Frankfurter Gemeine Zeitung

“Der Tod, das muaß a Markwort sein…”

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Foto: Focus Online
Für den Tod des kritischen investigativen Journalismus hat er eine Menge getan. Nun darf er den Tod in Frankfurt wahrhaftig und leibhaftig spielen. Der scheidende Focus-Boss Helmut Markwort reüssiert noch bis zum 28. Juli als Tod in der hessischen Variante von Hugo von Hofmannsthals “Jedermann” in der Kulisse des Archäologischen Gartens vor dem Dom. Das “Frankfurter Volkstheater” machte das Unmögliche möglich. In gewohnter Objektivität rezensierte Focus Online  die Premiere am 18.7. : “Focus-Chefredakteur Helmut Markwort hat im “Hessischen Jedermann” in Frankfurt einen überzeugenden Auftritt als Schauspieler hingelegt.” Als Zeugen kommen Markworts Lebensgefährtin, Bunte-Chefin Patricia Riekel und Focus-Kolumnist Harald Schmidt ausführlich zu Wort. Eine begleitende Fotostrecke mit 12 Markwort-Tod-Fotos läßt keine Wünsche offen- zumindest so weit sie sich auf Markwort-Fotos beziehen.  In der Rezension werden Markworts und Hoffmannsthals eingehessischte Todessätze zitiert: ” Du kannst strample wie Du willst” oder “Mit mir kannste net handele”. Sie dürften den Schreibenden sicherlich auch aus mancher Redaktionskonferenz aus diesem Munde geläufig sein. Die Rezensenten erlebten Markwort erstaunlich “menschlich” in seiner Rolle, was die Frage nach dem eigentlichen Markwort nahelegt. Egal, Focus zählte – Fakten, Fakten, Fakten!- exakt “621 Zuschauer” am Premierenabend und die bedachten “Publikumsmagnet Markwort” mit “Bravorufen”. In der Redaktion des Focus geht derweilen auch das große Sterben um, wenn auch vermutlich ohne Bravorufe. 280 Mitarbeiter erhalten laut Süddeutscher Zeitung ein Abfindungsangebot, 50-60 Jobs sollen wegfallen. Aber Focus ist und bleibt immer noch das, was die Wiener zu Hoffmansthalschen Zeiten “A schöne Leich” nannten. Imitiert also das Leben die Kunst, wie Oskar Wilde vermutet? Kaum, denn bei Hofmannsthal kennt der Tod keine “Schichten” und holt den Reichen unbarmherzig, aber zur allgemeinen Erbauung ins Jenseits. Was Hoffmannsthal noch nicht ahnte: Die gierigen Reichen sterben zwar, aber sie sterben so schnell nicht aus. Das aber weiß Markwort und zeigte sich daher gegenüber den Reichen und Erfolgreichen stets voll nobler Herzensgüte. Über die Übrigen notierte er kürzlich gedankenvoll in sein Focus-Tagebuch: ” Sarrazin, Vorstandsmitglied der Bundesbank und früherer Finanzsenator von Berlin, soll wegen seiner Hypothese bestraft werden, die Deutschen würden immer dümmer, weil viele Menschen aus – wie es heißt – bildungsfernen Schichten bei uns einwandern. Dass das Aussprechen solcher Fakten bei uns zu Prozessen führen kann, ist ein groteskes Missverständnis von politischer Korrektheit. Bevor Politiker handeln können, müssen die Realitäten erkannt und ausgesprochen werden. Jedes Land muss definieren, was es sich von Einwanderern verspricht. Über die Schweiz beispielsweise, in die viele gut ausgebildete Deutsche einwandern, lässt sich sagen, dass die Schweizer intelligenter werden.“Ja, so läßt sich das sagen über die Schweiz. Man könnte aber auch so sagen: Ihr habt ein granatenmäßiges Glück, ihr dummen Schweizer! Fragt sich nur, warum all die gutausgebildeten Deutschen aus unserem tollen Land aus- und die aus den “wie es heißt” bildungsfernen Schichten hier einwandern. Na, vielleicht weil sie hier auf eine immer noch breite, im tiefsten Sinne bildungsferne Schicht treffen: Focusleser und -schreiber.

Allerlei Tiefe hat ja bekanntlich auch Hoffmansthals “Jedermann” zu bieten, dem durch die Übertragung ins Hessische noch ein paar Untiefen hinzugefügt wurden. Das Stück konfrontiert einen mit den berühmten letzten Fragen: Wann kommt mein Tod? Und wie wird mein Tod aussehen? Wenn ich mir allerdings vorstelle, mein Tod sähe aus wie der Markwort…. Allmächtiger! Das wär mein Tod.
In diesem Leben ist der erste aller Focusleser als Tod in Frankfurt noch zu beschauen bis zum 28. Juli. Nähere Infos beim Frankfurter Volkstheater.


6 Kommentare zu ““Der Tod, das muaß a Markwort sein…””

  1. Yunus

    Mach Dir keine Sorgen…
    Die so genannten Bildungsfernen lernen. Und all jene, die ob ihrer Präsenz den Tod zu verstehen glauben, kennen Ihn nur allzu gut. Und sie fürchten Ihn. Das macht sie menschlich.

  2. Goethe

    Man weiß in solchen Fällen nicht, ob man besser tut, sich dem Schmerz natürlich zu überlassen oder sich durch die Beihilfen, die uns die Kultur anbietet, zusammenzunehmen.

  3. Bert Bresgen

    Werter Goethe, manche kulturelle Beihilfen bereiten Schmerzen wie das Leben selbst und werden noch nicht mal von der AOK übernommen.Was Euch interessieren dürfte: in die hessische Jedermann-Version wurden auch ein paar Faust-zitate eingeflochten. No idea why, vielleicht a la: “in Frankfurt geht der Goethe immer”.

  4. Bert Bresgen

    Yunus, dass die Präsenten, die uns täglich präsentiert werden, den Tod fürchten, ist möglich, aber kein wahrer Trost. Fürchte ich.

  5. Bert Bresgen

    Mir machen auch weniger die bildungsfernen Schichten Sorgen, als die, äh, bildungsnahen.Ein Satz wie: “Die Deutschen werden immer dümmer” ist unendlich dumm, ein Fernsehsatz, denn “Die Deutschen” sind ebenso wenig eine Kategorie wie “Dummheit”. Vielleicht Thomas Mann kann man in den 30ern oder auch 50ern die Rede von “DEN Deutschen” gestatten, Mediokren Gestalten wie Markwort und Sarrazin im Jahr 2010 nicht.mehr.

  6. Goethe

    @Bert Bresgen: Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist. Wer könnte es denn wohl den lieben Deutschen recht machen, die noch immer in ihren anarchischen Wust verliebt sind? Es ist in diesem Volke ein eigenes Gemisch von Originalität und Nachahmerei. Wenn man ihnen eine Blume zeigt, so fragen sie gleich: „Riecht sie? Kann man Tee davon trinken? Dürfen wir sie nachmachen?“ Der beste Rat ist, die Deutschen wie die Juden in alle Welt zu zerstreuen. Nur auswärts sind sie noch erträglich! Aber wenn man die Unredlichkeit der Deutschen in ihrer ganzen Größe kennen lernen will, muss man sich mit der deutschen Literatur bekannt machen…

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