Frankfurter Gemeine Zeitung

Gefakte Unterhemden gegen Mieterhöhung

abwertungskit

Florian K. hat oben in “Scherben bringen Glück” schon den Weg gezeigt, wie man der Gentrifizierung des eigenen Quartiers entgegenwirken kann. Aber warum selbst Hand anlegen, eckliges Geschirr stehen lassen oder echte Callshops einrichten, um zu verhindern, dass sich die jeunesse dóre und die “Kreativen” sich all der schönen Wohnungen bemächtigt? Eine Initiative mit dem schönen Namen  ”Es regnet Kaviar” stellt auf ihrer Seite ein Abwertungskit zur Verfügung, mit man die eigene Wohnung aus Sicht von Immobilienhaien mühelos abwerten kann. Und so geht’s: Das große Bild des Abwertungskits auf den PC laden,im Copyshop ausprinten lassen, ausschneiden – und los! In dem Bastelbogen sind laut Auskunft der Kaviaristen folgende Atrappen enthalten:
- Atrappe 1 sieht aus wie…. ein gewöhnliches Unterhemd. Das gewöhnliche Unterhemd wirkt enorm asozial, besonders wenn es zum Trocknen vor’m Fenster hängt! Verstärken lässt sich der Effekt durch an Balkon oder Fenster montierte Wäscheständer. Da bekommt der Investor das Fürchten!
- In Gegenden mit niedrigen Mieten schmücken viele Satellitenantennen die Fassaden- Machen Sie sich diesen Umstand zu nutze – montieren Sie drei oder vier Sat-Antennenfakes (2) an ihre Fassade.
- Nicht nur Florian K. weiss: Nichts löst den broken windows Effekt besser aus als ein zersplittertes Fenster? Deshalb findet sich auch ein unechtes  zerbrochenes Fenster (3) im Kit.
- “It looks getto-rigged” sagt der Amerikaner, um nachlässig durchgeführte Montagen und Reparaturen zu beschreiben. Verbreiten auch Sie eine Atmosphäre der Unsicherheit durch wild zugetapte Fenster, Mauern, scheinreparierte Rohrleitungen (4)  etc. Aber aufgepasst: nicht zu kreativ werden – denn wo Kreative arbeiten steigen die Mieten.
- Fügen sie ausländische Namen auf ihrem Klingelschild (5) hinzu (oder auf dem ihrer Nachbarn).
- Besonders wenn Sie im Erdgeschoss wohnen: lassen Sie ihre Wohnung aussehen wie einen 55-Cent-Laden – oder noch besser: wie einen gescheiterten Discounter (6-8).
- Nichts ist asozialer als eine Lidl-Tüte! Stellen Sie die auf den Balkon – oder hängen Sie die aus dem Fenster! Die Menschen werden denken, Sie hätten die Stromrechnung nicht bezahlt oder Sie könnten sich keine Kühlschrankreparatur leisten! Auch gut: Ware aus teuren Läden in Tüten vom billig Discounter nach Haus tragen (9).
Die Initaitive meint: “Konsequent und von vielen Mietern angewendet, löst der Abwertungskit™ eine Preisspirale nach unten aus: die Reichen verlassen den Stadtteil und ziehen zurück in ihre angestammten Siedlungsgebiete am Stadtrand, Nobelrestaurants senken die Preise – schon bald können Sie in eine grössere, billigere Wohnung umziehen. Und am Ende des Monats liegt eine fette Ersparnis in ihrem Portemonnaie.”

Wir von der FGZ finden: das ist eine runde Sache! Auf gehts: Basteln wir Bastionen scheinbarer Verkommenheit. Und lassen wir die traurigen Anzugträger im Kaviarregen stehen…


Wir sind die Roboter!

Botnetze

Viele von uns sind Teil eines Netzwerkes ohne es zu wissen. Ich selbst bin es wahrscheinlich auch, da ich Firewalls für eine Erfindung von Weicheiern halte, die nur unsere geliebten Online-Games unnötig verlangsamen.

Um es kurz zu sagen, sehe ich es folgendermaßen : Geringe Latenz > Sicherer Zugang.

Die Rede ist natürlich von sogenannten „Botnetzen“. Hierbei werden die Computer nichtsahnender Nutzer mit Malware infiziert, die es anderen ermöglicht, Rechenkapazitäten für ihre Zwecke zu nutzen, meist ohne dass der Nutzer etwas davon mitbekommt.

Auf diese Weise werden dann Spammails verschickt oder digitale Attacken auf Firmen und Regierungsrechner gestartet.

Viele Nutzer wollen natürlich nicht, dass ihr sich ihr Computer ohne ihr Wissen an solchen Aktionen beteiligt.

