Frankfurter Gemeine Zeitung

Stadtfauna – 1

fauna
VORAB

Die in den letzten Ausgaben beschriebenen Strategien zur Eindämmung der neoliberalen Monokultur, die die letzten lebenswerten Viertel zu kolonisieren droht, waren eine gute Anregung, auf den Spaziergängen durch die Stadt doch genauer hinzuschauen, der Oberfläche eben nicht zu vertrauen.

Es ist ja nun nicht nur so, dass (Unter-)Arten aussterben, die Evolution kennt immer Phasen, in denen sich Neues entwickelt. Nur spielen sich die interessantesten Prozesse nicht unbedingt leicht erkennbar – und doch vor aller Augen – ab. Die morphologischen Kennzeichen sind ebenfalls nicht unbedingt phänotypisch ersichtlich, so dass sich eine Einordnung erst langsam erschliesst. Nicht zu vergessen ist hier auch die unglaubliche Fähigkeit zur Mimikry, die vor allzu rascher Erkennung schützt und einen Überlebensvorteil darstellt. Solange es keinen abgesicherten Platz im angestrebten Biotop gibt, ist dies auch ratsam.

Ein Vergleich der eigenen Beobachtungen mit denen der Spaziergänger in anderen Städten zeigt, dass sich hier eine Entwicklung abzeichnet, die sich in den verschiedensten Regionen dieses Globus bemerkbar macht. Für Nicht-Biologen ist eine klare Katalogisierung ähnlich zweifelhaft wie für Soziologen und ähnliche Politiker, wenngleich einige Experten sich zeitig outen, wie Müntefering, Westerwelle, von der Leyen zum Beispiel. Allerdings sollten wir deren Expertisen mit grösster Vorsicht begegnen. Andererseits wird sowohl Erkennung als auch Einordnung zusätzlich dadurch erschwert, dass sich neue Sekten wie die „Applegated Community“ ähnlicher Verhaltensmuster bedienen, obgleich sie keine wirklich neuen Erscheinungen darstellen, nur in neuen Gewändern daherkommen, was daran erkennbar ist, wie und dass sie sich eng um ihr Label und Steve Jobs scharen.

Zu einer Bestimmung, die dieses Etikett verdient, bedarf es der Geduld, denn in der allgemeinen Raserei, die in der Stadt vorherrscht, sind Neuerscheinungen, wenn sie nicht gerade zwei-, dreihundert Meter aufragen oder uns von Plakatwänden anschreien, nur zu leicht zu übersehen. Und es muss die Bereitschaft vorhanden sein, die Perspektive etwas zu verschieben.

Der Blickwinkel, der uns von allen möglichen Experten der „Stadtkultur“ nahegelegt wird, bedient sich eines allzu groben Rasters, das die Vielfalt keinesfalls erfasst. Allein hinter dem Kampfbegriff des demografischen Wandels gelingt es ganzen Gruppen, sich zu verstecken. Wir benötigen ein anderes Instrumentarium, um dem allem beizukommen.

Zunächst ist die Tageszeit ein solches Werkzeug.

Jeder Städter kennt die werktäglichen Kernzeiten, registriert sie mühelos am An- und Abschwellen der Ströme in den verschiedenen Bereichen der Stadt. Vordem unauffällige Orte zeigen bei längerem Verweilen nun auf einmal erhöhte Aktivitäten- ohne dass neue Kneipen oder Boutiquen zu erkennen wären.

Dann Orte wie Schwimmbäder, öffentliche Anlagen, die kaum merklich eine andere Benutzerzusammensetzung offenbaren, des weiteren verschwinden kleinere Firmen und dafür machen sich obskure Agenturen breit.

Beim Gang über die Bergerstrasse fällt auf, dass nur vor bestimmten Filialen im unteren Teil höfliche Männer mit einem Plastikbecher in der Hand stehen, Punker findet man zwischen Höhenstrasse und Uhrtürmchen. Mitten in der Eschenheimer Anlage entdecken wir ein Wasserhäuschen, an dem ganz offen die üblichen Verdächtigen sich treffen, mit schöner Regelmässigkeit und stets pünktlich. Ansonsten stehen dafür versteckte Räume zur Verfügung wie in der Merianstrasse. Diese Nebensächlichkeiten weiten den Blick.

Die Spaziergänge sind lohnend, die nächsten Folgen werden davon berichten, was allerdings niemanden davon abhalten sollte, seine eigenen Wege zu gehen und uns teilhaben zu lassen.

Bis dann also.


Ein Kommentar zu “Stadtfauna – 1”

  1. gaukler

    „Applegated Community“ find ich Klasse, das müsste man mal weiter ausführen !

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