie die Frankfurter Rundschau eine Stadtsoziologin porträtiert.”

  1. Dussel

    Wunderbar. Arning, der Chef der Lokalredaktion versteht sich als Aussenstelle der Frankfurter IHK und der Marketingabteilung des Römers. Da passt “Gleichzeitigkeit von Hochhäusern und dem Bemühen, das historische Erbe in der Altstadt zu bündeln” doch wunderbar. Frankfurt verwurstet doch so wunderschön, da braucht man das Filzherz. Glasklare Überlegungen für ökonomisches Kalkül.

  2. Trickster

    Es fällt immer schwerer, eine deftige Satire zu schreiben, da man damit recnen muss, dass eine wesentlich bessere Version bereits frühmorgens an der Haustür liegt. Die ist dann mit so viel Herzblut verwurstet, dass man nur noch anerkennend nicken kann. Es macht Lust auf Fortsetzung.

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