Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Stadt der Höhenangst

Höhenangst

Hallo Bob.

Ich werde den QMS-12 hier auf der Herbstjahresmesse für „Architektur und telekinetische Umzugstechnik“ vorstellen, natürlich werde ich das tun, aber es geschieht gegen meine innere Überzeugung. Der QMS ist ein Apparat gegen Höhenangst. Er gehört nicht auf die Frankfurter Messe, er gehört auf die Hamburger Messe für Agoraphobie.

Ich sagte meine Meinung auf dem Meeting deutlicher als sonst. Ich sprach mit einer überwältigenden Überzeugungskraft, einer Überzeugungskraft, die ich selten besitze. Möglicherweise rühert sie von der ungewohnten sommerlichen Hitze.Gewöhnlich sind die Winter hier in Frankfurt unendlich lang. Aber jetzt im Sommer haben wir während der Meetings die Fenster weit geöffnet und der Mond scheint in den Raum, kalt und hell.

Es war eine dieser nächtlichen Geschäftsbesprechungen, die wir auf den Vorschlag von Georg abhalten. Georg meinte, dass in der Nacht neue Ideen „freier fließen“ als am Tag.

Aber ich habe keine neue Ideen, ich habe keine Ideen, ich habe überhaupt keine neuen Ideen.

Georg läßt während der Besprechungen immer wieder seinen Kopf auf den Arm sinken. Vielleicht schläft er. Vielleicht ist er auch verzweifelt oder denkt über etwas nach. Aber warum? Der QMS ist eine Weltneuheit. Wozu brauchen wir neue Ideen? Die Höhenangst verschwindet an jedem Ort, an dem man ihn aufstellt und man kann ihn überall aufstellen. Der QMS ist eine Weltneuheit und sämtliche Rechte an ihm gehören uns.

 Auf der Frankfurter Herbst-Messe aber werden die vozüglichen Eigenschaften des QMS-12 verschwinden zwischen Videobeamerprojektionen von Stadtzentren, Bildern fremder Fußgängerzonen und königlicher Kadettenanstalten. Sie werden verschwinden zwischen den blauen Röcken trauriger Stewardessen. Ein Kellner wird kommen. Er wird die vorzügliche Eigenschaften des QMS mit einer Papierserviette von seinem Mund abwischen. Aber wenn wir ihn bereits in Frankfurt gezeigt haben, können wir den QMS bei der Tagung für Agoraphobie in Hamburg nicht mehr als die Weltneuheit präsentieren, die er ist, die er ist, die er ist.

Ich hatte alles gesagt, was es zu sagen gibt. Die Fenster waren weit geöffnet, der Mond schien in unser Besprechungszimmer. Georg hob den Kopf von seinem Arm, er ordert Kaffee. Auf einem fahrbaren Untersatz wurde von Herrn Chu und Herrn Chuwantu, unserem beliebten siamesischen Zwillingspaar der neue Wasserspender hereingefahren.

Wir tranken aus Plastikbechern das wohltuende Wasser und zeigen einander die Fotos unserer Kinder. Wir beraten uns bei möglichen Urlaubszielen, denn dieser Sommer wird nicht ewig andauern.

In diesem Moment meldete sich Beatrice zu Wort. Sie schaut während ihrer Ausführungen permanent in ihren Laptop und tippt ab und zu ein paar Zeilen ein, als würde sie gerade aktuelle Informationen zum Thema erhalten. In Wirklichkeit liest sie während der Meetings Mails, privaten, geradezu obszön-privaten Inhalts. Das hat mir P. verraten, die immer während der Meetings neben Beatrice sitzt.

 Beatrice fing damit an, mich zu fragen, ob ich mir jemals überlegt habe, was für einen grundsätzlichen Vorteil der Einsatz von Telekinese für Umzüge bedeutet, gerade für Ehepaare mit Kindern. Kinder haben wenig Geduld, und statt vieler Stunden dauert ein telekinetischer Umzug im Durchschnitt nur 7 Minuten. Außerdem ist man nie mehr auf die Dienste betrunkener, unwilliger MÖBELPACKER angewiesen. Möbelpacker sind entweder schweißüberströmt oder hinfällig. Mit den hinfälligen muss man Mitleid empfinden. Warum aber soll man bei einem Umzug gezwungen werden, Mitleid für fremde Menschen zu empfinden?