Aber warum eigentlich nicht?

Ich persönlich amüsiere mich königlich über Spammails und wäre sogar ein klein wenig stolz, an ihrer Verbreitung mitwirken zu dürfen.

„Hello dear friend! b&%uy cheap viagra BEST PRICE.“

Welch eine köstliche Vorstellung vom deutschen „aufgeklärten Konsumenten“, der natürlich an seinem Briefkasten ein Schild mit „bitte keine Werbung“ hängen hat und nun hilflos zusehen muss, wie da ein kleines Stück Südostasien, das er nicht kontrollieren kann, sich in seiner geheiligten Privatsphäre breitmacht.

Da denke ich mir doch „welcome to global village motherf***er“ und nehme für diesen Spaß auch die nervigen Seiten der Spammerei gerne in Kauf.

Und welcher nur halbwegs politisch linke Mitbürger hätte es sich nicht schon einmal gewünscht, dass von seinem Rechner aus eine DoS-Attacke auf den Server eines der skrupellosen Großkonzerne verübt wird?

Teil eines Botnetzes zu sein, ist also eine Form von politischem Engagement.

Außerdem haben die Bot-Herder (= Botnetz-Betreiber) oft ihren Sitz in wirtschaftlich schwächeren Ländern. Botnetze haben also auch eine Art Robin-Hood-Charakter und dienen der wirtschaftlichen Umverteilung zu Gunsten benachteiligter Länder.

Teil eines Botnetzes zu sein, ist also durchaus besser als an irgendwelche Hilfsorganisationen zu spenden, da letztere durch ihre Almosen die Abhängigkeit der Dritten Welt fördern, während die Bot-Herder durch ihre Umsätze zu einer Verbesserung des Bruttoinlandsproduktes dieser Länder beitragen.

Und die Botnetze erhöhen die versendete Datenmenge durch und erschweren damit die Kontrolle versendeter Daten durch autoritäre Regierungen.

So dienen sie auch noch der Verteidigung von Meinungsfreiheit und Demokratie.

Zu guter Letzt helfen Botnetze dann auch bei der Verbreitung und Aufrechterhaltung von Angeboten, die in manchen Ländern als illegal eingestuft werden.

So helfen sie mit, dass das Internet ein Platz bleibt, an dem man alles bekommt was es gibt und nicht nur alles was erlaubt ist.

Darum:

FIREWALL ABSCHALTEN!

Wir sind die Roboter!


Scherben bringen Glück

Broken Window

Eine Lieblingstheorie der Neokonservativen und Law-and-Order-Befürworter ist die Broken-Window-Theorie.

Diese besagt, dass jede kleine Störung der öffentlichen Ordnung zu einem Verfall der Sitten und damit zu einem Sinken des Sicherheitsgefühls der Bürger führen kann.

Um sich das zu verdeutlichen stelle man sich ein Haus vor, dass zwar leersteht, aber ordentlich und intakt aussieht.

Nun schmeißt jemand eine Scheibe ein.

Nach der Broken-Window-Theorie senkt dies die Hemmschwelle, auch weitere Scheiben einzuschmeißen. Irgendwann fangen die Leute an, Müll vor dem Haus abzuladen. Es ziehen Obdachlose und Drogensüchtige ein. Das ganze Haus wird mit Graffiti beschmiert.

Die Bewohner der umliegenden Häuser fühlen sich bedroht und wer Geld hat zieht um. Dadurch entstehen neue leerstehende Häuser, deren Scheiben nun auch eingeworfen werden.

Langsam verwandelt sich ein einstmals sicheres und sauberes Stadtviertel in einen Slum.

Soviel zur Theorie.

Wer einmal in einer WG gewohnt hat und diese konsequent über mehrere Wochen versiffen lassen hat, weiß, dass diese Theorie durchaus ihren wahren Kern hat.

Wo ein Haufen verkrustetes Geschirr in der Spüle steht, stellt man seinen schmutzigen Teller dazu, statt endlich einmal abzuspülen.

Der sicherste Weg, seine Wohnung sauberzuhalten ist, alles sofort nach der Benutzung zu reinigen.

Was aber nun, wenn man sich durch die Gentrifizierung, die klinische Sauberkeit und einschläfernde Sicherheit seiner Stadt gestört fühlt?

Was tun wenn man in einer Nachbarschaft voll Yuppies oder Reihenhausbesitzer wohnt?

Auch in diesem Fall kann die Broken-Window-Theorie eine Antwort geben. Zwar sollte man auf das tatsächliche Einwerfen von Fenstern verzichten, wenn man nicht auf lange Sicht Ärger mit der Polizei haben will.

