Frankfurter Gemeine Zeitung

Scherben bringen Glück

Broken Window

Eine Lieblingstheorie der Neokonservativen und Law-and-Order-Befürworter ist die Broken-Window-Theorie.

Diese besagt, dass jede kleine Störung der öffentlichen Ordnung zu einem Verfall der Sitten und damit zu einem Sinken des Sicherheitsgefühls der Bürger führen kann.

Um sich das zu verdeutlichen stelle man sich ein Haus vor, dass zwar leersteht, aber ordentlich und intakt aussieht.

Nun schmeißt jemand eine Scheibe ein.

Nach der Broken-Window-Theorie senkt dies die Hemmschwelle, auch weitere Scheiben einzuschmeißen. Irgendwann fangen die Leute an, Müll vor dem Haus abzuladen. Es ziehen Obdachlose und Drogensüchtige ein. Das ganze Haus wird mit Graffiti beschmiert.

Die Bewohner der umliegenden Häuser fühlen sich bedroht und wer Geld hat zieht um. Dadurch entstehen neue leerstehende Häuser, deren Scheiben nun auch eingeworfen werden.

Langsam verwandelt sich ein einstmals sicheres und sauberes Stadtviertel in einen Slum.

Soviel zur Theorie.

Wer einmal in einer WG gewohnt hat und diese konsequent über mehrere Wochen versiffen lassen hat, weiß, dass diese Theorie durchaus ihren wahren Kern hat.

Wo ein Haufen verkrustetes Geschirr in der Spüle steht, stellt man seinen schmutzigen Teller dazu, statt endlich einmal abzuspülen.

Der sicherste Weg, seine Wohnung sauberzuhalten ist, alles sofort nach der Benutzung zu reinigen.

Was aber nun, wenn man sich durch die Gentrifizierung, die klinische Sauberkeit und einschläfernde Sicherheit seiner Stadt gestört fühlt?

Was tun wenn man in einer Nachbarschaft voll Yuppies oder Reihenhausbesitzer wohnt?

Auch in diesem Fall kann die Broken-Window-Theorie eine Antwort geben. Zwar sollte man auf das tatsächliche Einwerfen von Fenstern verzichten, wenn man nicht auf lange Sicht Ärger mit der Polizei haben will.

Auch sollte man sich bestimmt kein Beispiel an den Berliner und Hamburger Chaoten nehmen, die irgendwelche geparkten Autos abfackeln. Dies ruft nämlich einen öffentlichen Aufschrei der Empörung hervor, der politisch gesehen eher kontraproduktiv ist.

Außerdem ist es dem einzelnen Autobesitzer gegenüber hochgradig unfair, der letztlich ja nichts verbrochen hat außer Teil des Systems zu sein, in dem er lebt.

Und selbst der alternativste Alt-68er wird lauthals nach der Staatsgewalt schreien, wenn er sein Auto brennen sieht, was man ihm nicht einmal verdenken kann.

Nein… subversiv ist man subtil und nicht mit dem Holzhammer.

Darum lieber bei McDonalds essen gehen, als an Autos zündeln!

Denn was könnte mehr zur nachhaltigen Versiffung eines Stadtviertels beitragen, als eine McDonalds-Filiale, die man auch ohne das große rote Schild finden würde, da man nur den Massen an weggeworfenen Tüten und Pappbechern folgen muss. Außerdem lockt McDonalds eine Kundschaft an, die erfrischend urban und unnachhaltig denkt und lieber besoffen an Hauswände uriniert, als gemeinsam mit der Stadtteilinitiative „Schöner Wohnen“ Blumenrabatten anzulegen.

Eine weitere zu ergreifende Maßnahme wäre der flächendeckende Aufbau einer Infrastruktur an Callshops, Wettbüros, Spielotheken und Shisha-Bars. Erstens sorgen diese mit ihren Leuchtreklamen für ein wunderbar urbanes Stadtbild. Zweitens kann man in vielen Callshops auch nachts noch Bier kaufen. Drittens ziehen diese Läden eine bestimmte Klientel an.

Das sorgt dafür, dass an den Häuserecken bald eine Horde junger Männer mit Tyson-Frisur steht, die laute RnB-Musik aus offenen Autos hören und alle 30 Sekunden auf den Boden rotzen.

