Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurts Netze – eine Geruchsprobe (I)

Ein Gütesiegel echter Metropolen liefert deren Vernetzung, als Ausbau regionaler und Einbindung in globale Netze. Je nachdem wie das gelingt, soll sich eine eigene Marke der Stadt aufbauen, das Glück der Bewohner ansteigen und viele Auswärtige mit ihr in Verbindung stehen. Das gilt auch für Metropölchen wie Frankfurt und RheinMain.

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Gewöhnlich denken wir bei den Netzen heute an das Internet und den Flugverkehr, aber es gibt noch weitaus mehr Netze, unterirdische wie flüchtige, private wie öffentliche, wirtschaftliche und kulturelle. Ausserdem Mischformen ihrer. Frankfurt lässt sich aber nicht bloß als Knoten in solchen Netzen verorten, sondern sie baut selbst Netze und in ihr werden Knoten zu eigenen Netzwerken verwoben. Das geschieht mit bemerkenswerten Effekten, denn Netzwerke modulieren gleichsam das Aroma der Städte, im Gemurmel der Cafes bis zu den Begegnungen auf Büroflurs.

Bei Nennung des Namens „Mainova“ merkt fast jeder Mieter in Frankfurt auf, erinnern sich Leser der Rundschau oder HR-Hörer an Privatisierungskampagnen. Wasser, Strom und Gas werden von ihr im Untergrund der Stadt bewegt, in jede Strasse, jedes Haus. Ein echter Ingenieursbetrieb, ganz nah an der klassischen Physik: Mechanik, Pneumatik, Elektrik, verkeilt zwischen Öko- und Ertragspolitik, kommunaler Pflicht und Marktoptimierung.
Öko erledigen Mainova gern mit Imagekampagnen, Energieberatern und Kinderfesten, ein beschauliches Ökonetz eben. Ihre Ertragspolitik und Marktoptimierung schwankt je nach Stimmung: der Frankfurter Obergrüne, Stadtkämmerer und Fischer-Freund Tom Koenigs sah in den 90ern die Privatisierung möglichst vieler kommunaler Leistungen als 2. Urknall der Markt-Ökonomie. Das betraf auch die Mainova und Freund Fischer hat sich Jahre später bei seinen Privat-Verträgen mit RWE sicher gerne dran erinnert. Mainova ging aber zu E.ON. Preise hoch war das Resultat, für die ohne Marktmacht, also die gewöhnlichen Mieter. Das mit E.ON wurde in den letzten Jahren dann rückabgewickelt, nun wollte man selbst ein profitabler und expansiver Marktplayer werden, deshalb Zukauf und Allianzen. Die Preise blieben oben, was auch sonst.

Mainova passt in die Privatisierungskampagnen, wir gewöhnen uns gerade an die der Brücken, müssen vermutlich um die Strassen und Bürgersteige bangen, zuletzt wird’s der Main und der Stadtwald sein. An Mainova findet der Beteiligungsmarkt auch schon wieder Gefallen, Ende offen, vielleicht gibt’s gute Berater.

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Ein ganz anderes Netzwerk bietet die „Zeitungsöffentlichkeit“, die in Frankfurt durch mehrere Verlage und Anbindung an nationale Pressekonzerne verwoben wird. Die Frankfurter Rundschau soll darin sozial-demokratische Fäden des Netzes spinnen. Gerne holt sie sich dazu Berater, am besten solche mit Medienwirksamkeit und witzigen Öffentlichkeitsprofilen. Einer davon heisst Vince Ebert, Physiker und Kabarettist, bekannt von Bühne und Fernsehen. Neulich hat er uns wieder im FR-Magazin über die Welt aufgeklärt. Sein Beitrag handelte locker davon, dass Planung Unsinn produziert, besonders ökonomische Planung, dass das Chaos sich schon selbst regelt, wir dadurch immer weiter kommen und einfach alles den Märkten überlassen müssen. Er ist ja Physiker und kann resümieren, dass die Natur auch nichts plant, bereits seit dem Urknall, so ist das eben.

Nun sollte man wissen, dass es schon immer Physiker mit unterschiedlichen Weltbeglückungsvorstellungen gab, 3 Exemplare lassen sich unterscheiden: zuerst der gewöhnliche Physiker, der physikalische Prozesse untersucht oder konstruiert und mit den physikalischen Ergebnissen zu unser aller Wohl betragen möchte. Dann der metaphysische Physiker, der sich wie Erwin Schrödinger dem Leben oder Carl Friedrich von Weizsäcker dem Ganzen in und hinter den Dingen zuwendet. Zuletzt der Frankfurter Physiker, der meint, die menschliche Umgebung ein bisschen mehr ökonomisch physikalisieren zu können. An unserem Ort macht er das als “Quant” meistens bei Banken oder Fondsgesellschaften, baut immer neue und schöne, mathematisch gewitzte Gewinnmaschinchen, denen dann so ulkige Namen wie „Index-Zertifikat“ oder „Credit Default Swap“ gegeben werden. Ein Kenner der Materie nannte die Produkte Massenvernichtungswaffen.

Unser Rundschau-Kabarettist fühlt sich wohl am ehesten mit den Quants verbunden, und schüttet Physik und Ökonomie gleich zu einer trüben Brühe zusammen. In einem Artikel (“Ein Hoch auf den Kapitalismus“) nicht lange nach dem großen Lehmann Crash fühlte er sich in diesem Sinne berufen, die Investmentbanker als besonders wohltuende Berufsgruppe herauszuheben: sie zahlen schließlich einiges an Steuern, während man das von einem Ökopfutzi gewiß nicht sagen kann. Gute Arbeit wird halt gut bezahlt, so einfach ist eben die Marktwelt, seit dem Urknall effektiv und die Chaostheorie bestätigt uns das noch extra. Nun muß sich der Leser fragen, woher der Unterhaltungs-Physiker seine recht platten ökonomischen Parolen eigentlich gewinnt, was ihn veranlasst, diese penetrant zu verbreiten und wieso die “sozialdemokratische” Frankfurter Rundschau ihm dazu eine Plattform gibt.

Vielleicht hilft uns die Erkenntnis, das Vince Ebert ausser Physiker, Kabarettist und Kolumnenschreiber auch noch als Marketing-Berater wirkt, als „Energiecoach“ für die Mainova, witzige Öffentlichkeitsphysik quasi. Womit ein kleiner Knoten im Frankfurter Netz gefunden wäre. Bei der weiteren Suche in der Kultur zwischen Rundschau und Mainova werden wir auf noch mehr Netze stossen, die das Aroma der Stadt bestimmen.


5 Kommentare zu “Frankfurts Netze – eine Geruchsprobe (I)”

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