Auch sollte man sich bestimmt kein Beispiel an den Berliner und Hamburger Chaoten nehmen, die irgendwelche geparkten Autos abfackeln. Dies ruft nämlich einen öffentlichen Aufschrei der Empörung hervor, der politisch gesehen eher kontraproduktiv ist.

Außerdem ist es dem einzelnen Autobesitzer gegenüber hochgradig unfair, der letztlich ja nichts verbrochen hat außer Teil des Systems zu sein, in dem er lebt.

Und selbst der alternativste Alt-68er wird lauthals nach der Staatsgewalt schreien, wenn er sein Auto brennen sieht, was man ihm nicht einmal verdenken kann.

Nein… subversiv ist man subtil und nicht mit dem Holzhammer.

Darum lieber bei McDonalds essen gehen, als an Autos zündeln!

Denn was könnte mehr zur nachhaltigen Versiffung eines Stadtviertels beitragen, als eine McDonalds-Filiale, die man auch ohne das große rote Schild finden würde, da man nur den Massen an weggeworfenen Tüten und Pappbechern folgen muss. Außerdem lockt McDonalds eine Kundschaft an, die erfrischend urban und unnachhaltig denkt und lieber besoffen an Hauswände uriniert, als gemeinsam mit der Stadtteilinitiative „Schöner Wohnen“ Blumenrabatten anzulegen.

Eine weitere zu ergreifende Maßnahme wäre der flächendeckende Aufbau einer Infrastruktur an Callshops, Wettbüros, Spielotheken und Shisha-Bars. Erstens sorgen diese mit ihren Leuchtreklamen für ein wunderbar urbanes Stadtbild. Zweitens kann man in vielen Callshops auch nachts noch Bier kaufen. Drittens ziehen diese Läden eine bestimmte Klientel an.

Das sorgt dafür, dass an den Häuserecken bald eine Horde junger Männer mit Tyson-Frisur steht, die laute RnB-Musik aus offenen Autos hören und alle 30 Sekunden auf den Boden rotzen.

Diese wiederum sind ein erfolgreiches Abschreckungsmittel gegen Yuppies und sorgen so für die Aufrechterhaltung fairer Mietpreise im Viertel.

Die fairen Mietpreise sorgen für eine gesunde und bunte Mischung an Studenten-Wohngemeinschaften, Hartz IV Empfängern, illegalen Einwanderern, Jugendlichen und natürlich auch Alkoholikern, die sich wiederum positiv auf die Öffnungsdauer der örtlichen Kioske auswirken.

Gerade die Hartz IV-Empfänger sind für ein intaktes Stadtleben unerlässlich, da sie die Straßen dann bevölkern, wenn die übrigen Bürger bei der Arbeit sind und so für eine mondäne Lebhaftigkeit sorgen.

Mit ein Bisschen Initiative könnte man so vielleicht etwas Bangkok-Feeling sogar ins verschlafene Frankfurter Nordend bringen.

Unbedingt ratsam ist es auch, sein Bier nicht alleine daheim, sondern gemeinsam auf der Straße zu trinken. Dies schreckt Spießer ab, während sich weltoffenere Zeitgenossen zum Mittrinken animiert fühlen.

So entstehen fröhliche und spontane Zechgelage.

Von den liegengelassenen Pfandflaschen profitieren dann wiederum Obdachlose, die in Scharen in das anti-gentrifizierte Viertel strömen.

Hilfreich ist es auch, örtliche Punker regelmäßig mit kleinen Geldspenden zu beglücken. Denn wo Schnorren erfolgreich ist, besteht die Chance, dass sich die Punker auf Dauer niederlassen und sich eine blühende urbane Subkultur bildet.

So erhält man ein pulsierendes, energetisches Viertel und die Ordnungskräfte haben bald Besseres zu tun, als irgendwelche Personenkontrollen durchzuführen, bloß weil die selbstgedrehte Zigarette eines Jugendlichen verdächtig süßlich riecht.

Die neugewonnene Freiheit schafft eine tolerante Atmosphäre, denn wer würde noch die Nase über einen fremdländisch aussehenden Mitmenschen rümpfen, wenn täglich zwanzig Skater in seiner Einfahrt herumlungern.

Und genau diese Mischung, aus Studenten und Pöbel, aus gesellschaftlich Benachteiligten und Jugendlichen, aus Kioskphilosophen und illegalen Einwanderern ist die eigentliche Brutstätte städtischer Kreativität, die eben nicht in den sauberen Reihenhaussiedlungen, sondern in den versifftesten Stadtteilen entsteht.

Darum die erste Scheibe brechen. Denn Scherben bringen Glück.


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