Diese wiederum sind ein erfolgreiches Abschreckungsmittel gegen Yuppies und sorgen so für die Aufrechterhaltung fairer Mietpreise im Viertel.

Die fairen Mietpreise sorgen für eine gesunde und bunte Mischung an Studenten-Wohngemeinschaften, Hartz IV Empfängern, illegalen Einwanderern, Jugendlichen und natürlich auch Alkoholikern, die sich wiederum positiv auf die Öffnungsdauer der örtlichen Kioske auswirken.

Gerade die Hartz IV-Empfänger sind für ein intaktes Stadtleben unerlässlich, da sie die Straßen dann bevölkern, wenn die übrigen Bürger bei der Arbeit sind und so für eine mondäne Lebhaftigkeit sorgen.

Mit ein Bisschen Initiative könnte man so vielleicht etwas Bangkok-Feeling sogar ins verschlafene Frankfurter Nordend bringen.

Unbedingt ratsam ist es auch, sein Bier nicht alleine daheim, sondern gemeinsam auf der Straße zu trinken. Dies schreckt Spießer ab, während sich weltoffenere Zeitgenossen zum Mittrinken animiert fühlen.

So entstehen fröhliche und spontane Zechgelage.

Von den liegengelassenen Pfandflaschen profitieren dann wiederum Obdachlose, die in Scharen in das anti-gentrifizierte Viertel strömen.

Hilfreich ist es auch, örtliche Punker regelmäßig mit kleinen Geldspenden zu beglücken. Denn wo Schnorren erfolgreich ist, besteht die Chance, dass sich die Punker auf Dauer niederlassen und sich eine blühende urbane Subkultur bildet.

So erhält man ein pulsierendes, energetisches Viertel und die Ordnungskräfte haben bald Besseres zu tun, als irgendwelche Personenkontrollen durchzuführen, bloß weil die selbstgedrehte Zigarette eines Jugendlichen verdächtig süßlich riecht.

Die neugewonnene Freiheit schafft eine tolerante Atmosphäre, denn wer würde noch die Nase über einen fremdländisch aussehenden Mitmenschen rümpfen, wenn täglich zwanzig Skater in seiner Einfahrt herumlungern.

Und genau diese Mischung, aus Studenten und Pöbel, aus gesellschaftlich Benachteiligten und Jugendlichen, aus Kioskphilosophen und illegalen Einwanderern ist die eigentliche Brutstätte städtischer Kreativität, die eben nicht in den sauberen Reihenhaussiedlungen, sondern in den versifftesten Stadtteilen entsteht.

Darum die erste Scheibe brechen. Denn Scherben bringen Glück.


12 Kommentare zu “Scherben bringen Glück”

  1. Yunus

    *sherd*!

  2. Dussel

    Als Frankfurter sollte man dringend die “Wasserhäuschen” wieder mehr pflegen (woanders: “Kiosk”), die zur Belebung des städtischen Lebens beitragen Leider wurden sie oft durch Tankstellen ersetzt.
    Ausserdem sollte – neben dem durchgehenden Wunsch nach “Künstlerambiente” – das produzierende Kleingewerbe, Schlossereien, Schreinereien usw. wieder eigebürgert werden.

  3. Trickster

    Wir sollten einmal darüber nachdenken, situationistische Spaziergänge durch die Stadt zu unternehmen,um deine Anrgungen entweder bestätigt zu finden oder nach Möglichkeiten zu suchen, sie in die Tat umzusetzen. Ich denke, ich werde ein paar meiner Beobachtungen zu der städtischen Fauna beitragen. Unter den Dächern der kapitalistischen Kathedralen tut sich einiges.
    Und:der Tag des Scherbengerichts wird wohl kommen.

  4. gaukler

    Mich würden da Bewegungen zwischen Distrikten de Stadt und verschiedene subkutane Strömungen interessieren. Neben dem repräsentativen Raum der Flaniermeilen. Danach, davor, dahinter. Wer bevölkert das und wohin gehts, und warum.

  5. abadon

    :-)
    dann lass uns mal auf ein spontanes bier unter der woche treffen!
    vll. vor der boerse ;-)

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