Barbara ließ bei diesen Worten ein paar besonders abstoßende Fotos von Möbelpackern herumgehen. Ausserdem bezeichnet der Begriff der Agoraphobie wie ich doch hoffentlich wissen würde die Angst, über einen grossen offenen Platz zu gehen. Abgesehen davon, dass diese Art der Angst von der Höhenangst, gegen die der QMS-12 eingesetzt werden könnte, mindestens ebenso weit entfernt sei wie die Höhenangst ihrerseits von der Telekinese, sei die Agoraphobie seit Jahren rückläufig, weil die Anzahl der offenen freien Plätze in den Städten aufgrund der intensiven Bebauung mit Kadettenanstalten und Gastrozelten permanent abnehme. Hingegen verzeichne die Höhenangst hervorragende Zuwachsraten ebenso wie die telekinetischen Umzugsunternehmen. Die Höhenangst sei die Angst der Zukunft und Frankfurt sei die Stadt der Höhenangst. All dies zusammengenommen fände sie meine Polemik gegen die Frankfurter Messe reichlich abwegig. Außerdem habe sie soeben die Information erhalten, -sie blickte in ihren Laptop-dass die Koreaner mit einem eigenen Apparat gegen Höhenangst auf der Herbst-Messe vertreten sind.

Ich wollte einwenden, dass man bislang von keinem einzigen geglückten telekinetischen Umzug gehört habe, aber Georg stand auf, gab mir die Hand und sagte, ich solle mir eine Woche freinehmen und die Messe vorbereiten.

Ich stand noch eine Weile in dem leeren Besprechungszimmer und trank Wasser. Es fing an zu tagen. Der Boden war bedeckt mit Bildern von Kindern, schweißüberströmten Möbelpackern und Reiseprospekten. Im dämmernden Tageslicht sah ich, dass in dem Tank des Wasserspenders eine tote Ratte schwamm. Herr Chu und Herr Chuwantu hatten sie offenbar übersehen, weil wir wegen des hellen Mondlichtes das Deckenlicht nicht eingeschaltet hatten. Mir wurde übel. Ich überlegte, ob ich Georg eine Notiz zu dem Vorfall hinterlassen sollte, aber ich nahm an, dass das Herrn Chu und Herrn Chuwantu in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht hätte. Ich meine aber, wer sich heutzutage entschliesst, ein siamesischer Zwilling zu sein, dem sollte man immer eine zweite Chance geben.

 


12 Kommentare zu “Die Stadt der Höhenangst”

  1. Christian Dombrowski

    Hauptsätze, kräftig wie Knäckebrot, die mit größter Selbstverständlichkeit Auskunft geben von einer nicht ganz realen Realität. Die Geschäftsbesprechung bei Mondschein, ein Apparat gegen Höhenangst, Telekinese bei Umzügen, kellnernde siamesische Zwillinge, die tote Ratte im neuen Wasserspender … Vielleicht spielt die Geschichte in der Zukunft. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn die Teilnehmer der Sitzung am Ende davongeflogen wären.

    Der Text ist straff gespannt wie das Fell einer Pauke, kein Ornatus, kein Beiwerk, die meisten Sätze dürfte man um keine Silbe länger oder kürzer machen.

    Lieblingsbild: „Ein Kellner wird kommen. Er wird die vorzüglichen Eigenschaften des QMS mit einer Papierserviette von seinem Mund abwischen.“

    Lieblingssatz, wunderbar abgedreht: „Ich meine aber, wer sich heutzutage entschließt, ein siamesischer Zwilling zu sein, dem sollte man immer eine zweite Chance geben.“

    Bert, ich glaube, die Erzählung wäre noch intensiver, wenn sie im Präsens stünde. Ich habe das Wortecho beim „wohltuenden“ Wasser entdeckt, überrascht und fröhlich.

  2. Bert Bresgen

    Wenn das alles so für den Leser erscheint, habe ich mein Ziel erreicht. Thanx a lot for the lob, Mr. Dombrowski!
    Habe auch schon über das Präsens nachgedacht, bin aber noch unschlüssig. Na, und Dein Lieblingssatz ist auch meiner, da er in der Tat meine tiefste überzeugung artikuliert.

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